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Die letzten Tage eines alten Nörglers

Keine Sorge, der Held stirbt nicht. Nicht am Beginn des Romans und nicht einmal an seinem Ende, wenn er dort auch „wie eine Melone“ aufgeschnitten wird und nicht weiß, ob er die Operation überleben wird. Plötzlich weiß der Held, welche Gerüche er mag: die von Zitronen, von Pinien und frisch aufgehängter Wäsche … bevor das Buch „aus“ ist, weiß der Held sogar noch, was er außer den Gerüchen am Leben mag: „Ich mag es, wenn Menschen sich selbst lieben können.“

Der 77-jährige Cesare ist nicht unbedingt ein Nachbar, den man sich wünscht. Er nörgelt, er mault, er ist immer grantig. Aber wenn es einem schlecht ginge, wäre er zur Stelle, maulend, grantig und nörgelnd. Aber da wäre er. Sein Sarkasmus reicht für drei Nachbarn, sein Mut aber auch: So rüttelt er die junge Frau Emma wach, die sich von ihrem Mann misshandeln lässt, er verspricht ihr, zu helfen. Er, ein alter Mann, wird zum Rächer. In seiner Familie spielt er den Grantler, gibt vor, die Homosexualität seines Sohnes nicht zu erahnen – dabei ist die ihm wirklich egal – und auch die Affäre, die seine Tochter, eine respektable Rechtsanwältin laufen hat, nicht zu bemerken. Einzig sein Enkel darf ihm nahe kommen und eine alte Freundin, mit der er nach dem Sex gar nicht so ungern ins Gespräch kommt. Klare Regeln haben Cesares Leben schon immer bestimmt.

Ich heiße Cesare Annunziata, bin siebenundsiebzig Jahre alt und habe zweiundsiebzig Jahre und einhundertelf Tage meines Lebens verplempert. Aber jetzt endlich habe ich es begriffen: Ich werde von meinen mühsam erworbenen Einsichten profitieren und endlich damit anfangen, das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Cesare, der sich selbst als „Alter“ bezeichnet, wird durch die Begegnung mit der jungen Emma, seiner Nachbarin, an frühere und bessere Zeiten erinnert: Gut, er hatte immer Verhältnisse, aber geliebt hat er auch und für seine Familie hat er stets gut gesorgt: Er, der Griesgram, der als Buchhalter eher zufrieden als glücklich war, beginnt, auszugehen, seine Kinder zu irritieren, seiner Nachbarin beinahe eine Katze – sie hat sehr viele Katzen – zu entführen, für Gerechtigkeit zu sorgen.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Die Gelegenheit, an Zitronen zu riechen, eine Katze zu streicheln, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren, sich für andere einzusetzen, die eigenen Schrulligkeiten zu lieben und dafür zu sorgen, dass einem nie fad wird.

 

Der Autor, 1974 in Neapel geboren, war dort auch zehn Jahre als Anwalt tätig; wo immer er den passenden Nagel fand, er fand ihn und hängte seinen Beruf dran. Es hat sich ausgezahlt, sagt sein Erfolg.

 

 

Lorenzo Marone:

Der erste Tag vom Rest meines Lebens.

Roman. München:

Piper 2015.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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