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Was Arnold Schwarzenegger als Kindergarten-Cop als Strafe ausfasste, machen junge Zivildiener heute freiwillig. Sie heuern in Kindergärten an und verändern so eine Welt.

Schwarze Hose, graue Sweatjacke, gemusterte Crocs. Andreas Schafelner (19) deckt gerade den Tisch fürs Mittagessen. Löffel und Gabeln, Messer sind für kleine Kinder nicht.

Andreas ist einer von acht jungen Männern, die in einem Pilotprojekt des Landes Oberösterreich ihren Zivildienst im Kindergarten leisten. Es ist ein Versuch, diesen frauendominierten Beruf auch mehr Männern nahezubringen. Möglich gemacht hat das eine Novelle des Zivildienstgesetzes – bis dahin durften Zivildiener nur in jenen Einrichtungen eingesetzt werden, wo auch behinderte Kinder betreut werden.

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In den Kindergärten der Lebenshilfe OÖ werden Zivildiener schon länger eingesetzt. Zivi Christoph Hofer macht die Arbeit mit den Kindern in Freistadt viel Spaß.

Das ist was für mich, wusste Andreas sofort, als er von diesem Angebot erfuhr. Er hat zwei jüngere Brüder – sie sind heute 15 und 13, früher hat er öfter auf sie aufgepasst. Überhaupt hat er Kinder gern. Die Knirpse im Pfarrcaritas-Kindergarten Weichstetten haben ihn sofort ins Herz geschlossen. Weil er mit ihnen Fußball spielt und Legobagger bastelt. Und vielleicht auch, weil er ein wenig anders ist. Die Stimme tiefer, die Spiele sportlicher. Aber so anders ist er auch wieder nicht. Er liest Geschichten vor, klebt Pflaster auf aufgeschürfte Knie, wechselt Windeln, räumt den Geschirrspüler aus und schneidet das Fleisch klein. Eben alles, was eine Kindergartenhelferin so macht. Diese Ausbildung musste er im Vorfeld absolvieren, gemeinsam mit sieben anderen Zivis unter lauter Frauen.

Auch im Kindergartenteam ist Andreas der „Hahn im Korb“, der einzige Mann unter elf Frauen. Einer, der beim Übersiedeln in die neuen Räumlichkeiten fest angepackt hat, CDs brennt und Computerprobleme löst – ganz dem Klischee entsprechend: Männer sind fürs Technische, Frauen fürs Fürsorgliche. Männer tollen herum, Frauen trösten.
Eine Kollegin in der Redaktion ist ein wenig enttäuscht, weil Andreas kein Kind durch die Luft wirbelt. Würde man das von einer Frau erwarten? Oder stehen Männer, die in eine Frauendomäne eindringen, mehr unter Beobachtung, mehr unter Druck? Kritischer beäugt werden sie auf jeden Fall.

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Vom Essen klein schneiden übers Vorlesen und Spielen: Andreas macht (fast) alles.

Männer, die sich für diesen Beruf entscheiden, müssen sich zuweilen den – fast immer unbegründeten – Vorwurf gefallen lassen, schwul, pädophil oder beides zu sein. Die Geisteshaltung, wonach die Betreuung von Kindern nur etwas für Frauen ist, sei noch immer vorherrschend. Ein Irrweg, auf dem viel Potenzial verloren gehe, konstatiert Josef Aigner, Professor für psychoanalytische Pädagogik an der Universität Innsbruck. In seiner Forschungsarbeit „Elementar“ hat er unter anderem 150 KindergartenpädagogInnen befragt und ist überzeugt: „Kinder brauchen Männer und umgekehrt.“

Das sieht auch die Kindergartenleiterin Kornelia Rogl so. Männliche Bezugspersonen seien für Kinder sehr wichtig. Im täglichen Leben würden sie jedoch oft fehlen, da es immer mehr Alleinerzieherinnen gebe und viele Väter beruflich sehr eingespannt seien. Auch die frühkindliche Pädagogik sei sehr frauenlastig.

In Österreichs Kindertagesheimen (Krippen, Kindergärten, Horten, Kindergruppen) liegt der Prozentsatz männlicher Beschäftigter bei 1,4 Prozent, die EU hat einen Anteil von 20 Prozent als wünschenswertes Ziel ausgegeben. In den Kindergärten selbst beträgt der Männeranteil nur 0,6 Prozent. Die Gründe liegen zum einen am fehlenden sozialen Ansehen, dem niedrigen Gehalt und den geringen Aufstiegsmöglichkeiten. Jene Männer, die diesen Beruf gewählt haben, so die Studie, würden jedoch eine sehr hohe Berufszufriedenheit aufweisen, weil sie sich bewusst für ein Leben entschieden hätten, dessen Alltag nicht mehr von wirtschaftlichem Konkurrenzdenken dominiert ist.

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Christoph hat eine sechs Jahre alte Schwester und ist den Umgang mit Kindern gewohnt.

Andreas wird die neun Monate im Kindergarten in sehr positiver Erinnerung behalten, auch die Kinder werden ihn vermissen. Oft wollten sie wissen: „Wie lange bleibt denn der Andreas noch bei uns? Hoffentlich noch ganz lange!“ Im Herbst soll ein neuer Zivildiener starten, und Andreas wird sein Mathematikstudium beginnen, weil dort seine Talente liegen, sagt er, und in einem Nebensatz lässt er durchklingen, dass das niedrige Lohnniveau bei KindergartenpädagogInnen auch eine Rolle spiele.

Seine Kumpels haben ihn manchmal auf die Schaufel genommen mit Sprüchen wie „Gehst halt wieder in den Kindergarten“ – aber er wird ihnen manches voraushaben. Wenn er selbst einmal Kinder hat, wird er die Lieder und Spiele kennen, von denen Kinder nie genug kriegen können. Er wird wissen, welch engagierte und wertvolle Arbeit in Kindergärten geleistet wird und dass ein Tag mit Kindern sehr anstrengend sein kann, aber auch, dass sie einem mit einem Lachen wahnsinnig viel zurückgeben können.


Erschienen in „Welt der Frau“ 9/2012 – von Julia Langeneder