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„Die Dämonisierung  junger Terrorkrieger nutzt niemandem“

Gabriele Wörgötter ist Gerichtspsychiaterin und mit Fällen von österreichischen IS-Kämpfern vertraut. Sie rät dringend zu einer intensiven sozialpädagogischen Betreuung.

Gabriele Wörgötter (63) untersucht das Seelenleben von minderjährigen heimgekehrten Austro-Dschihadisten und entscheidet vor Gericht mit, wie viele Jahre Gefängnis angemessen wären. Schätzungsweise rund 250 junge Österreicher kämpfen derzeit für die Terrormiliz „Islamischer Staat“. Weitere 208 Personen wurden laut Bundesamt für Verfassungsschutz wegen Mitgliedschaft in terroristischen Vereinigungen angezeigt. Ein Teil von ihnen wurde bereits verurteilt.

Wie wahrscheinlich ist es, dass ­österreichische IS-Kämpfer, die wieder heimkehren, nun im eigenen Land neue Sympathisanten ködern?

Gabriele Wörgötter: Die Wahrscheinlichkeit ist sicherlich gegeben, wenn man diesen verirrten Burschen nicht rasch eine intensive sozialpädagogische Betreuung angedeihen lässt, in der sie ihre Handlungsweisen revidieren können. Wöchentliche Psychotherapiesitzungen und ein Gefängnisaufenthalt reichen definitiv nicht aus. Sie müssen in ein neues soziales Umfeld, eine strukturierte Wohn- und Lebensgemeinschaft eingebettet werden, wo sie echte Aufmerksamkeit erfahren. Die meisten veranlassten ja tief liegende Gründe dazu, in den Dschihad zu ziehen. 

Sie kennen Biografien österreichischer IS-Kämpfer im Detail, unter anderem die des 17-jährigen Oliver, der zum Islam konvertierte und nur aus dem Krieg heimkehrte, weil er bei einem Bombenangriff verletzt wurde. Seine Resozialisierung gestalte sich schwierig. Wie kann man solchen Menschen zur Einsicht verhelfen? 

Das ist ein langer, mühsamer Prozess. Falsche Glaubenssätze entweichen nicht von selbst. Sie lassen sich nur relativieren oder abschwächen, wenn fanatischen Ideologien ein entsprechendes Gegengewicht entgegengesetzt wird. Leider erkenne ich noch nicht, dass es hierzulande Überlegungen in diese Richtung gibt. Noch putzt sich die Gesellschaft ab, spricht von „ein paar verrückten Delinquenten“. Die Ignoranz gegenüber der wahren Problematik erschwert die Sache massiv, denn ohne tief greifende Maßnahmen bleiben induzierte Feindbilder in den Köpfen der Betroffenen bestehen. Ein 14-Jähriger ist nicht von Natur aus böse. Er wird böse. Er ist ein Produkt der Sozialisation durch Eltern und das soziale Umfeld, aber auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Dieser Tatsache sollten wir endlich ins Auge sehen. 

Heißt das, man sollte jugendliche IS-Kämpfer nicht automatisch verteufeln?

Ja. Diese Dämonisierung nutzt niemandem. Was sie dringender denn je brauchen, ist Zuwendung. Jeder vernachlässigte Jugendliche ist potenziell gefährdet, auf die falsche Bahn zu geraten. Es kann sogar das eigene Kind sein.

Dr. Gabriele Woergoetter

Psychiaterin Gabriele Wörgötter ist auch gerichtlich beeidete und zertifizierte Sachverständige. Sie studiert jeden Fall akribisch.

Jener eingangs erwähnte 17-Jährige wuchs in desolaten familiären Verhältnissen auf, Geborgenheit und Halt hat er nie erfahren. Die alleinerziehende Mutter war überfordert. Also landete er im Kinderheim, entwickelte eine Störung des Sozialverhaltens und wurde zum Außenseiter. Seine Lehre brach er ab und wurde arbeitslos. Bedingungen für ähnlich gelagerte Schicksale häufen sich hierzulande. Jährlich gibt es rund 20.000 neue Scheidungskinder, die Jugendkriminalität steigt an, jeder vierte junge Mensch ist von Armut betroffen.

Nicht zu vergessen sind die fehlenden Väter! In allen mir bekannten IS-Fällen glänzen sie durch Abwesenheit. Klar, dass da männliche Rollenvorbilder fehlen. Das alles zeigt, vor welchen Herausforderungen wir stehen und wie breit wir ansetzen müssen. Nicht nur verwahrloste Jugendliche mit Migrationshintergrund suchen Zuflucht in radikalen Protestbewegungen. Auch solche, die in Österreich geboren wurden, aus unterschiedlichsten Gründen keinen Anschluss finden oder sich nicht mit unseren Werten identifizieren können, sind unter den Terrorkämpfern. Mit diesen Einsätzen bringen sie ihren Widerstand zum Ausdruck. Viele wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Deshalb stellen sie sich als Selbstmordattentäter zur Verfügung. Ihre tiefe Verzweiflung wurde von Erwachsenen übersehen. Es wurde zum Beispiel nicht darauf reagiert, wenn sie sich immer mehr in die Welt des Internets zurückzogen und nichts mehr von sich preisgaben. 

Wie laufen IS-Indoktrinierungen ab?

Sie sind mit Gehirnwäschen vergleichbar. Mit primitiven, manipulativen Mitteln werden angebliche „Tatsachen“ vermittelt, die bei Anhängern Vergeltungsgelüste wecken und Hass schüren. Zum Beispiel wird ihnen vorgeführt, wie viele Unschuldige in Syrien wegen Einmischungen aus dem Westen schon sterben mussten. Gleichzeitig wird den Kriegern suggeriert, dass sie „Helden“ seien und „berufen und auserwählt“, diese Opfer zu rächen. Diese Taktik funktioniert. Denn das westliche System ist es auch, in dem viele von ihnen keine Heimat finden. 

Lesen Sie weiter in der „Welt der Frau“ – Ausgabe 01/16