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Ob als Mythos, als Symbol für Schönheit und Kraft, als Freund, Arbeitstier, Therapeut oder Coach – das Pferd ist dem Menschen ein Spiegel.

Nimm dich in Acht: Das Pferd verrät dich, dich und deine geheimsten Gedanken“, heißt es in Rudolf G. Bindings poetischem Werk „Reitvorschrift für eine Geliebte“. „Dein Pferd straft dich Lügen. Wenn du ihm nicht vertraust, wird es dir nicht trauen; wenn du schwankend wirst, wird es eigene Wege gehen. Wenn du erschreckst, wird es erschrecken; aber es wird mutig und guter Dinge sein, wenn du mutig und guter Dinge bist“, lehrte der 1938 verstorbene deutsche Schriftsteller, Rennreiter und Pferdezüchter.

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Michaela Hainzl reitet, seit sie 13 Jahre alt ist. Heute pflegt und versorgt die gebürtige Mühlviertlerin ihre beiden in die Jahre gekommenen Tiere Fred und Penny.

Kaum ein anderes Lebewesen reflektiert so ehrlich und kompromisslos unser Innenleben wie das Pferd. Es reagiert auf kleinste Körperanzeichen und minimale Anspannungen, auf innere Konflikte und Unsicherheiten. Es ist immun gegen Schmeichelei und falschen Schein. Sein Verhalten verrät uns, klärt auf über die Diskrepanz zwischen dem, was wir darzustellen versuchen, und dem, wer wir wirklich sind. „Dein Pferd weiß um dich: Es weiß, ob du gut geschlafen hast zur Nacht, ob du zerstreut oder gesammelt, ob du fröhlich oder traurig, ob du vertrauend oder in Zweifeln bist, ob du ans Reiten denkst oder ans Frühstück“, wusste R. G. Binding, und er riet: „Ärgere dich nie über dein Pferd; du könntest dich ebensowohl über deinen Spiegel ärgern.“

Das Pferd ist aber nicht nur Spiegel, sondern auch Mythos, Symbol und Projektionsfläche. Seit jeher war der Mensch fasziniert von diesem Tier, und es ist nicht nur ein bedeutender Bestandteil der Kunst- und Kulturgeschichte, sondern auch der Menschheitsgeschichte als Ganzes. Etwa zur gleichen Zeit, als der menschliche Vorfahre Homo erectus seine aufrechte Gestalt entwickelte, wuchs das Pferd vom hundegroßen Waldbewohner zum großen Steppentier heran. 50.000 Jahre alte Knochenfunde bezeugen frühe Mensch-Pferd-Interaktionen. Die Beziehung war damals jedoch alles andere als freundschaftlich, denn das Pferd diente dem eiszeitlichen Menschen als Jagdobjekt und Nahrungsquelle. Domestiziert wurde es sehr viel später – sowohl aus ökonomischen als auch aus kultisch-religiösen Gründen. Das gezähmte Pferd war zunächst Transporttier, spielte dann eine wesentliche Rolle in Kriegen und Schlachten und wurde später als Arbeitstier in Landwirtschaft, Bergbau und Verkehr eingesetzt. Offiziell längst durch das „Kilowatt“ abgelöst, ist die „Pferdestärke“ noch immer ein gebräuchliches Maß für Leistung.

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Pferde genießen menschliche Nähe und Fürsorge, brauchen aber auch Weite und Freiheit.

In der griechischen und römischen Mythologie war das Pferd ein Bote zwischen Himmel und Erde. Der geflügelte Pegasos, als Kind der Medusa und des Meeresgottes Poseidon geboren, wurde schließlich in ein Sternbild verwandelt. Auch der Zentaur, eine Mischform aus Mensch und Pferd, strahlt als ausgedehntes Sternbild am nächtlichen Südhimmel. Odin, der Hauptgott der Germanen, ritt auf einem achtbeinigen Pferd über die Meere und durch die Lüfte. Skulpturen und Bilder stellen Menschen häufig in Verbindung mit Pferden dar. Mut, Würde, Schönheit und Kraft – all diese erstrebenswerten Eigenschaften scheint das Pferd zu symbolisieren beziehungsweise im Menschen zu fördern. Vielleicht fühlen wir uns diesem Wesen aber auch einfach auf eine unergründliche Weise verwandt. Studien des Regensburger Instituts für Zoologie haben nachgewiesen, dass Pferde ebenso eifersüchtig sein können wie Menschen. Außerdem versuchen Pferde häufig, Konflikte zwischen anderen zu besänftigen, indem sie sich zwischen zwei Raufbolde drängen.

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Die 32-jährige Stude „Miss Moneypenny“ (Im Vordergrund) teilt mit Michaela Hainzl schon 28 Jahre Lebenszeit.

In Pferdeherden herrscht eine präzise Hierarchie. Die Leitstute muss nicht unbedingt das körperlich stärkste Tier sein, auch der Leithengst nicht, obwohl dieser oft um seine Position kämpfen muss. Die Leittiere werden von den anderen vor allem deshalb akzeptiert, weil sie sich als Führungskräfte „zur Verfügung“ gestellt und sich das Vertrauen der Herde erarbeitet haben. Je höher ein Tier in der Rangordnung steht, desto mehr verlässt es sich auf mentale Kommunikation und Mimik anstatt auf Muskelkraft. Möglicherweise auch eine Parallele zum Menschen?

Heute ist das Pferd in erster Linie Sport- und Freizeitpartner, wird aber auch in Pädagogik und Therapie eingesetzt. Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit psychischen, geistigen oder sozialen Entwicklungsstörungen profitieren vom Umgang mit ihm. Selbstwertgefühl und Eigenwahrnehmung werden gestärkt und verbessert, die Fähigkeiten, sich zu fokussieren und zu entspannen, unterstützt. Im Getragensein vom warmen, schaukelnden Pferdekörper kann Urvertrauen wachsen, und allein durch die Berührung werden Muskeln und Blutgefäße tonisiert. Auch als Trainer für ManagerInnen und Teams tritt der große Vierbeiner immer häufiger in Aktion: Kaum kommen wir in seine Nähe, taxiert er uns und fragt: „Wer führt?“ In der Beziehung zum Pferd sind ähnliche Fähigkeiten gefragt wie beim Leiten eines Teams, einer Firma oder einer Schulklasse. „An jedem Tag musst du dein Pferd von Neuem erobern: durch Liebe und List, Überlegung und Überlegenheit, durch Gerechtigkeit und Mut, durch Strafe und Lob, wo sie verdient sind“, heißt es in der „Reitvorschrift für eine Geliebte“.

 

Zum Fotografen

Otto Hainzl ist freier Fotograf in Linz. Er arbeitet künstlerisch und fotografiert Aufträge in den Bereichen Architektur, Portrait, Reportage – beispielsweise die „Welt der Frau“-Yogafotos. Mehr unter www.ottohainzl.at

Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2013 – von Laya Kirsten Commenda