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Der Tanz des Lebens

Wie viele Teile hat ein Leben, wie lassen sich zwei Leben erzählen, die aufeinander zusteuern, sich entfernen, sich wieder annähern? Zadie Smith schafft diese Herausforderung in sechs Teilen und insgesamt 626 Buchseiten: Das Scheitern ist den beiden Freundinnen bereits bekannt, als sie sich zum ersten Mal wirklich wahrnehmen. Beide wollen tanzen, lieben Musicals, üben heimlich kühne Schrittkombinationen, beide haben ehrgeizige Mütter, die eine mehr bezogen auf Konsum und schöne Tanzschuhe, die andere doch stark im Verweigern des Konsums und gesellschaftlicher Konventionen. Väter spielen hier eine wichtige Rolle, als abwesende und verherrlichte Gestalten und Gewalttäter bei Tracey, als liebender fürsorglicher Part im Leben der Ich-Erzählerin. Jeder Romanteil nimmt sich des Themas „Prägt Herkunft Zukunft?“ tiefschürfend an: Da kann auch der Jazz und der Tanzrhythmus nicht darüber hinweg täuschen: Die Freundinnen lieben Fred Astaire, Traceys Mutter liefert fette Toasts und scheut keine Ausgaben, um die Mädchen glücklich zu sehen. Smith webt Gender, Gentrifizierung, kulturelle Zugehörigkeit und Hautfarbe in eine detailreich und manchmal auch recht lehrreich erzählte Spiegelgeschichte ein.

Tracey gelingt es zwar, ihren Traum, Tänzerin zu werden, zu verwirklichen, sie ist erfolgreich und wird trotz Talent und Fleiß von einem Sog in das Viertel sowie das Milieu ihrer Herkunft zurück gezogen: Sie schafft es nicht, ihrem Milieu zu entrinnen. Die Ich-Erzählerin hingegen reflektiert, probiert sich aus, provoziert und ergattert so nach ihrem Studium den begehrten Job einer Star-Assistentin bei der exzentrischen Ikone Aimee.

Wir fotografierten Baryshnikov und Nurejew ab, die Pawlowa, Fred Astaire, Isadora Duncan, … Michael Jackson. Für Jackson hatte ich mich stark gemacht. Aimee wollte ihn nicht, er entsprach nicht ihrer Vorstellung von einem Künstler, aber in einem gestressten Moment konnte ich sie dann doch überreden, während Judy eifrig für eine farbige Frau warb. (S. 587)

Der Roman setzt ein, als die Ich-Erzählerin den Star gewissermaßen „verraten“ hat und sich einsam in ein Hotel verkriecht. Großes, ganz großes Theater zum Einstieg, schließlich hat die Ich-Erzählerin Intimes über den Star verraten, dessen Lügen aufgedeckt. Jetzt hat sie Zeit zum Nachdenken, etwa über Mutter und Vater,  über die Kälte der Mutter und die Zuneigung des Vaters, die in Hilflosigkeit umschlägt, als die Mutter die beiden verlässt. Tracey liebt ihren abwesenden Vater und verachtet ihre sie hingebungsvoll fördernde Mutter: Missbrauch und Gewalt prägen Traceys Kindheit, doch sie lässt nichts über ihren Vater kommen.

Die Ich-Erzählerin erlebt die Karriere ihrer Mutter, die als Regionalpolitikerin endlich Erfolg hat, aus großer Distanz mit: Zu lange hat sie studiert, zu wenig Zeit für die Träume ihres kleinen Mädchens gehabt, jetzt aber zeigt sie, dass sie sich für andere einzusetzen weiß. Auch für Tracey, die mit ihren drei Kleinkindern versucht, über die Runden zu kommen. Zwei Mütter-Töchter-Geschichten, Milieustudien, Väter, die scheitern und eine Gesellschaft, die den Tänzen junger Frauen wie Platzrichter zusieht.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Freundschaft, Geschichte von sozialer Durchlässigkeit oder Nichtdurchlässigkeit, Wut auf gesellschaftliche Strukturen, die einengen; Freiheit der beiden Freundinnen, Prägung durch Herkunft.

Die Autorin ist 1975 im Norden Londons geboren und lebt heute in New York. Mit „Zähne zeigen“, ihrem ersten, 2001 erschienen Roman, nahm sie LeserInnen und KritikerInnen für sich ein.

Tanja Handels, 1971 in Aachen geboren, unterrichtet LiteraturübersetzerInnen und übersetzt zeitgenössische britische und amerikanische Romane, u. a. von Elizabeth Gilbert.

Zadie Smith:

Swing Time.

Roman.

Aus dem Englischen von Tanja Handels.

Köln: Kiepenheuer & Witsch 2017.

626 Seiten.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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