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Die Kunst der Eselsohren: Alles andere als einfältig

Dieses Lesezeichen ist die absolute Premiere: Hiermit präsentiere ich erstmals ein Buch, das weder Roman noch Sachbuch der kritischen Art ist. Einmal stellte ich ein Kochbuch vor, das beinahe einem Gesellschaftsroman – Menschen treffen sich beim Essen – gleicht. Doch hier geht es ja um das Grund-Werk-Material: Buch. Und da kenn ich mich einfach aus: Bücher in Öffentlichen Bibliotheken dienen der Bildung und Unterhaltung, gehören sie nicht zu den Klassikern, ja, da zähle ich auch die Österreichische Literatur nach 1945 dazu!!!, dann werden sie bei den Bestandssichtungen aus dem Bestand genommen, wenn sie länger als fünf Jahre nicht entlehnt wurden. Dann liegen sie also da und man kann noch viel mit ihnen machen.

Der vorliegende Band führt in die Kunst des Buchseiten-Biegens und –knickens ein, ein Hoch allen Eselsohren. Orimito? Das ist die Kunst, Bücher mithilfe exakt gefalteter Eselsohren in zwei- und dreidimensionale Kunstobjekte zu verwandeln. Japanisch ist in und dann kann es bereits losgehen. Werkzeug und Material beschreibt Dominik Meißner exakt und so, dass es auch weniger geübte Knicker verstehen, hier ist „Flachzange“ kein Schimpfwort. Herrlich für alle BibliothekarInnen und Bibliophile, dass hier „das Buch“ zum Material wird und daher seine Bestandteile genau erklärt sind – Vorsatz, Nachsatz, Buchdeckel etc.

Mit „Orimotos ohne Vorlage“, quasi der Eierspeise der hohen Kochkunst, starten die Beschreibungen.

Für diese Objekte wird keine Vorlage benötigt, da die Buchblätter wie beim klassischen Origami nur gefaltet werden. Die Positionen der Faltungen gibt das Buchblatt selbst an.

Es folgen aus Buchseiten entstandene Igel, Kerzen und besonders interessant ein Zirkuszelt: Ein perfekter Hintergrund, um Bilderbücher um Clowns und Artisten vorzulesen. Wer das Falten nutzt, um Kindern und Erwachsenen aus Büchern vorzulesen, daheim und in öffentlichen Einrichtungen, macht aus der Arbeit rund ums perfekte Eselsohr einen wahren Ohrenschmaus. Aber der heißt auf Japanisch wohl nicht Sushi? Im Ernst: Wer gerne werkt, wer seine und ihre Bücher nicht einfach auf den Flohmarkt bringen will, erfährt hier fundiert, wertschätzend und mit klar erkennbarer Liebe zum Tun, wie wenig einfältig so ein Buch doch ist.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht verwenden: Sie tragen Bastelmaterial zum Altpapier und versäumen es, daraus noch was zu knicken, Ruhe und Bedächtigkeit, eine gewisse Befriedigung, dass es Ihnen gelang, den Igel zu falten;
Diejenigen, die versierter sind, erfreuen sich an den Herausforderungen, Worte wie „Glück“ zu knacken, indem sie die Blätter richtig falten.

 

Der Autor ist mittlerweile 50 und faltet den Informationen des Buches nach seit 40 Jahren Papier, das merkt man seinen Beschreibungen an, er ist nämlich weit weg von besserwisserischer Hochnäsigkeit. Diplominformatiker ist er auch, ach ja: 4 – 5 Stunden pro Tag beschäftigt er sich mit Origami. Das ist eine bewundernswerte Leidenschaftlichkeit, die mich gleich nach meiner Kamera suchen lässt.

www.orimoto.de – finden Sie mehr davon. Wenn Sie nicht weiterwissen – mail@kreativ-service.info

 

 

Dominik Meißner:

Orimoto.

Faltkunst für Bücherfreunde.

Stuttgart: Frechverlag 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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