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Die Kleine Mü ist groß geworden<br>ab 5 bzw. 8 Jahren

Vergangene Woche bin ich nach Helsinki geflogen. Fünf gemeinsame Tage für meine große Tochter, die gerade ihr ERASMUS-Semester in Oulu abgeschlossen hat, und mich. Fünf Tage zum Entdecken dieser abwechslungsreichen und lebendigen Stadt. Und wir haben dort doch tatsächlich in der Straßenbahn die Kleine Mü getroffen! Man stelle sich vor: Fast hätten wir sie nicht erkannt und für einen gewöhnlichen Punk mit Nasenring, rasierten Nackenhaaren, schwarzem Minikleid und groben Stiefeln gehalten. Beinah wäre diese Begegnung, die mich echt beeindruckt hat, unbemerkt vorübergezogen.

In Finnland kennt sie jedes Kind. Sie ist eine der markantesten Figuren in den Geschichten rund um die Familie der Mumintrolle und ihre Freunde, geschrieben von der Finnlandschwedin Tove Jansson. Nachdem der Gedanke da war, diese junge Frau könnte in ihrem Styling – Augenbrauen auf finster und grantig rasiert, Deckhaare zu einem spitzen Knoten hochgeschlagen, schwarzes kurzes Kleid in A-Form – von der kleinen Mü inspiriert sein, war es sonnenklar: Die Kleine Mü war erwachsen geworden und saß uns mit grimmigem Blick in der Straßenbahn schräg gegenüber.

Hej! Ich bin wild und wütend, fröhlich und gefährlich. Respekt? Den habe ich nicht, vor niemandem und vor nichts. So stellt sie sich in dem Band „Winter im Mumintal“ (übersetzt von D. Bjelfvenstam, Oetinger Verlag 2000) der Leserschaft vor. Sie ist wie ein unberechenbares, unbändiges, egozentrisches Mädchen, das ausschließlich ihren momentanen Impulsen gehorcht, übermütig an allem, auch an Vorhängen, hochklettert, die schlafende große Schwester schon einmal aus dem Karton in den Schnee kippt, weil sie die Schachtel als Schlitten braucht. Sie handelt gänzlich unkontrolliert und selbstbestimmt und entlarvt mit ihrem scharfen Verstand die anderen blitzschnell. Außerdem ist sie äußerst lebenslustig und aktiv.

So eine Kleine Mü haben wir alle in uns und ich finde, die darf sich ruhig öfter durchsetzen – hoch lebe die Kleine Mü!

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Meine Freundin, Schwägerin und Kamishibai-Partnerin Alexandra Mayer-Pernkopf www.isipisi.at hat mich vor Jahren auf die Mumin-Geschichten aufmerksam gemacht. Anfangs war ich befremdet, zu schräg und spröde erschienen mir die Charaktere. Doch je näher ich ihnen gekommen bin, je tiefer ich mich vorlesend ins Mumintal hineinwagte, umso faszinierender sind sie geworden:

Die Hemule, gewissenhaft und korrekt, oft von hartnäckigem Forschergeist getrieben; das Snorkfräulein, Mumins Freundin, seine Spielgefährtin; der Mumrik, auch Schnupferich genannt, Freund Mumins, ein freiheitsliebender Wanderer, bestens ausgerüstet und stets zum Aufbruch bereit; Too-ticki, eine weise, gelassene und freundliche Frau und Freundin der Familie, die gerne Leierkasten spielt (Tove Janssons Lebenspartnerin Tuulikki Pietilä nachempfunden); die Filifionka, fürsorgliche und aufopfernde Mutter, die sich selbst darüber vergisst und ganz aufgelöst und krank vor Sorge ihr Leben fristet; nicht zu vergessen die Hatifnatten, eigentümliche kleine Gespensterchen, die immer gruppenweise auftreten, sich mit der Elektrizität von Gewittern aufladen und Nervosität verbreiten; die große Morra, ein unheimliches dunkles Wesen, das Melancholie und Schwere ausstrahlt; Das ängstliche Schnüferl, das ein wenig ungeschickt durchs Leben stolpert und ein kleines Kätzchen zum Freund hat – und das sind längst noch nicht alle Trolle, die das Mumintal bevölkern und gemeinsam so manches schwierige Abenteuer bestehen.

Tove Jansson war ursprünglich Künstlerin und ist über die Malerei und das Zeichen zum Schreiben gekommen. Aufgewachsen in Helsinki, als Tochter eines Bildhauers und einer Illustratorin (nachzulesen im literarischen Kleinod „Die Tochter der Bildhauerin“, 2014 bei Urachhaus, Original 1968) schrieb sie ihre Geschichten anfangs auch für Erwachsene, erst nach und nach wurden die Figuren, sicher auch aus Vermarktungsgründen, lieblicher gezeichnet. Neun Bände erschienen in loser Reihenfolge zwischen 1945 und 1970, fünf davon enthalten die 3 hier gezeigten Bücher, vier weitere („Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft“, „Muminvaters wildbewegte Jugend“, „Mumins wundersame Inselabenteuer“ und „Herbst im Mumintal“) sind als günstige Taschenbücher lieferbar.

Für den Einstieg empfiehlt mein jüngster Sohn die „Geschichten aus dem Mumintal“, in sich abgeschlossene Erzählungen, ideal als Gutenachtgeschichten für Vorschulkinder. Für ausreichend Vorlesestoff ist also gesorgt, viel Freude mit den drolligen Trollen! Und danke, liebe Ali, dass du mir von ihnen erzählt hast!

Die Mumins sind in Finnland und auch Schweden allgegenwärtig. Auf Tassen, Handtüchern, Postkarten, Buttons, Regenschirmen und Teebeuteln. Die Merchandising-Maschinerie macht fast vor nichts Halt. So nett diese kleinen Dinge sein können, zwischenzeitlich ist uns das in Helsinki gehörig auf die Nerven gegangen. Ich konnte keinen Mumin mehr sehen. Wie gut, dass uns die unfreundliche Erscheinung in der Straßenbahn wieder an die authentische Seite der Mumintrolle erinnert hat.

 

 

Tove Jansson:

Willkommen im Mumintal

Zwei Bände in einem: „Mumins lange Reise“ und „Komet im Mumintal“

Sonderausgabe anlässlich des 100. Geburtstags von Tove Janssons 2014 bei Arena

Originale erschienen 1945 und 1946

978-3-401-60029-1 EUR 10,30

 

Komm mit ins Mumintal

Zwei Bände in einem:

„Sturm im Mumintal“ und „Winter im Mumintal“

Sonderausgabe anlässlich von 66 Jahre Arena 2015 erschienen

Originale erschienen 1954 und 1957

978-3-401-50757-6 EUR 6,66

 

Geschichten aus dem Mumintal

Arena 2011

978-3-401-50322-6 EUR 5,20

 

Zum Vorlesen ab 5, zum Selberlesen ab 8 Jahren

 

Daneben gibt es bei Reprodukt 7 Sammelbände mit Schwarz-Weiß-Comics, die in den 50er-Jahren in Deutschland bekannt wurden. Ebenso ganz neu einige schmälere farbige Comicbände und auch Bilderbücher.

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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