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Die höchste Hochschule  ist die  Natur
Vor 25 Jahren schüttelten viele über ihre Ideen den Kopf. Aber Waltraud Schwienbacher ließ sich nicht beirren. Sie fand eine neue Verwertung für die Wolle der Ultner Schafe, gründete eine Winterschule, und sie ist überzeugt von der Heilkraft der Natur.

Wir sitzen in der alten Bauernstube des Wegleithofs in St. Walburg, eines der ältesten Höfe im Ultental, auf über 1.000 Meter Seehöhe gelegen, und trinken Kräutertee. Auf dem Balkon reihen sich Körbe mit Kastanien, Hagebutten und Kräutern aneinander. Waltraud Schwienbacher erzählt, dass sie täglich einen Morgenspaziergang in den Wald macht und Kräuter pflückt für ihr „grünes Getränk“. Je nach Saison mixt sie zum Beispiel im Herbst Hagebutten, Äpfel, Orangen, Zitronen, Preiselbeeren, eingeweichte Nüsse (samt Schale) oder Kastanien und süßt mit Birkenzucker.

Wolle, Kräuter, Früchte: Waltraud Schwienbacher weiß die Gaben der Natur zu schätzen. Altes Wissen zu bewahren ist ihr wichtig. 

Wolle, Kräuter, Früchte: Waltraud Schwienbacher weiß die Gaben der Natur zu schätzen. Altes Wissen zu bewahren ist ihr wichtig.  © Winterschule Ulten/kraeuterreich.com

Schon seit Jahren ernährt sich die Südtirolerin ausschließlich von Rohkost. Einen Arzt hat sie schon lange nicht mehr gebraucht. Vor Kurzem ließ sie eine Gesundenuntersuchung machen, das Ergebnis waren Werte „wie bei einem Kleinkind“. Dass Waltraud Schwienbacher mit 72 so gesund und kraftvoll ist, liegt nicht nur an ihrer radikalen Lebensweise. Ihre Basis ist der christliche Glaube, ihr Motor „die Freude darüber, was ich machen darf“. Die Liebe zur Natur, die für sie auch „die höchste Hochschule“ ist, hat sie von ihrer Mutter geerbt, genauso wie ihren Vornamen Waltraud, den sie so interpretiert: „Ich vertraue dem Wald.“ Ihre Eltern führten eine kleine Landwirtschaft und eine Bäckerei. Als „Traudl“, wie sie genannt wurde, zehn Jahre alt war, starb ihr Vater an einem Herzinfarkt, und die Mutter war mit den drei Kindern auf sich alleine gestellt. Waltraud musste schon sehr früh „fest arbeiten“. Sie half in der elterlichen Bäckerei mit, bis sie ihren Mann kennenlernte, mit dem sie seit 46 Jahren verheiratet ist und vier Kinder hat. Wolle faszinierte Waltraud Schwienbacher schon von Kindesbeinen an. Mit zwölf Jahren kaufte sie sich von ihrem ersten ersparten Geld ein Lämmchen. Jahre später fragte sie die Ultner Schafbauern beim traditionellen Schafmarkt, was sie denn mit der Wolle machten. „Die schmeißen wir weg. Die will heute keiner mehr“, antworteten sie darauf.

WOLLE IST MEDIZIN
Schwienbacher war entsetzt: „Wir tragen teures synthetisches Glumpert und nützen die Wolle nicht, dabei macht sie die halbe Hausapotheke aus.“ Ihre Inhaltsstoffe sollen zum Beispiel gut für Haut, Haare, Muskeln, Knochen und den Zellaufbau sein, ihre wertvollen Kalium- und Fettsäuren und das Lanolin entzündungshemmend wirken. „Wolle funktioniert wie eine kleine Klimaanlage“, erklärt Schwienbacher. „Sie gleicht Wärme und Kälte aus wie keine andere Faser. Man kann sich Wolle wie einen Zapfen mit Schuppen vorstellen. Ist es warm und trocken, öffnen sich die Schuppen, ist es kühl und nass, schließen sie sich.“

Die Wolle der Ultner Schafe wird in der Wollmanufaktur „Berg­auf“ weiterverarbeitet.

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Erschienen in „Welt der Frau“ 02/17 – von Julia Langeneder