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Der allerbeste Vater ist der tote Vater
Evelina Jecker Lambreva: Vaters Land

Das kleine Mädchen spricht Deutsch, die anderen kleinen Mädchen nennen sie deshalb „Hitler“. Es ist von seiner Großmutter und damit aus der ländliche Idylle von Neblisch weggerissen und nach Velkovo zu Vater und Mutter übersiedelt worden. Der Vater lehrt das kleine Mädchen die deutsche Sprache und macht es nicht nur dadurch zur gehänselten Außenseiterin. Er hasst diese Bulgarenkinder im Hof der Wohnblöcke, wo fast nur Offiziere leben, deren Kinder damit prahlen, wie viele Tschechen ihre Väter in Prag im August 1958 mit dem Panzer niedergewalzt hatten. So landet man in dieser Geschichte mitten in der neueren Zeitgeschichte, muss sich selbst erst einmal zwischen Einzelschicksal und kollektiven Erlebnissen orientieren. Ein kleines Mädchen also, das geschlagen, in Deutsch unterrichtet und nie so richtig geliebt wird. Und andererseits das totalitäre Regime Bulgariens, in dem die Kleine bei ihrem ebenfalls autoritären Vater und der sehr angepassten Mutter aufwächst.

Nun ist der Vater tot, ist so gänzlich unprätentiös gestorben, wie es so gar nicht zu seinen großen Auftritten im Leben passen will. Er hat Frau und Tochter gequält, war selbst ein Gehetzer, ein Gequälter.

Jetzt dürfen wir endlich aufatmen und leben, Mutter! Endlich richtig und in Ruhe leben, ohne uns fürchten oder schämen zu müssen, ohne ständig in Unruhe zu sein, was für eine Peinlichkeit er als Nächstes anstellen wird …

Die Mutter widerspricht auch jetzt ihrer erwachsenen Tochter, die aus der Schweiz zur Beerdigung nach Bulgarien gereist ist. Nein, es habe doch auch schöne Momente gegeben. Die Mutter wird zum duldenden Bulgarien, man hält durch, widersetzt sich nicht, verzeiht. Der Mann, der typische Bulgare aber, so beschreibt die reflektierende Erzählerin liebe nur seine Mutter wirklich, „auch dann, wenn er sich sonst als Bulgare verleugne. Immer wieder die Geschichte und Entwicklung Bulgariens im Spiegel der Dialoge, der Gehorsam einfordernden Männer, sei es der Vater und später der ärztliche Leiter einer Einrichtung, in der das mittlerweile Ärztin gewordene kleine Mädchen von damals arbeitet.

Ein beeindruckendes Buch, dass die Zeit des eisernen Vorhangs im Spiegel einer Lebens- und Familiengeschichte zeigt, das von Armut und Verfolgung erzählt. Widerstand wird zum Überlebensmotor, das Wiedersehen mit einer Automarke, dem Wolga, ein zufälliges Wiedersehen übrigens, zu einer sanftes Versöhnung mit dem Vater. Das Ich lässt uns mitleiden, mitzürnen, mitträumen und mitaufbrechen, es ist eine starke Kraft in diesem Ich, dass Zeitgeschichte begreift und damit auch die eigene Biografie, ein Ich, mit dem man wachsen kann.

Die Autorin ist 1963 in Stara Zogara, Bulgarien, geboren und lebt seit 1996 in der Schweiz, wo sie u. a. Psychiaterin in Luzern tätig ist.

Evelina Jecker Lambreva: Vaters Land.
Roman.
Braumüller Verl. 2014.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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