11

17

Aktuelle
Ausgabe:
Zum Shop
Eine Reise durch die Wüste und was ein Kamelskelett mit Glück zu tun haben kann.

Morgens, knapp vor sechs, wache ich auf und winde mich aus meinem Schlafsack. Mich fröstelt. Die Karawane lagert auf einer weiten Sandebene. Wie eine Flotte Schiffe liegen die Kamele im Sand, kauen Stroh und grunzen. Scharf und dunkel zeichnen sich ihre Dinosaurier-Silhouetten gegen den klaren, versinkenden Nachthimmel ab, an dem noch ein blasser Mond hängt. Strohballen, Holzbündel, Kanister, Matten, Säcke, Taschen, Sättel liegen im Sand. Suleyman, der Koch, steht am Feuer und kocht Teewasser. Die Karawanenführer zurren Taue fest, schnüren Strohballen zusammen, beladen die Lastkamele, legen den Reitkamelen die Nasenringe mit den Reitstricken an, legen Decken auf die hölzernen Sättel.

Abdar, einer der drei Tuareg-Karawanen-Führer, beugt sich zum Morgengebet gen Mekka. Sein schwarzer Gesichtsschleier berührt den Boden, der Wind wellt seine weiten, blauen Kleider. Seit vierzig Jahren zieht Abdar mit den Kamelkarawanen durch die Ténéré-Wüste im Niger zu den Salzsalinen von Bilma. Vielleicht ist er fünfzig, vielleicht älter. Er weiß es selbst nicht so genau. Wenn er geht, ist es, als habe sein schmaler Körper kein Gewicht. Seine Füße, die in ausgebleichten orangen Flipflops aus Gummi stecken, hinterlassen im weichen Sand, in dem ich stapfend einsinke, beinah keine Abdrücke. Er spricht nur zwei Sätze Französisch. Wenn sich unsere Wege kreuzen, umfasst er meine rechte Hand mit seinen beiden dunklen, rauen Händen und schüttelt sie lange. „Merci beaucoup“, sagt er nickend und lachend hinter seinem Gesichtsschleier, „ça va?“ Das reicht für jede Situation.

Im Osten glüht der Himmel in Erwartung der Sonne orangerot und pink. Wenn die Tuareg sich kurze Sätze zurufen, weht der kühle Morgenwind mir ein paar Satzfetzen in ihrer Sprache, dem Tamaschek, herüber. Ein Kamel brüllt kehlig. Mit klammen Fingern krame ich in meiner Tasche: Wasserflasche, Zahnbürste, Zahnpasta, Feuchttücher, Zündhölzer. Ein erster gelbglühender Sonnenfleck zeigt sich. Meine Augen suchen den Horizont nach einem Ort für einen Klogang ab. Da ist nichts. Kein Felsen, kein Hügel. Ein paar Hundert Meter weiter liegt ein Kamelskelett. Auf dem Weg dorthin fühlt sich der Sand unter meinen Fußsohlen kühl und rau an. Hinter den ausgebleichten Rippenbögen des Skeletts hocke ich mich hin. Ich betrachte das poröse Gerippe. „Beckenschaufel?“, frag ich mich. „Nein! Rippe? Ja, Rippe ist gut“, denke ich, beuge mich vor und breche eine Rippe aus dem Brustkorb, an dem noch hie und da ein Stück pergamentenes Fell hängt. Ich grabe mit der Rippe ein Loch, werfe mein Klopapier hinein, zünde es an und beobachte die Flammen, die das Papier in graue Ascheflocken verwandeln. In der Wüste verrottet nichts. Ich schaufle das Loch zu, werfe die Rippe weg und gehe zurück. Die Sonne steht jetzt wie ein Ball knapp über dem Horizont. Ich spüre die wohlige Wärme ihrer ersten Strahlen und mache die Augen zu. Und dann plötzlich sagt etwas in mir „Stopp!“ und „Moment einmal!“. „War ich gerade“, frage ich in mich hinein, „hinter einem Kamelskelett am Klo, habe dann mit einer Rippe ein Loch gegraben, mein Klopapier darin abgefackelt, währenddessen der Sonne beim Aufgehen zugesehen – und all das ist mir keinen Moment seltsam erschienen?“ Pause. „Genau so war’s“, antworte ich mir beschwingt und gehe schneller.


Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2012 – von Julia Kospach