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Ein knallrotes Kajak und ein halbes Dutzend Paddelschläge zu seliger Ungestörtheit.

Da habe ich jetzt also ein Kajak. Es ist knallrot und ein sogenanntes Sit-on-Top-Modell, das meiner klaustrophobischen Neigung sehr entgegenkommt, weil man eben obendrauf sitzt und seinen Unterleib nicht – wie bei so vielen anderen Kajaks – durch ein komisches Loch im Bootsdeck in den Schiffsbauch verfrachten und fürchten muss, dass man eines Tages kentert, sich nicht befreien kann und unwürdig kopfüber nach unten hängend ertrinkt.

Angeblich ist die Kajaksaison kurz hier im Salzkammergut, wo mein knallrotes Boot sicher und trocken in einer Holzhütte am Ufer des Hallstätter Sees untergebracht ist. Das finde ich nicht. Ich sehe mich auch winters an den verschneiten Uferhängen entlangpaddeln. Aber so weit ist es noch nicht. Noch glüht ein spätsommerlich leuchtender Frühherbst. Ich ziehe das Boot aus der Hütte ins Wasser, schiebe mich vorsichtig hinein, greife mir das Paddel und bin schon weg.

Mein Kajak wurde kurz nach dem Ankauf im Rahmen einer privaten Zeremonie mit inkludierter Würstelgrillerei getauft und hört seither auf den schnittigen Namen „Roter Dachs“. Das kommt vom grandiosen britischen Kinderbuchklassiker „Der Wind in den Weiden“, der in voller Länge so heißt: „Der Wind in den Weiden oder der Dachs lässt schön grüßen, möchte
aber auf keinen Fall gestört werden“. Der Dachs im Buch ist eine großherzige Figur, ein Tier von großer persönlicher Autorität, das stets um Rat und Streitschlichtung gebeten wird, am liebsten aber in seinem Dachsbau vor sich hin „eigenbrötelt“.

Das Kajak heißt nach dem Dachs, weil man darauf von nichts und niemandem gestört werden kann. Ein halbes Dutzend Paddelschläge und schon ist man unerreichbar weit entfernt, wedelt nur mehr freundlich mit der Hand Grüße ans Ufer, blickt auf die Berge und den Himmel und vor allem aufs Wasser, das sich die meiste Zeit ölig glatt, tief und dunkel präsentiert. Wenn man so mit freiem Sinn dahingleitet, kann man durch-aus auch einmal Großzügigkeit walten lassen und zu Fremden Kontakt aufnehmen. Ein Hallstätter Holzhüttenbesitzer, der den „Roten Dachs“ vor Kurzem genauer in Augenschein genommen hat, verwendete das Wort, das am besten zum Kajakfahren passt. Ich selbst hätte mich niemals getraut, es in den Mund zu nehmen, um in dieser bodenständigen Gegend nicht unter EsoterikspinnerInnen-Verdacht zu geraten. Er jedenfalls sagte, das Kajakfahren sei „meditativ“. „Jawohl“, sage ich, „das ist es.“

Und wie. Und als ich da zu meiner Jungfernfahrt aufbreche und ohnehin schon selig bin angesichts der Aussicht auf die vielen mir bevorstehenden Stunden meditativen Paddelns, beschert mir der See auch noch eine Art Begrüßungsständchen. Ich paddle und höre Musik. „Das muss vom Ufer kommen“, denke ich und paddle weiter. Aber dann sehe ich sie: Mitten im See, auf einem der so venezianisch anmutenden Holzboote auf dem Hallstätter See, die hier „Fuhr“ heißen, sitzen drei Männer und blasen seelenruhig in ihre Instrumente: eine Trompete und zwei Hörner. Und was spielen sie, als ich sie entdecke? Eins dieser schönen, langsamen, schluchzenden Kärntner Volkslieder, die ich aus meiner Kindheit so gut kenne. Ich nehm’s als Willkommensgruß und paddle, ohne sie zu stören, vorbei.


Erschienen in „Welt der Frau“ 10/2013 – von Julia Kospach