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»Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe«, meinte der bengalische Dichter und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore. Für immer mehr Menschen ist Musik nicht nur ein Tor zu göttlicher Liebe, sondern auch eine Möglichkeit authentischen Selbstausdrucks.

In den meisten Häusern ist der Raum mit der besten Aussicht dem Wohnzimmer vorbehalten. Nicht so bei Elisabeth Rosa Fasching. Hier genießen Trommeln, Klangstäbe und andere Instrumente den Blick ins malerische Kremstal. »Das aktive Musizieren wird immer mehr zu meinem Lebensraum, da ist es nur logisch, dass ich statt eines Wohnzimmers ein Musikzimmer habe«, erklärt die Religionslehrerin. Hier kommt sie mit FreundInnen zum gemeinsamen Musizieren zusammen ? und zwar ohne bestimmtes Ziel, einfach für den Augenblick. Auch im Unterricht setzt sie auf Musik, etwa wenn sie mit ihren Schülern und Schülerinnen zu Ostern in der Kirche das Wachsen des Samenkorns mit verschiedenen Instrumenten nachspielt: »Die Kinder sprechen auf Musik und Klänge sofort an, sind zentriert und konzentriert.«
Wie sehr Spiritualität und Heilung mit Klang verbunden sind, ist für Elisabeth Fasching nicht nur bei Ritualen und Gesängen spürbar: »Ich war dabei, als mein Mann seinen letzten Atemzug gemacht hat. Für mich war das eine sehr friedliche Erfahrung, und ich habe verstanden, warum es heißt: Am Anfang war das Wort. Denn das Wort braucht Atem, braucht den Klang. Schöpfung und Klang gehören zusammen.«
Durch Massenmedien und Tonträger ist Musik kaum noch mit aktivem Tun, sondern hauptsächlich mit passivem Konsumieren verbunden. Die Perfektion der »Musik aus der Konserve« führt unweigerlich dazu, dass durchschnittlich begabte Menschen sich für völlig unmusikalisch halten. Und selbst denen, die ein Instrument spielen oder in einem Chor singen, bleibt meist wenig Raum für Experimentieren, Kreativität und Intuition.

MUSIKALITÄT ENTDECKEN.

MusikerInnen unterschiedlicher Stilrichtungen haben es sich daher zum Ziel gesetzt, den Menschen das Geschenk ihrer eigenen Stimme und Musikalität wieder zugänglich zu machen. Michael Stillwater zum Beispiel, in dessen Workshops und Seminaren rund um die Welt die heilende und transformierende Kraft des Singens die Menschen berührt. Was er »Song Sanctuary« nennt, ist eine Art Naturschutzgebiet für die menschliche Stimme: »Unsere Stimme ist etwas sehr Persönliches. Viele Menschen machen aber die schmerzhafte Erfahrung, dass andere ihre Stimme nicht schön genug finden, und ?verstecken? sie für den Rest ihres Lebens. ?Song Sanctuary? ist ein geschützter Ort, an dem die Menschen ihren eigenen kritischen Geist beiseiteschieben können und keine Angst haben müssen, von anderen bewertet zu werden. Sie erfahren, wie schön und heilsam es ist, sich durch die eigene Stimme auszudrücken.«

Singen sei auch eine Möglichkeit, das Trennende zwischen den spirituellen Traditionen zu überwinden, so der Amerikaner: »Das Herz jeder Religion ist Wahrheit ? ausgedrückt durch Klang. Wenn man zur Quelle geht, gibt es da immer einen Klang für das ?erschaffende Prinzip?, zum Beispiel Amen, Aum, Allah, Elohim. Wörter, die das Gefühl inneren Friedens ausdrücken, sind Shanti, Shalom, Asalam, Alleluja etc. Durch Singen und Tönen dieser Wörter wird stets die darunterliegende Qualität des Friedens erfahren.«

DAS INNERE LIED.

Für die Sängerin, Tanzpädagogin und Klangkünstlerin Johanna Maria Haslinger, die den weiblichen Teil der »Klangmenschen« personifiziert, führt der Zugang zum eigenen Klang sehr oft über den Körper: »Ich ?bespiele? die Menschen, indem ich Klangschalen oder mein Monochord auf ihren Körper lege. Die Schwingung der Instrumente überträgt sich auf die Zellen, das wirkt wie eine Massage. Oder ich führe durch Körperwahrnehmungsübungen sanft zum eigenen inneren Lied, sodass es durch Hineinspüren im Innersten entspringen darf.« In den Workshops der »Klangmenschen« besingen und berühren die TeilnehmerInnen sich auch gegenseitig. »Alleine die Tatsache, dass andere für sie singen und Klangwelten entstehen lassen, während sie sich tief entspannen oder im Inneren auf Reisen gehen, wirkt ungemein nährend«, so Günter Touschek, der als Musiker, Sänger und Tänzer den männlichen Part der »Klangmenschen« verkörpert. Oft kämen die Menschen mit einem Rucksack voller Glaubenssätze zu ihnen: Ich kann nicht singen, bin völlig unmusikalisch, habe kein Rhythmusgefühl. »Wir möchten dazu verführen, vorbehaltlos Musik zu machen und in die Welt des Klangs einzutauchen. Musik wird so zur Kraftquelle im eigenen Leben.«

Die Schwingung der Klangschale überträgt sich auf die Zellen und wirkt wie eine Massage.

 

Singen als Glückscocktail fürs Gehirn

Singen macht nicht nur glücklich, sondern hat auch eine heilende Wirkung. Das zumindest behauptet Wolfgang Bossinger. Der Musiktherapeut, Gesangaktivist, Autor und Gründer des Vereins »Singende Krankenhäuser« engagiert sich für heilsame Singangebote bei Depressionen, Krebserkrankungen oder traumatischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen.

»Welt der Frau«: Warum spielt gemeinsames Singen in unserer heutigen Gesellschaft kaum noch eine Rolle?
Wolfgang Bossinger: Der Umgang mit Musik hat sich immer mehr zu einer Art Spezialistentum und zur Kunstform entwickelt. Die zunehmende Kommerzialisierung der Musik durch die Medien und die Musikindustrie hat diese Tendenz noch verstärkt. Heute glauben etwa 50% der Bevölkerung, unmusikalisch zu sein. Die einseitige Leistungs- und Perfektionsorientierung in der Musik verstellt den Blick darauf, dass in Wirklichkeit jeder Mensch hochmusikalisch ist. Musik und Gesang sind ein Geburtsrecht. Ich möchte dazu ermutigen, die eigene Stimme ertönen zu lassen und als Quelle des Selbstausdrucks zu nutzen, frei von Perfektionsanspruch.

Dem gemeinsamen Singen werden sogar gesundheitsfördernde Wirkungen nachgesagt.
Wenn wir singen, versetzen wir den ganzen Körper in Schwingung, die Atmung vertieft sich und das Herz-Kreislauf-System wird gestärkt. Stresshormone werden abgebaut, im Gehirn entsteht ein Glückscocktail aus antidepressiven Botenstoffen wie Serotonin, Noradrenalin sowie dem Schmerzkiller Beta-Endorphin und Oxytocin, dem Hormon der Verbundenheit.
Unsere Erfahrungen aus den »Singenden Krankenhäusern« zeigen, dass selbst bei schweren Erkrankungen therapeutisch geleitete Singgruppen tief greifende Wirkungen haben und die Selbstheilungskräfte aktivieren können.

Wieso ist über das Singen ein direkter Zugang zu unseren Gefühlen möglich?
Schon lange ist aus musiktherapeutischen Forschungen bekannt, dass aktives Musizieren und Singen einen stärkeren Zugang zu Gefühlen schafft als das reine Musikhören. Wenn wir singen, spüren wir die Vibrationen unmittelbar körperlich. Darüber hinaus gibt es direkte Nervenverbindungen von unseren Stimmbändern zum vegetativen Nervensystem, zum Herzen und    zum limbischen System, unserem »emotionalen Gehirn«.

Inwiefern ist Singen ein »Tor zur Transzendenz«?
Singen wird in allen Traditionen als Zugang zu spirituellen Dimensionen genutzt. Das Spektrum reicht von Mantras und gregorianischen Gesängen über die Chants der Naturvölker bis zu Gospels und geistlicher Chormusik. Besonders das gemeinsame Singen ermöglicht ein ungeheuer energievolles Resonanzfeld. Ganze Gruppen können dann oft in Flow-Erlebnisse eintauchen und machen dabei Erfahrungen von Herzöffnung, Verbundenheit und Einswerden mit dem Göttlichen. Eigentlich erstaunlich, wie leicht zugänglich so etwas durch Singen sein kann.

Heilerinnen, Geburtshelferinnen und Schamaninnen habe sich immer schon die magische Kraft der Klänge zunutze gemacht. Denken Sie, dass Frauen immer noch das Wissen um die Heilkraft des Singens in sich tragen ? mehr als Männer?
Viel spricht dafür, dass Frauen leichter und intensiver Zugang zum Singen und damit verbundenen Trancezuständen haben. Kinder haben schon zum Zeitpunkt der Geburt über die Stimme eine intensive Bindung an die Mutter. So gesehen sind Frauen auch evolutionsbiologisch dafür prädestiniert, mit der Stimme heilend zu wirken. Viele von ihnen, wie etwa die keltischen »Keening Women« in Irland oder die sogenannten Hexen standen mit ihrem spirituellen und naturverbundenen Heilwissen den patriarchalischen kirchlichen Machtstrukturen im Wege. Heute entdecken immer mehr Frauen ihre Fähigkeit wieder, die eigene Stimme zur Förderung von Heilung zu nutzen. Ohne sie wäre der Erfolg der »Singenden Krankenhäuser« kaum denkbar. Glücklicherweise haben wir aber auch eine Handvoll engagierter Männer mit im Gepäck.

BUCHTIPP
Wolfgang Bossinger, Katharina Neubronner:
Die heilende Kraft des Singens. Traumzeit Verlag, 335 Seiten,
EUR 26,90

www.singende-krankenhaeuser.de


Erschienen in „Welt der Frau“ 12/ 2011 – von Kirsten Commenda