11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Die dänische Autorin Janne Teller fand sich mit ihrem Jugendbuch »Nichts. Was im Leben wichtig ist« auf Verbotslisten ebenso wie an der Spitze von Bestsellerrankings. Sie erzählt darin von der Sehnsucht junger Menschen nach etwas, das im Leben unverrückbar wichtig ist. Die Autorin erwartet einen Aufstand der Jugend gegen die vorherrschenden Werte unserer Welt.

 

»Welt der Frau«: Ihre Geschichte ist wie eine Parabel angelegt. Kehrt die Frage nach dem, was unserem Leben Bedeutung gibt, in jeder Generation wieder?
Janne Teller: Ja. Die Suche nach dem Sinn ist die aller Generationen zu allen Zeiten. Wenn ich mit Jugendlichen heutediskutiere, erzählen sie, dass sie in der globalisierten Welt so viele Informationen bekommen und desorientiert sind. Deswegen, glaube ich auch, haben wir viele Jugendliche mit großen Problemen. Viele schaden sich selbst, haben Essstörungen oder nehmen Antidepressiva. Das ist ein Gesellschaftsproblem und eine Frage an uns Erwachsene, welche Werte gelten. Alles ist auf Konkurrenz aufgebaut und alles dreht sich darum, die Nummer eins zu sein. In dieser Konkurrenz haben wir von Anfang an definiert, dass die meisten Verlierer sind. Dieser fortgesetzte Druck auf die Jugendlichen macht sie krank. Sie können heute nicht gegen eine Autorität rebellieren, weil es keine mehr gibt. Diese Konkurrenz ist ohne Leitfiguren. Deswegen drehen die Jugendlichen die Aggression gegen sich selbst. Wenn ich mit den Jugendlichen diskutiere, bin ich ganz entmutigt, weil sie nicht wissen, was sie möchten. Aber sie suchen etwas Besseres als die Gesellschaft, die wir heute haben. Deswegen glaube ich, wir werden nicht eine Revolution sehen wie in Nordafrika, aber irgendetwas, wo die Jugendlichen sagen, wir wollen etwas anderes, etwas Besseres.

Was denken Sie, wohin das gehen kann?
Ich denke, das geht zu mehr Humanismus. Wir werden sehen, dass Werte wieder zählen. Aber das wird noch eine Zeit dauern.

Eine Renaissance von Gemeinschaft?
Ja, das glaube ich. Das sehen wir in Nordafrika. Sie riskieren ihr Leben für etwas Größeres. Das haben wir im Westen vergessen. Ich glaube, wer heute zwischen zehn und achtzehn ist, wird etwas anders machen.

Pierre Anthon, die Hauptfigur des Buches, behauptet, nichts im Leben habe Sinn. Können wir ohne Bedeutung leben?
Alles, was wir machen, hat Bedeutung. Wir schreiben damit unsere Geschichte. Ich glaube, wir haben die Wahl, was wir schaffen. Wir sollten das Gute wählen.

Die Jugendlichen im Buch »Nichts« verbieten sich bei dieser Suche allerdings etwas essenziell Menschliches, nämlich Mitgefühl.
Sie haben Angst, dass Pierre Anthon recht hat, und deswegen müssen sie ihn und sich selbst überzeugen. Dabei vergessen sie das Mitgefühl.

Manchmal kommt der Zweifel, ob sie nicht Mitgefühl haben sollen. Aber sie verhandeln sich das selbst weg. Das wirkt auf mich wie eine Parabel auf den Nationalsozialismus. Auch er schien nicht zu stoppen, bis buchstäblich alles in Asche lag. War diese Analogie Absicht?
Nein. Wenn ich schreibe, denke ich nur in Symbolen und in der Geschichte. Ich habe mir gedacht: Was würden die jungen Leute machen wollen? Ich denke, es wäre wichtig, dass man den Jungen zuhört.

Müssen Jugendliche Mitgefühl lernen?
Nicht nur sie, das gilt in unserer Zeit für alle.

Woher kommt Mitgefühl?
Wenn Sie Reality-TV ansehen, dann geht es dort immer um Konkurrenz, aber in dem Sinn, den anderen zu manipulieren, auszumanövrieren, bösartige Techniken anzuwenden. Das schauen alle an. Damit zeigen wir den Jungen ein Zusammenleben ohne Ethik, ohne Empathie. Wir sollten zeigen, dass es interessanter ist, miteinander etwas zu schaffen. Man kann nicht ohne Mitgefühl leben. Nur heute zeigen wir Erwachsene Jugendlichen genau das Gegenteil.

Sie machen mit Ihren Büchern auch Gedankenexperimente. Welches beschäftigt Sie momentan?
Ich beschäftige mich viel mit der multikulturellen Identität. Ich glaube, wir müssen die nationale Identität ablegen, das funktioniert nicht mehr.

Wie erleben Sie die momentane Situation in der Welt, wenn wir an die arabischen Länder denken, an Fukushima, an all die Unruhezonen der Welt?
Ich habe herausgefunden, dass in meinen Büchern etwas Seismografisches vorkommt, aber das ist nicht bewusst. Ich nehme die Energie ? oder was in der Welt passiert ? auf, und dann kommt eine Geschichte und die schreibe ich auf. Ich sehe, dass eine Revolution der Jugendlichen in einigen Jahren kommen wird. Ich hoffe, dass sie für eine bessere Welt ist, und ich glaube es auch. Aber man kann nicht sagen, wie sie aussehen wird. Aber ich glaube, unsere Welt, unser System hat eine Energieformel gemacht, die die Natur für Generationen ruiniert. Zuerst war das mit dem Öl, wir haben Probleme mit der Luftverschmutzung, und jetzt die Atomkraft. Wenn wir keinen Unfall in Japan oder Tschernobyl gehabt hätten, hätten wir immer noch den radioaktiven Abfall, von dem wir nicht wissen, was wir damit tun sollen.

Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass wir der nächsten Generation nicht erzählen müssen, was war, sondern was sein wird.
Man muss sich überlegen, wie man sicherstellen kann, dass man in Hunderten Jahren noch weiß, dass man das Gebiet um Fukushima nicht betreten soll.
Und im Norden von Finnland machen sie ein großes Grab mit radioaktivem Abfall, das für hunderttausend Jahre sicher sein soll. Man weiß, dass die Sprache sich ändern wird, und man diskutiert, was man machen soll, damit das dann noch verstanden wird. Wenn man das alles ansieht, hinterlassen wir unseren Kindern eine schlechtere Welt, als wir sie selbst vorgefunden haben. Deswegen werden wir eine Revolution sehen. Hoffen wir, dass sie für bessere Werte, für mehr Solidarität und Mitgefühl sein wird.

Denken Sie, dass wir Älteren da noch eine Aufgabe haben?
Ich hoffe, dass wir Werte vermitteln, wie man Wege gehen kann. Man kann Fragen stellen, Geschichten erzählen. Unsere Generation kann den Jungen Wege zeigen und die großen Fragen der Werte mit ihnen ansprechen. Da kann man helfen, dass sie nicht zu viele Fehler machen, wenn die Revolution kommt.

Sie schreiben in dem Buch »Nichts« immer über Bedeutung. Sie haben durch dieses Buch selbst viel Bedeutung bekommen. Wie geht es Ihnen damit?
Es ist gut, wenn so etwas später im Leben kommt. Ich freue mich, dass meine Bücher gelesen werden. Aber es ist außerhalb von mir, es verändert mich nicht. Jetzt bin ich einen Monat lang gereist, nun freue ich mich, nach New York zurückzugehen, mein ruhiges Leben zu haben. Was mich wirklich interessiert, ist, neue Gedanken zu finden und darüber zu schreiben.

Ihre Mutter kam aus Österreich?
Ja, aus Krumpendorf am Wörthersee. Sie kam mit dem Roten Kreuz als Kind nach dem Krieg nach Dänemark. Sie konnte drei Monate bleiben, um sich wieder einmal satt zu essen. Sie kam mit einem Schild um den Hals an, konnte kein Wort Dänisch, hielt danach den Kontakt mit der Familie und kam als Erwachsene wieder nach Dänemark. Mein Großvater väterlicherseits war Deutscher, der zu Fuß mit zehn Mark in der Tasche nach dem Ersten Weltkrieg nach Dänemark gegangen ist.

In Umfragen heißt es immer, in Dänemark würden die glücklichsten Menschen Europas leben.
Das ist aber nicht wahr. Die Dänen definieren sich, dass sie erfolgreich sind, wenn sie glücklich sind. Wenn sie gefragt werden, ob sie glücklich sind, sagen sie Ja. Wenn man Regen erwartet, sagt man, Regen ist gut. Wenn man die Dänen ansieht, lächeln sie nicht in den Straßen wie in Südeuropa oder Afrika. Wir haben große Probleme mit Depressionen. Wir sind kein glückliches Volk, aber wir definieren uns selbst so.

Ist dieses Fragen nach dem Sinn ein Zeichen nördlicher Schwermut? Die Fragen nach dem Sinn werden in afrikanischen Kulturen kaum gestellt.
Doch, aber in einer anderen Art. Ich glaube, die Afrikaner fühlen sich dem Leben sehr nah, weil sie auch dem Tod sehr nahe sind. In der Natur zu leben ist gefährlicher. Ich habe in Afrika gelernt zu lachen. Sie haben diese Eigenschaft, sich zu freuen, wenn es gut geht, und sich nicht zu viel zu kümmern. Wenn wir heute zu essen haben, feiern wir ein Fest, und morgen sehen wir, wie es geht. Sie haben ein größeres Gefühl, lebendig zu sein. Sie schätzen menschliche Beziehungen höher als alles andere. Wenn man andere Menschen sieht, denkt man nicht an ein Ziel, sondern an ihn als Menschen. Hier in unserem effektiven Europa sehen wir einander unglücklicherweise oft nur als Mittel zum Zweck, um etwas zu erreichen.

Empathie und Vertrauen gehören offenbar zusammen.
Ja, deswegen ist es so wichtig, andere Menschen zu sehen. Das machen wir heute gar nicht. Facebook ist gut für oberflächliche Beziehungen, aber nicht für Nahbeziehungen.

Die anderen sind dabei vielleicht eher Publikum für die eigene Inszenierung?
Genau. Wir haben aus den anderen ein Publikum gemacht. Aber das ist eine Verwechslung. Die Bestätigung der Existenz liegt nicht im Ruhm.

Wenn wir über Weltethos oder Weltregierung diskutieren, setzt das voraus, dass es Punkte gibt, wo wir einander als Menschen verstehen, und dass wir diese Punkte suchen sollen.
Ja. Auch ein Buch muss etwas Universelles, Menschliches treffen, selbst wenn es lokal angesiedelt ist. Es gibt etwas, das bei uns allen gleich ist.

Menschen haben mehr gemeinsam, als sie trennt?
Wir haben verschiedene Kulturen, aber als Menschen sind wir gleich. Die Kultur ist nur wie ein Mantel außen.

Die Dänin Janne Teller ist gelernte Volkswirtin und hat mehrere Jahre als Beraterin für EU und UNO gearbeitet, unter anderem in Afrika. Seit 1995 lebt sie als freie Schriftstellerin in New York.
 
Janne Teller war auf Einladung des Thinktanks Academia Superior (www.academia-superior.at) in Oberösterreich zu Gast. Wir danken für die Vermittlung des Gesprächs.

 JANNE TELLER UND DAS »NICHTS«

Ein Buch, das heftige Diskussionen auslöst.

Pierre Anthon sitzt in einem Pflaumenbaum und spottet über seine Mitschüler, die noch jeden Tag zur Schule gehen. »Ihr meint, dass ihr mit dem, was ihr tut, Bedeutung im Leben erlangen könnt? Nein, nichts ist von Bedeutung.« Seine 14-jährigen Klassenkollegen antworten mit einem geheimen Experiment: Jeder muss abliefern, was ihm bedeutsam ist. Was das ist, bestimmt jeweils ein anderer in der Klasse. So landen Hamster, Schuhe, Adoptionsurkunden auf dem »Berg der Bedeutung«. Doch die Forderungen werden immer größer, die Situation eskaliert. Schließlich interessieren sich Medienwelt und Kunstmarkt für das angehäufte Bedeutungsgut. Nur Pierre Anthon findet das noch nicht bedeutsam. Die Geschichte endet dramatisch und die Frage nach der Bedeutung bleibt offen.
Janne Tellers Buch wurde bei seinem Erscheinen 2000 in Dänemark heftig diskutiert als eine mögliche Anstiftung von Jugendlichen zu Gewalt und daher sogar vorübergehend verboten. In der Zwischenzeit hat es in die Schulbücher Eingang gefunden. Es stellt auf einprägsame Weise Fragen, die Heranwachsende beschäftigen,
und geht auch Erwachsenen nahe.

Janne Teller: »Nichts. Was im Leben wichtig ist«,

Hanser Verlag.
Das neue Buch von Janne Teller, das wie ein Pass gestaltet ist, trägt den Titel: »Krieg. Stell dir vor, er wäre hier« (ebenfalls Hanser Verlag). Die Autorin entwirft die Szene, dass in Europa Krieg herrscht und ein Jugendlicher als Flüchtling in Ägypten landet. Sie macht eindrücklich fühlbar, was ein Schicksal als Flüchtling für uns bedeuten könnte.

Erschienen in „Welt der Frau“ 78/ 2011 – von Christine Haiden