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Der Wald der Welt

Einmal Annie Proulx gelesen, etwa oder speziell sogar „Schiffsmeldungen“ und man beginnt, auf ihren nächsten Text zu lauern. Jetzt gibt es ihn, den neuen Roman, der im Jahr 1693 seinen Anfang nimmt – Kapitel I – und beinahe 900 Seiten später im Jahr 2013 – Kapitel X – endet.

Alles beginnt also im Jahr 1693, zwei junge Franzosen kommen mit hunderten anderen Siedlern in Neufrankreich, dem heutigen östlichen Kanada an. Ihre Dienstherren haben ihnen die Überfahrt finanziert, ein eigenes Stück Land wird ihnen wie die Karotte dem Esel vor die Nase gehalten. Die Wälder scheinen endlos, die beiden Arbeiter glauben, sie könnten ihnen niemals Herr werden. René Sel geht den Weg der Anpassung, er widerspricht dem Dienstherren nicht, arbeitet bis zum Umfallen und lässt sich auch im Privatleben manipulieren; er willigt ein, die indianische Geliebte seines Arbeitgebers zu heiraten. Ausgerechnet sein Freund, Charles Duquet, mit dem er  die Reise gemacht hat, lässt ihn hier im Stich. Aber dieser Charles weiß gut, wie er reich wird, wie er die Mächtigen überlistet und ein mächtiger wie reicher Mann, ein Holzhändler großen Stils wird. Die Cholera rafft die Menschen in Neufrankreich dahin, Zwistigkeiten lässt Menschen zu Mördern werden, Geldgier verstellt den Blick auf das Wesentliche: Für den einen ist der Wald Lebensraum, für den anderen eine Geldquelle, das Abholzen wird zur Obsession, die keine Gnade mit Mensch und Natur kennt. Der Baum als Lebenssymbol durchzieht den 887 Seiten starken Roman, der zwei Familien charakterisiert.

Doktor Sapatisia Sel steht am Ende einer langen Generationenfolge, sie vergibt ein 5000-Dollar-Stipendium für das Breitsprecher Baumprojekt, ein Projekt, das Wälder wieder aufforstet. Sie ist es, die die verbrannte Erde untersucht, Bäume setzt und mehrere Versuchsflächen untersucht: Sapastia Sel hat am Ende ihrer Liebesbeziehung begriffen, auf welche Krise die Welt zusteuert, sie erkennt, dass sie das Aussterben der Menschen gesehen und auch begriffen hat. Ihr Geliebter Onehube, der, der sie begehrt, geliebt und betrogen hat, erklärt ihr: „Es gibt Dinge, die man nicht reparieren kann!“ Sepatisia Sel versucht es, das Aufforsten, das Wiederherstellen wie einst ihr Vorfahre, René Sel, das Abholzen betrieb: voller Leidenschaft, ohne Rast, besessen.

Ich habe genug gelernt, um zu wissen, dass die heutige, von uns geschaffene Welt dringend Hilfe nötig hat. Hilfe, die nicht kommt. Im Moment unterrichte ich nicht. Ich habe ein Projekt, an dem ich arbeite. Mit anderen zusammen. Mich interessieren überlappende Ökosysteme, die Probleme, bei dem Versuch, das Gefüge der Natur zu begreifen. Wenn ihr also da seid, weil ihr über die Froschung zu Heilpflanzengenomen diskutieren wollt, dann seid ihr am falschen Ort. (S. 866)

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Ergriffenheit, Wut, Widerstand gegen die LeugnerInnen des Klimawandels und dessen Folgen, Zuneigung zu den schwer arbeitenden Siedlern, ein Gespür für Lebenslinien, Demut, hervorragende Prosa, das Rauschen der Wälder, Sehnsucht nach Stille und weiteren Büchern von Annie Proulx.

Autorin, 1935 in Connecticut geboren, hat für ihre Romane und Erzählungen alle renommierten Literaturpreise erhalten; die Verfilmung ihrer Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“ erhielt 2005 drei Oscars. Ihr Roman „Schiffsmeldungen“ ist mittlerweile ein Klassiker.

Annie Proulx:

Aus hartem Holz.

Roman.

Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf und Melanie Walz.

München: Luchterhand 2017.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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