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2.850 Kilometer schlängelt sich die Donau durch zehn Länder, bevor sie in ein riesiges Delta ausufert, das ins Schwarze Meer mündet. Das heutige Biosphärenreservat und Naturwelterbe Donaudelta, dessen größter Teil in Rumänien liegt, beherbergt 325 verschiedene Vogelarten – aber nicht nur das.

Wenn man eine Freundin hat, die Rumänisch kann, dann muss man das ausnutzen. Und meine Freundin Roswitha spricht Rumänisch. Sie stammt aus Siebenbürgen, ist als Jugendliche Anfang der 1970er-Jahre auf dramatischen Umwegen nach Deutschland geflohen und später nach Österreich gezogen. Seitdem ich sie kenne, erzählte sie mir vom Donaudelta, das sie selbst noch nie besucht hatte. In ihrer Vorstellung und in den Geschichten, die sie gehört hatte – vom Vater, der Biologe gewesen war und dort forschte –, erschien dieses zweitgrößte Flussdelta Europas als ein magischer, wunderbarer Ort. Weit weg, ein riesiges, schläfriges Naturwunder, wenig erschlossen.

Im letzten Sommer war es dann so weit. Gemeinsam mit zwei weiteren Freundinnen beschlossen wir, es anzugehen und endlich das Delta zu besuchen: ohne offiziellen Reiseveranstalter, auf eigene Faust, aber mit Roswitha und ihrer Liebe zur verlorenen Heimat im Gepäck. Fremd sei das Land, einfach das Leben dort und arm, warnte sie, doch das schreckte uns nicht, und wir freuten uns auf eine Reise, die uns – wie sich herausstellte – zwei ganz verschiedene Gesichter Rumäniens zeigen würde. 

ZIEMLICH VIEL WASSER
Oft führen die Donau-Kreuzschifffahrten bis ins Delta. Aber ein dicker Dampfer war natürlich nicht das, was wir wollten. Wir flogen nach Bukarest, nahmen dann ein heißes, enges Sammeltaxi, das uns fünf Stunden lang bis zum sehr ex-sozialistisch anmutenden Städtchen Tulcea schaukelte, dem „Tor“ zum Donaudelta. Von dort aus ging es am nächsten Tag weiter auf einem Fährschiff vier Stunden den schnurgeraden Hauptkanal der drei Mündungsarme des Deltas hinunter, bis nach Sulina kurz vorm Schwarzen Meer.

Unbedarft hatte ich noch in Wien versucht, eine Landkarte von dem Gebiet zu kaufen, um mich zu orientieren. Aber so einfach war das nicht. Es gibt nämlich nicht wirklich Straßen im Donaudelta, und auch nach Sulina führt kein Landweg. Ich hätte entweder einen Wasseratlas erstehen können oder eine alte sowjetische Militärkarte aus den 1980er-Jahren. Anderes Kartenmaterial gab es nicht, und so viel verstand ich: Wasser, viel Wasser, birgt das Delta und wenig Infrastruktur. Und das erwartete uns auch in Sulina, unserer ersten Station.

WIE AM ENDE DER WELT
Früher war dieser Ort an der Schwarzmeerküste eine prosperierende Hafenstadt gewesen und im 19. Jahrhundert sogar Sitz der Europäischen Donaukommission, einer Behörde, die Schifffahrts-Vorschriften auf der Donau regelte. Als wir in der Mittagshitze ankamen, schien alles staubig und verlassen. Manches an den Häusern mochte an alten Ruhm erinnern, aber heute wirkt Sulina wie ein vergessener Ort, irgendwo am Ende der Welt. Wir zogen unsere Rollköfferchen über zerklüftete Gehsteige bis zur Herberge „Vila Alga“, wo vor allem rumänische Hobbyfischer absteigen. Zum Meer! Zum Meer wollten wir, und der Weg dorthin führte in der gleißenden Sonne eine endlose Straße entlang, vorbei an einem alten Friedhof und über steppenartiges Land, in dem die hoch aufragenden sechsarmigen Strommasten wirkten wie riesige, karge Wüstenpflanzen. Kühe und Pferde liefen frei in der Landschaft herum, am Strand gab es ein paar Buden und einige versprengte Sommergäste. Dunkelgau wirkte das Schwarze Meer.

Den gesamten Text finden Sie in „Welt der Frau“ 0708/16 

Info: Ecotourism Delta, Petre si Caroline Vasiliu
www.ecoturismdelta.ro, E-Mail: office@ecoturismdelta.ro, Telefon: 0040 7 44 95 71 48
Die Pension ist sehr gut geführt und hat moderate Preise. Auch für Familien mit Kindern gut geeignet. Petre Vasiliu schreibt derzeit an einem Buch über die Vogelwelt des Deltas.

Vögel im Donaudelta

Der Star unter den Deltabewohnern ist der Pelikan, denn die Hälfte aller europäischen Rosapelikane leben hier und und fünf Prozent des Weltbestandes der Krauskopfpelikane. Ein Pelikan vertilgt täglich etwa 1,2 Kilogramm Fisch, das sind zehn Prozent seines eigenen Körpergewichts. Die Vögel mit ihren imposanten Schnäbeln siedeln in Kolonien, und besonders schön sind die Silhouetten aufsteigender Pelikanschwärme am Himmel.

Wenn der Kormoran auf Felsen oder kahlen Baumästen sitzend auffällig breit seine Flügel spreizt, sieht das nicht nur so aus, als nähme er ein Sonnenbad. Er tut das tatsächlich, denn er hat keine Fettdrüsen, um sein Gefieder wasserabweisend zu schützen, und muss es daher mit sonnenanbetender Pose immer wieder trocknen. Der Kot dieser Vögel ist so scharf, dass Bäume, auf denen sie sich niederlassen, nach und nach absterben. Man sieht Kormorane daher oft wie kleine Geier auf kahlen Ästen sitzen. 

Reiher kommen im Donaudelta in allen erdenklichen Variationen vor, als Silberreiher, Seidenreiher, Rallenreiher – und manche erinnern gar nicht an Reiher, wie etwa der geduckt sitzende, schön gefiederte Nachtreiher. 

Natürlich beherbergt das Donaudelta auch Stockenten, Schwäne und Störche zuhauf, aber auch den Wiedehopf und den Eisvogel. 

Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/16 – von Andrea Roedig