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Der Mensch, ein wegloses Wesen

Der vorliegende Roman gehört nicht in die Systematikgruppe „Historischer Roman“, das würde nämlich nur einem Teil von ihm gerecht werden. Hier erzählt einer, damit die anderen aus seinen Erlebnissen lernen, er sitzt nicht geschützt auf einer Bühne, in einem Theater, sondern auf einem dieser Boote, die ihn und andere Flüchtlinge in die Sicherheit des Westens bringen sollen. Aber wo ist die Sicherheit? Dreht sich das Boot nicht im Kreis?

Muzafari Subhdam wird nach 20-jähriger Gefangenschaft frei gelassen; er, der ehemalige Peschmerga-Kämpfer, wird in den Plast seines Freundes und Anführers der Revolution Jakobi Snauber gebracht: Beide haben sich verändert, Snauber ist zum Zyniker geworden, die Not des kurdischen Volkes in den Krisenregionen scheinen ihn kaum mehr zu berühren. Anders agiert, fühlt und plant Muzafari, der einst Snauber rettete und dafür selbst ins Gefängnis ging, der jetzt seinen Sohn Saryasi suchen will, der an eine größere Vaterschaft als die körperliche glaubt und der daher auf dem Boot erzählt und erzählt.

Die Suche nach dem Sohn wird eine Reise in die Vergangenheit und für westliche Leserinnen und Leser ein Blick auf eine Generation, der die Väter genommen wurden: Hintergründig bietet der Autor seinem Helden gleich drei Söhne an, alle im gleichen Alter, alle Saryasi heißend und alle einst mit einem gläsernen Granatapfel in ihrer Wiege beschenkt. Ein Sohn arbeitet als Straßenverkäufer, er will Gutes, lässt sich quälen und herabwürdigen, opfert seine Selbstachtung seiner Sehnsucht, anderen zu helfen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Drei junge Männer, ein ehemaliger Freund, alt und zynisch geworden, mehrere Generationen beschädigter Menschen: Kindersoldaten, Gefangene, Flüchtende.

Auf einem verirrten Boot, von dem keiner weiß, wo es sich gerade befindet. Meine Freunde, über dieses Meer führen zahllose Wege, jede Handbreit Wasser ist ein Weg. Trotz all unserer Orientierungslosigkeit. Wenn der Mensch seine Richtung kennt, kann er sich nicht verlieren. Ich weiß, dass Menschen so leicht in die Irre gehen. … Auf dieser Erde ist der Mensch der Meister des Verirrens. Er ist der große Wegverlierer und Irrgänger. (S. 303)

Irgendwann versteht der ehemalige Gefangene, dass jede Handbreit Boden eines verwischten Weges der Anfang eines neuen Weges sein kann. Jetzt, auf dem Boot, erzählt er seine Geschichte Nacht für Nacht, damit das Meer sie sich merkt, damit das Meer seine Geschichte nie mehr vergessen kann: „Bleibt bei mir und hört!“

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Wissen um Zusammenhänge von Flucht, Diktatur, innere Migrationen, große Poesie, gekonnte Dramatik, Rückblenden, Psychogramme von Freundschaft und Liebe und Verzweiflung.

 

Der Autor wurde 1966 in Sulaimaniy im Nordirak geboren; er geriet 1983 aufgrund seiner Beteiligung an den Studentenprotesten in Konflikt mit dem Regime Saddam Husseins. Seit Mitte der 90er-Jahre lebt und schreibt er Romane, Gedichte und Essays in Deutschland. Er gilt als der bedeutendste kurdische Schriftsteller.

Ute Cantera-Lang, 1974 in Erlangen geboren, lebt seit vielen Jahren in Österreich; mit Rawezh Salim übersetzt sie aus dem Kurdischen (Sorani).

Rawezh Salim, 1973 im kurdischen Teil des Iraks geboren, studierte in England und Österreich Translationswissenschaften; er arbeitet als Übersetzer und Dolmetscher; als Bautechniker ist er in Österreich und im arabisch- und kurdischsprachigen Raum tätig.

 

 

Ali Bachtyar:
Der letzte Granatapfel.
Roman.
Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rewezh Salim.
Zürich: Unionsverlag 2016.
343 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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