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Die Kraft der Vergebung

„Ein Unrecht muss vergolten werden“, so denken wir. Und das ist richtig. Doch ohne Versöhnung mit vergangener Verletzung gibt es keine Zukunft. Verzeihen sollten wir daher auch um unser selbst willen. Wie aber gelingt gute Versöhnung?

Wir alle erfahren auf unserem Lebensweg Kränkungen und Verletzungen. Das ist schmerzhaft, besonders dann, wenn dies durch einen Menschen geschieht, der uns nahesteht. Unser Leben gerät aus dem Gleichgewicht. Wut, Angst, Ohnmacht und Traurigkeit ergreifen von uns Besitz. Unsere Gedanken kreisen unablässig um das erlittene Unrecht und kommen nicht los von dem Menschen, der uns verletzt hat. Oft fanden solche Verletzungen bereits in unserer Kindheit statt. „Wenn mir dies damals nicht geschehen wäre, könnte ich heute glücklich sein“, mutmaßen wir. Wir tragen anderen etwas nach und tragen selbst doch am schwersten daran. Denn die Weigerung, zu verzeihen, bindet uns nicht nur an diejenigen, die uns Unrecht zufügten, sie bindet uns auch an die Vergangenheit und überschattet unsere Gegenwart. Und nicht genug damit – oft übertragen wir unseren unverarbeiteten Groll auf gegenwärtige Beziehungen und verursachen dadurch neues Leid. 

Vergebung ist daher immer eine Entscheidung für das eigene Lebensglück und trägt entscheidend zu einem friedlichen Miteinander in der Welt bei. 

SICH AUF DEN WEG MACHEN
Doch wie geht Vergebung? Und welche Schritte erfordert sie? Dass es sich bei der Vergebung um einen Kraftakt handelt, der Mut, Entschlossenheit und einen langen Atem braucht, spürt jeder sehr schnell, der sich dazu bereit macht. Denn es bedeutet, sich all seinen verletzten Gefühlen zu stellen und sich den Weg durch Zorn, Scham, Angst, Enttäuschung und Trauer zu bahnen. Kein Wunder, dass wir davor zurückscheuen und diese Gefühle lieber verdrängen oder vergessen würden, anstatt uns ihnen auszusetzen. Oft sind es auch nahestehende Menschen, die uns nahelegen, doch endlich einen Strich unter die Sache zu ziehen und Gras über die Sache wachsen zu lassen. Doch gerade unter diesem Gras wuchern Kränkungen oft unbemerkt weiter und wachsen sich zu Groll und Bitterkeit aus. Nicht selten ergreifen dann Rachegedanken von uns Besitz. Wir wollen es dem anderen heimzahlen. Soll er doch auch einmal spüren, wie sich das anfühlt! Der Wunsch nach Rache ist eine natürliche und archaische Reaktion auf Unrecht. Doch Rache ist nicht süß, sie schmeckt bitter. Sie heilt auch nicht den Schmerz, sondern verursacht nur noch mehr unnötiges Leid. Was sie anrichten kann, führen uns die gewaltsamen Konflikte in der Welt vor Augen, denen meist völlig Unschuldige zum Opfer fallen. Und doch liegt dem Drang nach Vergeltung ein berechtigter Wunsch zugrunde: der nach Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. 

UNRECHT BEIM NAMEN NENNEN
Vergebung bedeutet nicht, auf Gerechtigkeit verzichten zu müssen. Sie führt auch nicht zwangsläufig in die zwischenmenschliche Versöhnung mit der Verursacherin oder dem Verursacher der Verletzung, denn sie hat in erster Linie die innerseelische Aussöhnung mit dem eigenen Schicksal zum Ziel. Es ist daher durchaus möglich, einem Menschen zu vergeben und ihn für seine Vergehen vor Gericht zu bringen, denn die Wahrheit muss ans Licht gebracht, das Unrecht beim Namen genannt werden. Aus diesem Grund entschied sich Südafrikas Regierung nach Beendigung der Apartheid zur Einrichtung landesweiter Wahrheits- und Versöhnungskommissionen. Neu daran war, dass den Täterinnen und Tätern Straffreiheit zugesichert wurde, wenn sie ihre Verbrechen öffentlich gestanden und Reue zeigten. Der Teufelskreis von Gewalt und Rache sollte dadurch ein für alle Mal unterbrochen und Versöhnung möglich gemacht werden. Indem den Opfern die Möglichkeit gegeben wurde, vor die Schuldigen zu treten und zu bezeugen, was ihnen angetan wurde, traten die einst hilflos Gepeinigten aus ihrer Opferrolle heraus und eroberten sich Würde und Macht zurück. „Ich glaube, das ist der schnellste Weg, um Frieden zu finden und vergeben zu können“, sagte der südafrikanische Bischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu. 

DIE VERSTRICKUNG LÖSEN
Natürlich hofft jeder Mensch nach erlittenem Unrecht auf ein Schuldeingeständnis des anderen und auf dessen Bitte um Verzeihung. Doch solange wir unsere Vergebung davon abhängig machen, bleiben wir an genau den Menschen gekettet, der uns Schaden zugefügt hat, und übergeben ihm den Schlüssel für unseren Heilungsprozess. Was aber, wenn er seine Schuld abstreitet? Oder wenn er sie gar nicht mehr eingestehen kann, weil er zu alt oder nicht mehr am Leben ist? 

In diesen Fällen kann es hilfreich sein, sich einen Stellvertreter zu suchen, einen nahestehenden Menschen oder vielleicht auch eine Therapeutin, die einem sagt: „Ja, dir ist Unrecht zugefügt worden. Es tut mir von Herzen leid.“ Diese Worte aus dem Munde eines anderen Menschen werden als sehr befreiend und heilend erlebt. Manche Menschen haben darauf ihr ganzes Leben gewartet. 

DER VERÄNDERUNG RAUM GEBEN
Auf dem Weg der Vergebung erkennen wir, dass die Dinge nicht mehr so sind, wie sie einmal waren, und dass sie auch nie wieder so sein werden. Vergeben fordert von uns nicht mehr und nicht weniger, als die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit ein für alle Mal aufzugeben. Was geschehen ist, ist geschehen. Es lässt sich nicht mehr rückgängig machen, sosehr wir uns dies auch wünschen. Wir müssen deshalb nicht gutheißen, was geschah. Unrecht bleibt Unrecht. Doch indem wir das Unveränderliche Schritt für Schritt akzeptieren, erschöpfen wir uns nicht länger im Widerstand dagegen und sammeln unsere Kraft, das zu ändern, was wir tatsächlich verändern können: unsere Sicht auf das, was geschehen ist, und unsere Reaktion darauf. Vergebung ist somit immer auch eine Entscheidung, die ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten in sich birgt. Solange wir uns mit der Frage quälen, warum der andere uns verletzt oder betrogen hat, bleiben wir an ihn und die Vergangenheit gekettet. Wenn wir jedoch unsere Perspektive verändern und die Zukunft in den Blick nehmen, öffnen wir uns für Veränderung. Vielleicht gelingt es eines Tages dann sogar, einen Sinn in dem Leid zu entdecken, das uns widerfahren ist. Denn wir selbst entscheiden darüber, wie wir die Verletzung in unser Leben einordnen wollen. Nehmen wir sie zum Anlass für Rache oder Resignation? Oder erblicken wir in ihr die Aufforderung, uns auf einen Weg der Heilung zu begeben? 

„Das Leben meiner Tochter hatte einen Sinn.“

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Gisela Mayer, „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“

15 junge Menschen verloren bei dem Amoklauf des 17-jährigen Tim Kretschmer an der Realschule von Winnenden im Jahr 2009 ihr Leben. Unter ihnen Gisela Mayers Tochter Nan: „Mit Nan ist für uns eine ganze Welt gestorben“, sagt Mayer. Um anderen Menschen ein solches Leid zu ersparen, gründete sie gemeinsam mit betroffenen Eltern das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“, eine Stiftung zur Gewaltprävention an Schulen. 

„Der Täter hat uns eine Aufgabe gestellt. Eine Tat wie diese, von einem Menschen verübt, muss auch von Menschen wiedergutgemacht werden.“ Ihr Appell richtet sich an uns alle, frühzeitig und bewusst hinzusehen, wenn junge Menschen aus Beziehungsnetzen herausfallen und in Gewaltfantasien abgleiten. „Tim Kretschmer war kein Monster“, sagt Gisela Mayer. „Er war Teil der menschlichen Gemeinschaft, der genau diese Gemeinschaft zerstören wollte, weil er ihr die Schuld für das eigene Leid gab.“ Mehr als sechs Jahre sind seit dem gewaltsamen Tod ihrer Tochter vergangen. „Es nahm mein ganzes Leben auseinander“, sagt sie zurückblickend. Doch niemals kam es für sie in Betracht, sich vor dem entsetzlichen Schmerz zu schützen und das Geschehene zu verdrängen. Vielmehr spürte sie ganz deutlich: „Der einzige Weg ist mitten durch den Schmerz. Der Weg aus dem Tal führt nur durch das Tal.“ Über die Jahre hat sich dadurch ihr Blick auf den jungen Todesschützen, der ihr die Tochter nahm und so viel Leid über ihr Leben brachte, verändert. „Ich kann heute seine Not und Verzweiflung erkennen und Mitleid für ihn empfinden.“ Ihre Tochter ist ihr hierfür Leitbild: „Nan war dem Leben zugewandt. Sie schützte es, wo immer sie konnte, und sah in anderen Menschen immer das Gute. Ihre Freude am Leben wirkt in meinem Leben und durch mich fort.“

Mehr zum Thema so wie weitere Porträts finden Sie in der Ausgabe „Welt der Frau“ 12/15 

 

 

Simon Wiesenthal:
Die Sonnenblume.
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Die Kraft des Vergebens.
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Das Buch des Vergebens.
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Allegria Verlag,
19,99 Euro

 
 
 

Erschienen in „Welt der Frau“ 01/16 – von Christa Spannbauer