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Von der Anziehungskraft der Berge und deren Dämonen, von der Liebe zu den Tieren und dem Ärger mit ihnen und vom Leben mit sich selbst: mein herrlich beschwerlicher Sommer als Hirtin.

Es war August. Ein mulmiges Gefühl ließ mich kaum erste morgendliche Sonnenstrahlen erwarten, scheinheilig lugten sie dann aber über den Bergkamm, tänzelten zwischen Heidelbeerstauden und Eisbergen. In der Nacht zuvor hatten die Götter ihre Schwerter gewetzt und für apokalyptische Zustände im Talkessel gesorgt. Meine Almhütte hatte sich im Hagel gekrümmt, war im unaufhörlich grollenden Echo erzittert. Drinnen hatte die Flamme der Wetterkerze versucht, dem durch die Holzfugen pfeifenden Wind standzuhalten.

Vor dem Fenster waren im Leuchten der Blitze fragmentarisch Kühe erkennbar gewesen. Mein Gedankenkarussell fing sich an zu drehen: „Was, wenn ihnen etwas passiert? War ich eine schlechte Hirtin?“ Ich fand mich in Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ wieder. Abgeschnitten von jeglicher Zivilisation blieben Hilferufe in dieser unbewohnten Gegend ungehört. Mein Almhandy funktionierte nicht, und kaum eine Menschenseele verirrte sich hierher. Schließlich besann ich mich auf das Einzige, was mir in diesem asketischen Dasein zur Verfügung stand und was ich im Zuge dieses kontemplativen Lebens wiedergefunden hatte: mein Urvertrauen und meine Zuversicht. Ich war eingeschlafen, dank Schnaps und Traubenzucker.

REDUKTION MACHT FREI
Jetzt, Mitte September, stand ich da in der Küche dieser Hütte in einem Gebiet in Osttirol, inhalierte noch einmal die von Ruß und Holzrauch erfüllte Luft, packte die nach 95 Tagen Almdasein übrigen Sachen und schloss die Fensterläden. Hier hatte am 10. Juni alles begonnen und hier endete es auch: Dazwischen war ich Königin über ein 270 Hektar großes und auf einer Höhe zwischen 1.750 und 2.600 Metern liegendes Reich gewesen, war fünfmal umgezogen, hatte in drei Neun-Quadratmeter-Refugien gewohnt, höhenmetertechnisch achtmal den Mount Everest bestiegen, war Hüterin von 55 Kalbinnen, drei Noriker-Stuten und einem Fohlen gewesen, hatte zwei Festmeter Holz gehackt und verheizt, 50 Badewannen Quellwasser mit Kübeln geschöpft, hatte eine halbe Tonne Lebensmittel, Gewand und anderes Material auf dem Rücken transportiert, war zum begnadeten Waschweib mutiert, hatte monatelang keine Klospülung gedrückt, nicht geduscht und war mehr als selig. Die Einfachheit machte mich frei, die Reduktion öffnete Perspektiven, die Rhythmen von Natur und Tier entzogen mich der Zeit und dem gewöhnlichen Alltagsrauschen.

Bei meiner Ankunft hier auf 1.900 Metern hatte ich nicht gewusst, was mich erwartete. In der ersten Zeit war ich damit beschäftigt gewesen, Routine zu bekommen. Kaum hatte ich mich eingelebt, wurde auf die Hochalm auf 2.300 Meter umgefahren. Die Höhe war für den Körper ungewohnt. Essen musste aufgrund langer Gehzeiten, Distanzen, Höhendifferenzen und fehlender Greißler eingeteilt und rationiert werden; Wasser war abseits des Brunnens nicht verfügbar. Die viele Bewegung und Anstrengung war anfänglich besonders für den Organismus eine neue, aber willkommene Lebensform.

ANDERS LEBEN
Ich musste lernen, den Tag nach der Sonne als einzige Lichtquelle einzuteilen und nach dem Wetter auszurichten. Einfache Aktionen wurden zur Herausforderung, banale Handgriffe gestalteten sich umständlich. In einer automatisierten Welt hackt man kein Holz, um Feuer zu machen, macht kein Feuer, um Wasser zu wärmen, wärmt kein Wasser, um Wäsche, Geschirr oder den Körper zu waschen. In einer digitalisierten Welt schleppt man keine 15-Kilo-Autobatterie über die Berge, um sie als Handy-Ladestation zu nutzen. In einer modernen Welt ist der Kühlschrank kein entlegener Brunnen, in dem man mit Steinen beschwerte Milchflaschen versenkt, sondern ein Haushaltsgerät.

Bei mir hier oben aber gab es dafür dieses vollkommene Gefühl von Glück, wenn mich der erste Sonnenstrahl durchs Fenster im Bett weckte. Wenn ich auf die endlose Wolkendecke blickte, die das unten liegende, andere Leben bedeckte und nur durch die Bergspitzen durchbrochen wurde. Es waren der Steinadler und der Fuchs, die „Ausbrecher“-Schafe, die „Zigeuner“-Ziegen, meine Murmeltiere im Almgarten und die „Harakiri“-Gämse, die mir unvergessliche Momente bescherten. Ich wünschte mir, mein Jauchzen würde gehört, mein Brennen im Herzen würde auf andere Menschen übertragen und meine Arme könnten die Erde umfassen. Ich war gesegnet, das alles erfahren zu dürfen.

Das Aufs-Klo-Gehen war besonders bei Unwetter ein abenteuerlicher Wettlauf: Gummistiefel an, Stirnlampe auf, Papier mitnehmen, raus, Hose runter, in die Hocke, pressen der Schnelligkeit wegen, hoffen, dass kein Blitz einschlägt, wischen, Hose rauf und über die glitschigen Steine zurück ins Kleinod. Umso schöner waren die gleichen Aufenthalte bei klarer Nacht unterm Firmament oder die Plumpsklo-Sitzungen bei offener Tür, die mit Blick auf die Karnischen Alpen und Sextener Dolomiten zur Live-Panorama-Dauerwerbesendung wurden. 

DIE ANGST DER ANDEREN
Nun war es Zeit, Lebewohl zu sagen und die Alm dem Winter zu übergeben. Das Gras war alt geworden, die Nächte frostig, und meine Weiber und mich zog es ins Tal. Wie sehr die Menschen mir Angst eingeredet und Sorge um mich gehabt hatten. Und wie skeptisch sie der Einsamkeit gegenüber waren. Beide Empfindungen hatte ich kein einziges Mal verspürt. Alleinsein heißt nicht einsam sein. Den Menschen macht zudem nicht die Einsamkeit an sich Angst, sondern im Alleinsein die Konfrontation mit sich selbst.

So beschwerlich alles gewesen war, ich empfand Demut und Dankbarkeit, für diese Aufgabe auserwählt worden zu sein. Es war mein ganz persönlicher, einzigartiger Almsommer gewesen; ich würde nicht wiederkommen.

Kraft-Kammer. Aus der Not wurde eine Tugend, aus der Hirtin (auch) eine Holzhackerin und aus den Buttermuskeln wohlgeformte Arme.

Kraft-Kammer. Aus der Not wurde eine Tugend, aus der Hirtin (auch) eine Holzhackerin und aus den Buttermuskeln wohlgeformte Arme.

Fleischgewordene Zufriedenheit. Oft hatte ich das Bedürfnis, mich mit gestreckten Gliedmaßen auf einen dieser Körper zu legen, mein Gesicht in der Wamme zu vergraben und im Atem „abzuheben“. 

Fleischgewordene Zufriedenheit. Oft hatte ich das Bedürfnis, mich mit gestreckten Gliedmaßen auf einen dieser Körper zu legen, mein Gesicht in der Wamme zu vergraben und im Atem „abzuheben“.

Handy-Nostalgie. iPhone war gestern, Nokia ist heute. Ein Smartphone wäre an dieser archaischen Lebensform kläglich gescheitert.

Handy-Nostalgie. iPhone war gestern, Nokia ist heute. Ein Smartphone wäre an dieser archaischen Lebensform kläglich gescheitert.

Be„hüttet“. So klein sie auch schien, so großzügig war sie, so spartanisch sie innen war, so bot sie mir doch alles: Schutz, Geborgenheit und Wärme.

Be„hüttet“. So klein sie auch schien, so großzügig war sie, so spartanisch sie innen war, so bot sie mir doch alles: Schutz, Geborgenheit und Wärme.

Erschienen in „Welt der Frau“ 06/16 – von Kathrin Schwediauer