11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Der Wald bleibt stehn!<br>ab 6 Jahren

„Wachstum, Wachstum, Wachstum!“ scheint der kleine untersetzte Bürgermeister mit den hochgesteckten Zielen zu brüllen. Aber nicht Pflanzen- sondern Wirtschaftswachstum: Sein sehnlichster Wunsch – aus der kleinen Stadt möge eine große werden. Im allerletzten Moment erst, als die Baumaschinen schon angreifen wollen, kommt er zur Einsicht. Die Kinder, quasi Vorläufer der Occucpy-Bewegung mit Schildermalaktion und Waldbesetzung und der Waldgeist Frau Hullewulle haben es geschafft. Im letzten Augenblick stellt sich der Bürgermeister schützend vor seine Kinder und den Wald. Damit bringt er sie zum Stillstand, die dröhnend und grollend heranrollende Armada an Baggern, Erdumhackern, Bäume-Umschmeißern und Wurzelausreißern.

Seit zwei Monaten beschäftige ich mich gemeinsam mit meiner Kamishibai-Partnerin vom Figurentheater [isipisi] www.isipisi.at , Alexandra Mayer-Pernkopf, intensiv mit der Geschichte vom „Städtchen Drumherum“. Das Bilderbuch hat uns beide bereits als Kinder sehr beeindruckt. So kam die Entscheidung, ein Erzähltheater KAMISHIBAI dazu zu entwickeln, aus tiefstem Herzen. Am 13. und 14. Juni haben wir Premiere, als Programm für Kinder ab 5, jeweils um 11 und 17 Uhr im Rahmen des FrauenKunstHandwerksmarktes Ottensheim. www.kunsthandwerkerinnen.at

Seit zwei Monaten also fiebern Alexandra und ich immer wieder mit Julius und Juliane, den Kinder des Bürgermeisters, auf diesen erlösenden Satz hin: „Der Wald bleibt stehn!“ schmettert der Entscheidungsträger schließlich aus voller Kehle den Bauarbeitern und Baggerfahrern entgegen. Der Weg dahin ist kein leichter: 2 Albträume, die das Waldgeisterchen Frau Hullewulle dem Meister einpflanzt, sind durchzustehen. Susi Weigls eindringliches Bild der vor der grellgelben gefräßigen Baggerschaufel flüchtenden Waldbewohner muss ausgehalten werden. Die Kinder verteidigen ihren Lebens- und Spielraum mit feurigem Einsatz und entschiedenen Handlungen. Hullewulle als göttliches weibliches Wesen mit grünem Haar inspiriert mit ihrem Blättergefolge den Ehrgeizling zur Rettung des Waldes.

 

???????????????????????????????

 

Seltsam hab ich schon als Kind gefunden, dass die Mutter in der Geschichte fehlt. Sie scheint nicht vonnöten, immerhin übernimmt die kleine Frau Hullewulle die seelische Fürsorglichkeit, die sonst meist Mütter abdecken. Doch irgendwer muss ja die Würstchen mit Petersilerdäpfeln gekocht haben, die zum ungemütlichen krisenhaften Nachtmahl auf den Tisch kommen, oder? Einem Bilderbuch aus dem Jahr 1970 glaubt man noch nicht, dass der Vater mit der Schürze in der Küche steht, noch dazu wenn er der Bürgermeister ist. Heute liest sich das vielleicht als Familie mit alleinerziehendem Vater, eine Seltenheit, doch nicht unüblich.

Es macht mich sentimental und zugleich dankbar, ein Bilderbuch aus der eigenen Kindheit zu bearbeiten. Väterliche Sätze wie „Fort mit euch!“, wenn die Kinder den arbeitenden Vati stören, oder „Das ist der Lauf der Welt, das verstehst du nicht, Julchen, weil du ein Kind bist!“ klingen vertraut und gehören glücklicherweise in die Mottenkiste. Umso lustvoller die Entgegnungen des Töchterleins „Nein, Vati, das verstehst du nicht, weil du kein Kind bist.“. Die Juliane, wie ich sie verstehe, ist aufmüpfig und fürsorglich, kraftvoll und zartfühlend, frech und fein, spitzbübisch und sanftmütig – und vereint so viele weibliche Stärken in sich.

 

Mira Lobe und Susi Weigl haben in all ihren Büchern visionäre Gedanken vermittelt. Die Selbstbestimmtheit der Kinder spielt in ihren Geschichten eine große Rolle. Einige davon sind im Jungbrunnen-Verlag noch lieferbar bzw. erscheinen nach und nach wieder. Zuletzt „Lollo“, die Negerpuppe, die aus Weggeworfenem neues Leben ermöglicht. Upcycling in Reinkultur.

Im Zusammenhang der Diskussionen über politische Korrektheit im Kinderbuch wurde die Geschichte mit einem Passus bezüglich des Wortes „Neger“ versehen und blieb glücklicherweise in unveränderter Originalversion erhalten.

„Willi Millimandl und der Riese Bumbum“ ist heuer endlich wieder erschienen. Der gierige Riese, der das ganze Dorf auf Trab hält und jeden Tag mehr fordert, lässt aktuell verschiedene Lesarten zu. Er ist wie der nimmersatte Markt, der immer mehr Wachstum verlangt oder ein verwöhntes Kind, dem keine Grenzen aus Liebe gesetzt werden und das sich in Herrschsucht verliert oder wie ein Aktienspekulant …

Mira Lobe ist vor 20 Jahren gestorben. Ihr und Susi Weigl ist eine beeindruckende Sonderausstellung gewidmet, die bis März 2015 höchst erfolgreich im Wien-Museum gelaufen ist und ab Ende November im Vorarlberg Museum in Bregenz zu sehen sein wird: http://www.vorarlbergmuseum.at/ausstellungen/ich-bin-ich.html

Für die, die nicht so leicht hin können: Der opulente Katalog zur Ausstellung, herausgegeben von Ernst Seibert u. a. ist bei Residenz erschienen und kostet 26 EUR. ISBN: 9783701733569

 

Mira Lobe/Susi Weigl:

Das Städtchen Drumherum

Ab 6 Jahren

13,95 EUR

ISBN 978-3-7026-4660-8

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.