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Den Kopf im Weltraum und die Füße gerade noch am Boden

Der Ton der hier versammelten Erzählungen verändert sich, mutet Erzählung um Erzählung mehr und mehr zu, wird abstrakter und abstruser und origineller und witziger und frivoler. Ich lese Bücher immer ab der ersten Seite, fange unerschütterlich immer mit der ersten Erzählung an und lass mich von so Titelgeschichten wenig beeindrucken. Dann aber doch, aber später.

Die erste Geschichte stößt uns in ein Krankenzimmer, da steht man da als Leserin, hat keine Blumen mit und will am liebsten wieder raus. Doch da ist schon die Rede von Buena Vista Social Club, die Patientin dort drinnen hört doch volle Lautstärke „Hasta Siempre Comandante“. Ich bleibe, blättere nicht weiter und erfahre, dass die Ich-Erzählerin 33 Jahre alt ist, eine Perücke trägt und Krebs hat. Und einen künstlichen Darmausgang, das gehört zusammen gelesen und verstanden. Sie trifft im Krankenhauscafé auf einen, der genauso einsam ist wie sie, sich aber das Essen schmecken lässt und Neonsocken trägt – einen Popstarparadiesvogelpatientenopa – so wird hier erzählt. Und da ist noch Tom, der Freund, der jetzt Zeit braucht, den Krebs seiner Freundin zu verarbeiten oder wie man das halt so formuliert. Der Klinikfreund, der Alte im Rollstuhl, hat schnell seinen Kosenamen „Il Comandante“ weg, man tauscht die Handynummern und geht miteinander Eis essen. Tom meldet sich, der Comandante rät zu einer Überholung der Garderobe, ein passendes, den künstlichen Darmausgang überdeckendes Kleid wird gefunden, die Vorfreude aufs Tom-Treffen steigt, das große Herz des Kubaners versagt: Es hat nicht mehr mitgemacht, sagt die Intensivstation.

Und nun doch die Titelgeschichte.

Obwohl wir Namen haben, sogar ganz normale, also keine ultradoofen wie Babsi und Horst oder so, benutzen wir sie miteinander nicht. Wir haben Kosedinger. Du sagst Krassiwaja. Ich Libero. Libero, weil ich dich frei denke. Und nicht an Fußball und irgendwelche Verteidigungen, wie du immer behauptest. Ich denke dich italienisch, obwohl du halber Rumäne bist. Italienisch und frei im Gebirge oder so was. … Krassiwaja, wegen, keine Ahnung warum. Weil ich den Kopf im Weltraum habe und die Füße nur gerade eben noch am Boden. Mein Blick immer schwerelos.

Die Charaktere sind bizarr, der Erzählton der Ich-Erzählerinnen ist unabhängig von ihrem Alter, 33 oder 70, sie erzählen kompromisslos, wollen nicht gefallen oder beeindrucken, erzählen einfach so. Und das ist die Kunst. Keine Anklage, doch ein scharfer Blick auf Dialoge und Szenen, viele an einsamen Orten.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Humor, Witz, Erinnerungen an Buena Vista Social Club, Eisphantasien, Reisephantasien, Phantasien ganz generell, Liebe zu den Charakteren und dahinter wohl zu den Menschen generell.

Die Autorin, 1974 in Hamburg geboren, hat in Bern Schauspiel studiert, schreibt nach einigen Jahren als Schauspielerin Theaterstücke und Prosa und das wieder in Hamburg. Und ja, sie wollte Kosmonautin werden und kann Fallschirmspringen.

 

 

Karen Köhler:

Wir haben Raketen geangelt.

Erzählungen.

München: Hanser 2014

 

 

 

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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