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Der Glaube gibt uns Sinn

Drei Schwestern aus dem Mühlviertel fallen auf: die Poxrucker Sisters über Prägungen, Werte, Ansichten und getimte Liebe.

Kaum erklingen im Radio ihre Stimmen, verziehen sich die grauen Wolken des Alltags – so lebensfroh sind die Mundarttexte und Melodien der „Poxrucker Sisters“. Kein Wunder, dass die Gutelaunelieder der drei zierlichen Mühlviertler Schwestern in den Charts rauf und runter georgelt werden. Fast jedes Wochenende schlüpfen Stefanie, 27, Christina, 25, und Magdalena, 20, in ihre Dirndln und geben Konzerte. Werktags sieht ihr Leben anders aus. Da tragen sie Jeans und Waldviertler Schuhe und wohnen – jede für sich – in Linz. Während die Jüngste auf der Pädagogischen Hochschule der Diözese Volksschullehramt studiert, hat die Mittlere, eine Hauptschullehrerin, Religion inskribiert, werkt in einem Jugendzentrum und gestaltet Österreichs größte Jugendsozialaktion „72 Stunden ohne Kompromiss“ mit. Die Älteste, eine Sozialarbeiterin, engagiert sich als Jugendleiterin im Dekanat Altenfelden.

Ich habe den Eindruck, dass ihr den Leuten mit eurer Musik den Blick fürs Wesentliche öffnen wollt.

Steffi: Das trifft es sehr gut. Daher besingen wir bewusst auch das Fehlerhafte. Erst das macht Vollkommenheit aus. Unsere Welt ist nicht heil, aber man kann das Beste aus ihr machen, wenn man zusammenhilft. Niemand kommt alleine durch.
Magdalena: Man muss mit anderen leben können, egal welcher Konfession oder Kultur sie angehören, sonst funktioniert es nicht. Die Erde gehört uns allen. Auch den Generationen nach uns. Wir gehen wertschätzend mit ihr um, möchten sie als guten Platz verlassen.
Christina: Von klein auf lernten wir, Strom und Wasser zu sparen, den Wert von Familie, Freunden und Traditionen zu erkennen. Unsere Eltern vermittelten uns Weitblick und Toleranz, animierten uns zum Reflektieren. Wir lernten, uns einzusetzen – auch für andere.
Steffi: Oft nahmen sie uns zu Demos mit, etwa nach Temelin. Dort protestierten wir dann gegen das Atomkraftwerk. Für uns Kinder war das sehr spannend.

Ob sie zur Sonntagsmesse wollten oder nicht, durften die Schwestern stets selbst entscheiden. Elterlichen Zwang gab’s keinen. Just im Firmungsalter, in dem sich Teenager eher von der Kirche entfernen, brachte ihnen Jugendleiter Reini Fischer den Glauben näher. Mit ihrem Mentor waren sie viel unterwegs, lernten, sich selbst zu hinterfragen und anderen offen zu begegnen. Diese Zeit war so prägend, dass auch sie nun Jugendliche begleiten.

Sind Glaube, Gott und Kirche dasselbe für euch?

Magdalena: Nein! Ich trenne meinen Glauben von der Institution Kirche, wo viele Dinge nicht vertretbar sind. Für mich ist Gott ein guter Freund und Beschützer. Ich kann mir auch vorstellen, dass er mir in Gestalt von Mitmenschen begegnet, die mich wie Engel begleiten. Ich begegne ihm auf Augenhöhe, muss ihn nicht anhimmeln. Er belehrt mich, ohne auf mich herabzuschauen.
Steffi: Nicht umsonst findet man in der Bibel so viele Gottesbilder. Es wäre verheerend, wenn nur ein Blick der richtige wäre. Diese unterschiedlichen Zugänge sollte auch die Kirche zulassen. Der Umgang mit Glauben ist nicht in Zement gemeißelt. Er verändert sich stark im Leben. Für viele gehört der Messegang zum Brauchtum. Uns reicht es nicht, in den Sonntagsmantel zu schlüpfen, brave Christinnen zu heucheln und unter der Woche jede Mitmenschlichkeit zu vergessen. Die Diözese Linz fördert Jugendarbeit zum Glück sehr, auch wenn die katholische Jugend innerhalb der Kirche eine Revoluzzer-Stellung einnimmt. Das passt uns! Auch Jesus war provokant und rebellisch.
Christina: Gerade weil die Kirche nicht den besten Ruf hat, kann man nur etwas verändern, wenn man aktiv im System eingreift. Aussteigen und warten, dass andere es tun, bringt nichts.

56_IMG_0333_PS_1_KLEINEuer Glaube ist demnach eine pulsierende Energie, nicht nur das Herunterbeten des Vaterunsers. Gibt es trotzdem Phasen, in denen er euch nicht berührt?

Christina: Sicher. Wenn’s stressig ist, erscheint Glaube wie Zeitverschwendung. Dann fehlt die Zeit, um sich mit sich selbst, Gott und der Welt zu beschäftigen. In solchen Spannen zwinge ich mich zu ehrenamtlicher Arbeit. Auch da erlebe ich Spiritualität. Und im Nu ist sie wieder da, diese spezielle Kraft. Mal fühlt sie sich leicht an, dann tief. Immer aber trägt sie mich, löst Begeisterung aus. Nach dem Motto: „Jetzt kann ich alles schaffen“.
Steffi: Mich holt sie auch auf den Boden der Tatsachen zurück. Macht mir bewusst, dass Menschsein vergänglich ist, ich aber trotzdem nicht auf der Übelholspur unterwegs sein muss. Letztens, als die gesungene „Praytime“ in unserer Jugendgruppe zu Ende ging, seufzte ein Bursche in der ersten Reihe: „Na geh!“ Er wollte nicht, dass es vorbei ist.

Glaube ist nicht Wissen, inkludiert Zweifel. Was, wenn ihr am Ende feststellt, dass euer Glaube nur Einbildung war?

Magdalena: Das wäre nicht schlimm. Lieber habe ich Hoffnung, dass es weitergeht, als sie nicht zu haben. Glaube macht Sinn. Und er gibt Sinn.

Hilfreich sei er auch an tristen Tagen. Das „Grausliche“ in der Welt sei wichtig, um das Gute zu erkennen. Es brauche beide Seiten. Drücke das Herz, gingen sie nicht frustshoppen, sondern verdrückten eine Träne, richteten einander auf und musizierten. Das liege im Blut. Ihre Oma war Chorsängerin, die Eltern beim Singkreis dabei. Schon als Kinder besuchten die Schwestern die Musikschule, komponierten Lieder, sangen bei Hochzeiten, Taufen, Heimatabenden und bei Christinas Diplomprüfung. In der Kommission saß ihr heutiger Produzent Roman Steinkogler. Sofort wollte er eine CD aufnehmen.

Hättet ihr diesen Schritt aus eigenem Antrieb gewagt?

Magdalena: Bestimmt nicht so schnell. Wir haben keinen Inszenierungsdrang, wollen keine Stars sein. Deshalb nahmen wir nie an Castingshows teil. Ich bin definitiv keine Rampensau. Es gab Zeiten, in denen ich vor Auftritten 40 Grad Fieber bekam und umkippte.
Steffi: Also erzwangen wir nichts. Achteten lieber auf den Fluss, ließen es sich entwickeln.
Christina: Das tun wir bis heute. Wir machen uns nicht wichtig, bleiben der Sache treu. Eine Kunstfigur wie Conchita Wurst kommt exzessiver Selbstvermarktung nicht aus. Wir aber sind immer Schwestern – auf der Bühne und privat. Unsere Dirndln helfen, die Rollen zu trennen.

Wie steht ihr zu Andreas Gabalier? Stichwort: „Frauen sollen bei den Kindern bleiben“.

Magdalena: Wir denken fortschrittlicher.
Christina: Als Künstler hat er eine große gesellschaftliche Verantwortung, kann beeinflussen. Die Leute kaufen ihm alles ab. Deswegen hoffe ich, dass ihm seine polarisierenden Aussagen bewusst sind und er sie nicht nur tätigt, um im Gespräch zu sein.
Steffi: Dass er zigtausend Fans erreicht, gehört als Erfolg honoriert. Mit „Amoi seg’ ma uns wieder“ hat er einen Song präsentiert, der ins Herz geht und authentisch ist [sein Vater und seine Schwester begingen Suizid, Anm.]. Wir wünschen ihm, dass er da dranbleibt. Im Herbst haben wir die Chance, bei seiner Österreich- und Schweiz-Tour als Vorband aufzutreten. Uns ist wichtig: Er macht sein Programm, wir machen unseres. In manchen Bereichen haben wir ganz andere Botschaften.

In „Fiaranond“ singen die Schwestern davon, dass sie sich auch mal in die Quere kommen. Immerhin sind sie „drei Frauen, verschieden alt, mit unterschiedlichen Horizonten und Rollenbildern“.

Bei Geschwistern hat der oder die Älteste oft das Kommando, der Jüngste den Nesthäkchenstatus, die Mittlere das Los des zerriebenen Sandwichkindes. Wie ist das bei euch? 

Christina und Magdalena (lachen): Genauso.
Steffi: Ich, die Älteste, war die Wildeste von uns. Von 14 bis 18 war ich im Internat, weg von daheim. Viele Reibungspunkte kamen so gar nicht auf. Ich bin öfter mal direkt vom Tanzbeisl in die Schule gegangen. Trotzdem konnte ich vorne an der Tafel die Gleichungen lösen.
Magdalena (die Jüngste): Wegsein ist nicht meins. Nach einer Woche in Linz krieg ich schon Heimweh.
Christina (die Mittlere): Ich auch, bin sowieso die Besorgte. Nach Konzerten muss mir jede eine SMS schreiben, ob sie eh gut daheim angekommen ist. Diese Fürsorglichkeit habe ich vom Papa. Er sagt uns heute noch beim Queren der Straße, dass wir rechts und links schauen sollen. Steffi ist die Organisierteste. Sie hatte nur Einser. Sie ist auch definitiv die G’scheiteste.
Magdalena: Zumindest vom Schulsystem her. Wir beiden anderen haben uns geplagt. Waren leider in Bereichen gut, die nicht beurteilt wurden wie zum Beispiel im sozialen Miteinander.

57_IMG_1538_PS_1_KLEINWas gebt ihr als Pädagoginnen Kindern unserer Leistungswelt mit?

Magdalena: Werte. Nicht Noten, sondern Engagement und das Ausleben von Interessen sind entscheidend. Besonders bei der Berufswahl. Sich in einen Job zu zwingen, der einen nicht glücklich macht, wirkt sich negativ auf die Gesellschaft aus.
Christina: Daher sollten Lehrkräfte die Stärken der Kinder fördern, nicht ihre Schwächen unterstreichen. Das nimmt die Angst vorm Scheitern, nährt die Freude am Lernen …
Magdalena: … und lässt selbstbewusste Persönlichkeiten gedeihen. Leider ist manchen Lehrern nicht klar, dass sie nebst Autoritäten auch Menschenbildner sind, Teamleiter, Freunde und selbst fehlbar. Durch ihr Verhalten können sie ein Kind brechen – oder es bestärken, Ja zu sich selbst zu sagen.
Steffi: Gute Lehrer sind leider oft befangen, weil Kinder bereits an vorgekautes Lernen gewöhnt sind. Letztens fiel mir beim Malen mit den Jugendlichen auf, dass etliche nicht mehr frei gestalten können. Aus Unsicherheit, etwas falsch zu machen.
Christina: Kein Wunder! Unserem Schulsystem fehlt jedes Zutrauen. Es gibt nur eine rigide Marschrichtung: „So musst du es machen. Und wehe, du tanzt aus der Reihe.“ Dann wirst du sofort zum Problemkind und Außenseiter. Kinder bekommen keine Chance mehr, autonom zu denken. Deshalb fehlt ihnen die Lust, Neues auszuprobieren. Stattdessen werden sie schon im Kindergarten in Konkurrenz gesetzt: Wer ist der Schnellste und Beste?

Ein bisschen konkurriert haben natürlich auch die Schwestern miteinander – „man ist sich eben oft selbst nicht gut genug“. Trotzdem überwog stets die Solidarität. Viele Jahre waren alle drei Singles. Bis sie sich im gleichen Monat jeweils in die Oberösterreicher Konrad, Stefan und Paul verliebten. 

Steffi: Ich wollte mich erst selbst kennenlernen, bevor ich mich auf jemanden einlasse. Erst als wir wussten, wer wir sind und was wir wollen, hat’s gefunkt. 

Klingt stimmig! Mit „Scheiß di net o“ funkt ihr dafür gehörig gegen euer liebliches Image. 
Christina: Unsere kantigen Seiten sieht man uns nicht gleich an.
Steffi: Unsere Lieblingsfigur war Pippi Langstrumpf. Ihre Prinzipien sind die unsrigen: nachdenken, Herz einbinden, mutig sein. Dagegenreden ist immer schöner, wenn man es aus Freude tut als aus Unzufriedenheit oder Aggression heraus. Unser Aufbegehren ist getragen von einer positiven Überzeugung, nie von destruktiver Energie. Zerstörung hat niemals Sinn.

Am 11. Juli singen die „Poxrucker Sisters“ bei der „Frauen.Stärken. Tour 2015“ in Bad Ischl.

Erschienen in „Welt der Frau“ 07/15  – von Petra Klikovits