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Der litauische Fotograf Tadao Cern hat schlafende Menschen an einem öffentlichen Strand fotografiert. Daraus ist eine Porträtserie mit 24 großformatigen Bildern entstanden, und jedes erzählt eine einzigartige Geschichte.

Strand, Sonne, Urlaub. Was für ein Gefühl. Sich endlich seiner Kleidung entledigen. Das Strandtuch ausbreiten und es sich bequem machen. Langsam die Wärme von Sonne und Sand auf der Haut spüren. Den Duft des Meeres einatmen. Eine leichte Brise weht über den Körper. Langsam schweifen die Gedanken beim Lesen ab, die Augen werden müde, die Zeitschrift in der Hand wird schwerer. Das Plätschern der Wellen und die Stimmen der anderen StrandbesucherInnen rücken in die Ferne. In der Urlaubsschläfrigkeit vor sich hindämmernd vielleicht noch einen letzten Positionswechsel des Körpers vornehmen, bevor dieser völlig entspannt in den Schlaf gleitet.

EIN ÖFFENTLICHER ORT
Der litauische Fotograf Tadao Cern fuhr aus der Hauptstadt Vilnius für ein Wochenende an die Küste, und zwar genau an jenen öffentlichen Strand am Baltischen Meer, den er seit Kindertagen nicht mehr besucht hatte. „Ich war überrascht zu sehen, welche Dinge die Menschen an den Strand mitbringen“, meint der 30-Jährige. Davon inspiriert kam er die Woche darauf mit der gesamten Fotoausrüstung wieder. „Was mich fasziniert, ist, wie eine bestimmte Umgebung das Verhalten der Menschen beeinflussen kann.“ Wie können sich Menschen so unbeobachtet fühlen? Noch dazu an einem öffentlichen Ort. Die StrandschläferInnen schienen sich dessen gar nicht bewusst zu sein. Als würde das eigene Badetuch im Zebralook oder Tigermuster einen privaten Schutzraum abstecken, der die spärlich Bekleideten für fremde Blicke unsichtbar zu machen schien.

„Im Alltag versuchen wir, unsere Defizite, ob körperliche oder psychische, unter unserer Kleidung zu verstecken“, meint der Fotograf. Sind alle Selbstzweifel in Sachen Speckröllchen und Problemzonen am Strand vergessen und streckt jeder und jede genüsslich und ungeniert den wenig bedeckten Körper der Sonne entgegen? Weil es alle ohne Hemmungen tun? Gelten an einem Strand andere Regeln? „Wenn ja, dann würde ich mir wünschen, dass das auch außerhalb der Strände so wäre und Menschen sich weniger darum kümmern, was die anderen von ihnen denken.“

STRANDHANDTÜCHER ALS LEINWÄNDE
In seiner Fotoserie „Comfort Zone“ wollte Tadao Cern festhalten, „wie verschieden, interessant und schön“ Menschen sind. Keines der Fotos wurde inszeniert. Keiner der StrandbesucherInnen wusste, dass er oder sie fotografiert wurde. Fotograf Cern hat keine der schlafenden SonnenanbeterInnen um Erlaubnis gefragt und ausschließlich solche fotografiert, deren Gesichter nicht zu erkennen waren. Bedeckt mit einer Ausgabe der Zeitschrift „Vogue“, mit einem kessen, weißen Sonnenhut oder einer Kappe. Je nach Ordnungssinn die wenigen Habseligkeiten, die Schuhe, die in Säcken verpackten Kleidungsstücke in greifbarer Nähe.

Um diese Fotos machen zu können, befestigte Tadao Cern einen langen Balken auf seiner Schulter und an dessen Ende die Kamera. Der Blick von oben verwandelt die Strandunterlagen in sprechende Hintergründe intimer Porträts. Mit den Fotos liefert er die Schlafenden neugierigen Blicken aus, stellt sie aber in keiner Weise bloß. Die verdeckten Gesichter verhindern, dass die BetrachterInnen Empathie für diese Menschen entwickeln und biografische Verbindungen herstellen.

Aus der Vogelperspektive ergibt sich die Möglichkeit, in aller Ruhe die Körperhaltungen, Badeoutfits, die Farbe der Haut und die der lackierten Zehennägel der schlafenden Urlauberinnen zu studieren, ohne durch ihre Gesichter abgelenkt zu werden. „Es kommt wirklich nicht darauf an, wer sie sind, die Geschichten entstehen durch die Details und gleichzeitig wirft ihre Anonymität uns auf uns selbst zurück“, ist der Fotograf überzeugt.

MENSCHLICHE VIELFALT
Schlafen, dösen, Seele baumeln lassen. Am Strand abhängen. Wo man, statt Stärke und Wichtigkeit zu demonstrieren, einfach mal die Kuschelhaltung, eine bequeme Rücken- oder Bauchlage einnimmt. Der Alltag scheint vergessen. Totale Entspannung für Körper und Geist ist angesagt. Der Sonne entgegen.

Menschen am Strand

„Die beste Entscheidung meines Lebens“ nannte der litauische Fotograf seinen Berufswechsel. Tadao Cern hat Architektur studiert und vor vier Jahren entschieden, etwas Neues zu probieren. Der heute 30-Jährige, der seine Leidenschaft für Fotografie zum zweiten Beruf machte, betreibt ein Studio in Vilnius. Für seine Fotoserie „Comfort Zone“ fotografierte er an einem öffentlichen Strand Frauen und Männer, die alle ihre Gesichter vor der Sonne verdeckt hielten. Damit bleiben die Porträtierten und ihre persönlichen Geschichten anonym. www.tadaocern.com, www.facebook.com/tadaocern

Erschienen in „Welt der Frau“ Ausgabe 7_8/14 – von Michaela Herzog