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Die Lehre meines Gartens

Wachsen lassen, schauen, Freiheit spüren: Gärtnernde Frauen erzählen, wie die Beschäftigung mit Pflanzen ihre Wahrnehmung und ihren Blick auf viele Dinge des Lebens beeinflusst.

Am Anfang ist ein Garten nicht mehr als ein Raum voller Ideen und Träume. Eine diffuse Sehnsucht nach Farben, Gerüchen, Blüten und Mustern. Um dieses Traumbild legt sich mit der Zeit der Rahmen des Möglichen. Die Form, in die man sich beim Anlegen eines Gartens fügt, besteht aus der Landschaft, die diesen Garten umgibt, aus dem Klima und den Sonnen- und Schattenverhältnissen und aus der Beschaffenheit des Bodens, in der die Pflanzen wachsen sollen. Die Gärtnerin oder der Gärtner ist frei, den Grundton zu wählen, in dem ihr Garten erklingen soll. Sie wählen das Zusammenspiel von Gerüchen und Farben, von Blattwerk und Blüten und den Rhythmus, in dem Licht und Schatten aufeinandertreffen. Dass Vorgaben existieren, auf die man keinen Einfluss hat, bedeutet keine Einschränkung der gärtnerischen Fantasie. Im Gegenteil: Es führt sehr oft zu mehr Konzentration und Kreativität.

In diesem Licht besehen, wird aus der Arbeit im Garten ein Kunsthandwerk, ein Spiel mit zahlreichen Regeln, innerhalb derer sich der Garten entwickelt. In einem Garten ist nie alles möglich. Deshalb ist das Ziel gärtnernder Menschen auch – fast – nie die Annäherung an das Unmögliche, sondern sie machen das äußerst Mögliche zum Ideal. Die Entstehung eines Gartens unter diesen Vorzeichen ist das Anregendste überhaupt. „Nicht der Gärtner ist es, der der Natur einen Garten abgetrotzt hat, sondern der Garten hat sich einen Gärtner gefunden, der an seinem Zustandekommen leidenschaftlich interessiert ist“, schreibt die österreichische Schriftstellerin Barbara Frischmuth, die natürlich auch selbst eine unermüdliche Gärtnerin ist.

SANFTES ABTAUCHEN
Kein im Garten verbrachter Tag vergeht ohne Momente, in denen man von sich selbst absieht. Auch demjenigen, der einen Garten nur kurz durchwandert, geschieht das. Arbeitet man im Garten, wird diese Wirkung noch verstärkt. Es ist wie ein Abtauchen in ein Universum, in dem die Selbstbetrachtung an Bedeutung verliert. An ihre Stelle tritt die Betrachtung eines Ortes und seiner Pflanzen. Dieses Abgleiten geht sanft, unmerklich vor sich. Es scheint nichts Geheimnisvolles daran zu sein, und trotzdem strahlt es zurück auf das Ich, das sich gerade in den Gedanken oder im Kümmern um eine Pflanze verloren hat. In Momenten selbstvergessener Gartenarbeit wird der Garten zu einer ganzen Welt: neu bevölkert, neu beschaffen, mit neuen Möglichkeiten und mit einem neuen Zeitgefühl.

Was immer der Unfug war, den man vor dem Eintreten im Kopf gehabt haben mag, der Garten ist der Ort des Gedankenwechsels. Seine Grenzen – egal wie klein – dehnen sich immer weiter aus. Das langsame Lebenstempo des Gartens überträgt sich auf die, die sich in ihm bewegen. Darin liegt eine große Qualität und Befriedigung. Lesen Sie weiter in der Printausgabe…

Es kommt immer etwas raus

Andrea Traar (55), liebt ihren Gemeinschaftsgarten in Wien.

Judith Brandner

Die Gartenarbeit ist für mich ein kreativer, inspirierender Akt. Ein Ausgleich, der mich mit neuer Energie erfüllt. Ich merke dabei auch wieder, wie wenig ich brauche, damit es mir besser geht. Wenn ich grantig bin oder mir sonst eine Laus über die Leber gelaufen ist, dann gehe ich ein, zwei Stunden in den „BürgerInnengarten Augartenspitz“, wo ich eine Hochbeetpyramide habe. Da muss ich mich nicht bücken! Außerdem finde ich es lässig, auf den verschiedenen Ebenen der Pyramide meine Blumen und Kräuter anzupflanzen. Sobald ich dort bin, auf dieser Insel, bin ich auch schon auf einer anderen, ausgeglicheneren Stimmungsebene. Ich glaube, es hat mit dieser direkten Sinnlichkeit des Grabens und Pflanzens und Gießens zu tun, dass ich mich sofort beruhige. 

Weil es ein Gemeinschaftsgarten ist, treffe ich dort auch andere GärtnerInnen. Wenn man will, gibt es Austausch und ein Miteinander – auch übers Gärtnern hinaus. Ich tue mir nicht viel an beim Gärtnern, weil ich darauf vertraue, dass schon irgendetwas werden wird, und ich bin immer wahnsinnig neugierig, was herauskommt. Und rauskommen tut ja immer etwas! Ich schaue einfach, was wächst, und probiere alles Mögliche aus. Mir geht es um das Sinnlich-Kreative. Ich finde durch die Pflanzen etwas kindlich Verspieltes wieder. Als Kind in Kärnten habe ich viel Zeit im Wald verbracht. Ich habe diese Freiheit des Herumstreifens zwischen Pflanzen, wo niemand etwas von dir will und du einfach nur schaust, was dir begegnet, immer sehr genossen. Beim Gärtnern fällt mir wieder ein, wie tröstlich und freudvoll diese Freiheit mit und in der Natur ist. Ich kann daran anknüpfen. Ich muss nichts, und ich muss auch nichts in einer bestimmten Weise tun, sondern darf einfach sein.

Foto: Jutta Fischel

Akzeptieren, was möglich ist

Judith Brandner (54), pflegt ihre Pflanzen in Königstetten, Niederösterreich.

Andrea Traar

Ich bewege mich im Garten viel auf den Knien, wenn ich auf meinem Jätpolsterl dahinrutsche. Da habe ich nur das im Blick, was direkt vor meiner Nase ist. Dann richte ich mich wieder auf und überschaue das Ganze. Diese Perspektivwechsel sind schön und hilfreich. Unten hat man den Blick fürs Detail, oben fürs große Bild. Beides braucht es unbedingt. Übergeht man die Details, kann es passieren, dass das Gesamtbild überwuchert wird. Das lässt sich aufs Leben übertragen: Es lohnt sich, gelegentlich neue Standpunkte einzunehmen oder sich auf den Platz eines anderen zu stellen und von dort aus zu schauen. Das vertieft das Verständnis. Ich habe auch gelernt, dass man im Winter, wenn wenig wächst, die Grundstrukturen des Gartens besonders gut erkennt und sieht, wo etwas fehlt. Auch im Leben zeigen sich Strukturen oft erst dann wieder klar, wenn man zuvor abgespeckt hat.

Der Garten hat mir auch etwas anderes beigebracht: weniger zu erzwingen. Ich kann die Zeichen, die er mir gibt, inzwischen besser lesen und respektiere, was hier funktioniert und was nicht. Leider wachsen hier keine Hortensien oder Azaleen, die ich anfangs unbedingt wollte. Mein Garten verlangt nach Pflanzen, die trockenen, lehmigen Boden und wenig Niederschlag mögen. Also gebe ich dem nach, was sich wohlfühlt, und freue mich über die Üppigkeit von Lavendel, Gräsern, Astern, Rosen, Pfingstrosen, Lupinen, Japan-Anemonen oder Phlox. Das Reale und Sinnliche der Pflanzen brauche ich unbedingt: Du riechst, du schaust, du greifst und spürst, dass der Wollige Ziest wie ein Samtpolster ist, oder du gehst zwischendurch barfuß im Gras. Man konzentriert sich auf seine Wahrnehmungen, auf „Hoffentlich ist die Blüte nicht erfroren!“ und nicht auf „Wie behandelt mich mein Chef?“. Du lässt die Gedanken los, und dabei kommen oft die besten neuen Ideen.

Foto: Patrizia Gapp

Nicht ohne meine Gartenrunde

Maria Liebenwein (60) pflegt ihren Garten in Anthering, Salzburg, schon mehr als ein halbes Leben.

Maria Liebenwein

Man wächst mit seinem Garten. Es ist ein ewiges Lernen. Mich haben die Pflanzen zu Toleranz und Geduld erzogen. An einem Salatblattl kann man halt nicht anziehen, damit es schneller wächst! Ich habe meinen Garten schon 40 Jahre, und am Anfang hatte ich die Idee zu einem Farbkonzept mit viel Weiß und Pastelltönen. Wenn dann zwischendurch im Weiß eine orange Blüte aufgegangen ist, war ich fast beleidigt. Inzwischen darf wachsen, was kommt. Es ist Platz für alles – vom Aufblühen bis zum Vergehen. Das habe ich auch gelernt. Oft beginnt mein Tag damit, dass ich im Garten eine Runde mache und mir ein paar Kräuter für den Tee hole. Dann mache ich Tee und gehe mit dem Häferl wieder hinaus. Auch von jeder Reise bin ich erst nach einer Gartenrunde wirklich zurück zu Hause. Ich schaue, was neu gekommen ist, was gut anwächst, was bald blüht.

Farbe und Geschmack sind für mich besonders wichtig. Ich koche sehr viel mit Wild- und Gartenkräutern, gehe oft in die Au zum Sammeln. Eine Blume, die mich besonders berührt, ist das Tränende Herz. Bei den Kräutern ist es der Salbei. Der begleitet mich schon seit meiner Kindheit, als ich mit meiner Großmutter oft Kräuter sammeln war. Sie hat mich mit dem Salbei-Virus angesteckt. Bei mir vermischt sich die Gärtnerin mit der Floristin. Ich war schon fast 40, als ich mir mit der Ausbildung zur Floristin einen Herzenswunsch erfüllte. Die Meisterfloristik Oberndorf, wo ich gearbeitet habe und jetzt noch manchmal aushelfe, ist bekannt für ihre besonderen Sträuße – viele davon mit Wiesenblumen, die ich in der Früh auf dem Weg in die Arbeit vom Fahrrad aus entlang der Salzach gepflückt habe. Einen Wiesenstrauß pflücken und binden ist für mich fast wie meditieren. Meine Enkeltöchter habe ich auch schon infiziert.

Foto: privat

Die schönsten Gärten im Alpenraum

Ruth Wegerer, Julia Kospach:
Die schönsten Gärten im Alpenraum.
Servus Verlag, 34,00 Euro

Die Philosophie des Gärtnerns

Blanka Stolz (Hg.):
Die Philosophie des Gärtnerns.
Mairisch Verlag,
19,50 Euro

Beverley Nichols:
Einmal Gärtner – immer Gärtner.
Schöffling Verlag,
12,40 Euro

Weitere Porträts finden Sie in der Printausgabe.
Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/17