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Wenn am 26. Juni in Berlin das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft im Frauenfußball angepfiffen wird, fiebern 75.000 ZuschauerInnen im Stadion mit. Doch nicht immer erhält diese Sportart so viel Aufmerksamkeit. In Österreich ist der Frauenfußball weit davon entfernt, große Stadien zu füllen. Dennoch begeistern sich immer mehr Frauen und Mädchen für das Spiel mit dem runden Leder.

Eben und frei von Hindernissen ? so sollte ein Fußballfeld sein. In Mauterndorf ist genau das Gegenteil der Fall. Dort sieht der Fußballplatz aus wie eine Mondlandschaft: Maulwurfshügel ragen wie Krater zwischen kleinen und größeren Mulden auf. An einigen Stellen hat sich der Rasen buchstäblich aus dem Staub gemacht. »Fußballfeld« ist jedenfalls keine passende Bezeichnung für das hügelige Grundstück neben dem höchstgelegenen Alpenflugplatz Österreichs. »Flugplatzwiese« trifft es schon eher.

 

Wer hier auf die Idee kommt, eine Fußballmannschaft zu gründen, muss entweder einen Orthopäden in der Familie haben ? oder so einen starken Willen wie Sabrina Dengg. Die 20-Jährige hat in Mauterndorf 2008 die einzige Frauenfußballmannschaft im Lungau ins Leben gerufen. Ohne bestehende Vereinssektion. Ohne richtigen Fußballplatz. Ohne die erforderliche Anzahl von Spielerinnen.
Denkt Sabrina Dengg an die Anfänge ihrer Frauenfußballmannschaft zurück, weiß sie selbst nicht, ob sie lachen oder weinen soll. »Ich bin einfach eine Fußballfanatikerin«, sagt sie, und dass in der Dengg-Familie auch von den Mädchen schon immer Fußball gespielt worden sei. Da erstaunt es kaum, dass Sabrina Dengg mit ihrer Idee von der Frauenfußballmannschaft als Erstes bei ihren Cousinen anklopfte. Die brachten wiederum ihre Cousinen mit und schön langsam fanden sich durch Mundpropaganda immer mehr fußballbegeisterte Frauen und Mädchen ein, um gemeinsam zu kicken.

WELTWEITE BEGEISTERUNG.

Mit ihrer Leidenschaft für die noch immer eher Männern zugeschriebene Ballsportart sind die Mauterndorferinnen bei Weitem keine Exotinnen mehr. Im Gegenteil! Klang die Parole »Die Zukunft des Fußballs ist weiblich«, die der Vorsitzende des Weltfußballverbandes FIFA, Sepp Blatter, 1995 ausrief, eher noch nach einer höflichen und politisch korrekten Aussage, so belegen die aktuellen Zahlen, dass Frauenfußball tatsächlich der am schnellsten wachsende Mannschaftsport weltweit ist: Über 30 Millionen Frauen zwischen

Sabrina Dengg, Gründerin und Kapitänin der Frauenfußball-
mannschaft in Mauterndorf, ist eine Frau mit starkem Willen. Und eine »Fußballfanatikerin«, wie sie selbst sagt.

Aserbaidschan und Zypern jagen mittlerweile dem runden Leder nach. Tendenz weiter steigend.
Dass die »Flugplatzwiese« als Trainingsort absolut ungeeignet ist und die Mauterndorferinnen einen richtigen Fußballplatz brauchen, war für Sabrina Dengg schnell klar. Auch hier dachte die 20-Jährige ganz pragmatisch: In Unternberg, einem Nachbarort von Mauterndorf, gab es einen nagelneuen Fußballplatz, aber keine Mannschaft mehr. Dort müsste man anfragen! Gesagt, getan. Im Unternberger »Gfrererwirt« fand sich schnell ein Fürsprecher für Sabrina Dengg und ihre Mitspielerinnen, beim USC Mauterndorf war man gerne bereit, wieder eine Sektion Fußball zu gründen ? und die Platzmiete, die übernahmen ebenfalls der »Gfrererwirt« (für das Training) und der USC Mauterndorf (für die Spiele).
»Das war eine riesige Erleichterung«, erinnert sich Sabrina Dengg, denn »Geld war zu Beginn ein großes Thema«. Zwar gab es vom Land 200 Euro Förderung, aber das reichte bei Weitem nicht aus für die anstehenden Ausgaben: »Zirka 300 Euro für den Liga-Einstieg, fünf Euro pro Spielerinnenpass, Bälle für 250 Euro, 420 Euro für das Netzwerk ?Fußball-Online?, da kommt schnell was zusammen«, rechnet Sabrina Dengg vor. Da lag es für die Frau mit den kurzen roten Haaren nahe, bei den Dressen zu sparen. »Wir hätten auch die zehn Jahre alten von der früheren Herrenmannschaft genommen«, erzählt sie, »aber die waren uns wirklich zu groß.«

DER STÄNDIGE VERGLEICH NERVT.

Vergleicht man die Zuschauerzahlen im Frauenfußball mit denen bei den Männern, tun sich selbst in den höchsten Spielklassen und bei internationalen Wettbewerben himmelweite Unterschiede auf. Doch genau dieser ständige Vergleich mit den Männern ist es, der viele Fußballerinnen nervt. Körperbetonter, kämpferischer, kraftvoller, ja sogar »richtiger« Fußball sei der, den die Männer spielen. Und jener der Frauen? Für Tatjana Haenni, die Abteilungsleiterin für Frauen-Wettbewerbe bei der FIFA, stellt sich die Frage gar nicht. »Männer- und Frauenfußball sind schlicht nicht miteinander vergleichbar. Das sind zwei verschiedene Sportarten«, sagt die ehemalige Nationalspielerin aus der Schweiz. Sie bestätigt dem Frauenfußball für die Zukunft noch sehr viel Entwicklungspotenzial (siehe Interview oben). Und Weiterentwicklung ist auch den Mauterndorferinnen ein echtes Anliegen. In der Salzburger Frauenliga wollen sie sich messen und von Spiel zu Spiel steigern. Keine leichte Aufgabe, denn rund ein Drittel der 20 Spielerinnen zwischen 14 und 26 Jahren lebt während der Woche in Graz, Klagenfurt oder Salzburg.
Für Karoline Macheiner, die Torhüterin des USC Mauterndorf, war die Fahrerei der Grund, fußballerisch wieder in den Lungau zurückzukehren. Die 15-Jährige kickte bis zur U15 bei den Burschen in Mariapfarr und wechselte dann zur Frauenmannschaft nach Spittal. Mit der hätte die Salzburger U16-Auswahlspielerin in der 2. Frauen-Liga spielen können, doch mit ihrer Ausbildung zur Malerin in Mauterndorf ließ sich das nicht vereinbaren. »Ich hätte auch bei den Frauen des USK Hof anfangen können. Die spielen in der höchsten Liga. Aber die Lehre hat für mich ganz klar Vorrang.« Warum das so ist? Darauf hat die talentierte Torhüterin eine ebenso knappe wie klare Antwort: »Ich würde gerne in einer höheren Liga spielen, aber in Österreich verdient man im Frauenfußball ja nichts. Da braucht man schon einen Beruf.«

RASANTES WACHSTUM.

Eine Aussage, die Isabel Hochstöger als Frauenbeauftragte beim ÖFB nur bestätigen kann: »Während Männer selbst in Spielklassen, in denen der Leistungsgedanke nicht im Vordergrund steht, Geld bekommen, müssen sich Frauen sogar in der höchsten Liga das Fußballspielen mit Jobs verdienen.« Sicher erhält auch die eine oder andere Top-Spielerin in Österreich eine Aufwandsentschädigung ? aber mit Profisport hat das so viel zu tun wie ein Bolzplatz im Waldviertel mit der Red Bull Arena in Salzburg.
Dennoch ist Isabel Hochstöger zuversichtlich, was den österreichischen Frauenfußball angeht: »Wir haben derzeit fast 18.000 gemeldete Spielerinnen. Die Anzahl der Mannschaften ist rasant gestiegen. Hatten wir in der Saison 2002/2003 noch 63 gemeldete Mädchen- und Frauenteams, so sind es jetzt bereits 350.« Und in der »Postliga«, dem österreichischen Schulfußball-Projekt für Mädchen, das seit 2009 läuft, waren im ersten Jahr rund 60 Mannschaften angemeldet ? um die dritte Bundesmeisterschaft spielen 2011 bereits 160 Mannschaften mit.
Gerade im schulischen Bereich sieht die ehemalige österreichische Nationalspielerin daher auch noch enormes Potenzial. »Die Mädchen haben Freude daran, in die Burschen- und Männerdomäne Fußball einzudringen«, erklärt Isabel Hochstöger. Und die »Postliga« hat nicht nur einen sportlichen Nutzen, sondern auch einen gesellschaftlichen und sozialen: So sprach eine Schülerin den Trainer der Burschen-Mannschaft in ihrer Schule an, ob er nicht auch eine Mädchen-Mannschaft betreuen könnte. Der Trainer sagte dem Mädchen, wenn es innerhalb einer Woche 15 Spielerinnen organisieren würde, wäre er bereit dazu. Am selben Tag noch stand das Mädchen vor seiner Tür ? zusammen mit 25 Mädchen.
TALENTE FÖRDERN. Wie groß das Interesse von Mädchen ist, mit ihresgleichen dem Ball nachzujagen, zeigt auch der Andrang, der im Frühjahr 2011 beim Tag der offenen Tür im neuen Nationalen Zentrum für Frauenfußball in St. Pölten herrschte. Aus ganz Österreich waren über 90 junge Fußballerinnen angereist, um sich über die Kombination aus Schulbetrieb und fußballerischer Ausbildung zu informieren. Mit der Eröffnung der Akademie will der ÖFB auch ein Zeichen setzen. Bisher musste der Verband talentierten Kickerinnen nämlich raten, ins Ausland zu gehen. So spielen derzeit allein sieben ÖFB-Nationalspielerinnen beim FC Bayern München.
Hätte es das Nationale Zentrum für Frauenfußball schon früher gegeben, wer weiß, ob Carina Wenninger dann nicht länger in Österreich geblieben wäre. So aber ging die Steirerin mit 16 Jahren nach München. »Ich wollte ins Ausland, um mich weiterzuentwickeln«, sagt die heute 20-Jährige rückblickend. Dass sie neben dem Fußballspielen auch die Schule fertig machen will, war ebenso klar. Denn selbst in Deutschland, wo der Frauenfußball ein wesentlich höheres Ansehen als in Österreich genießt, gibt es nur wenige Spielerinnen, die von ihrem Sport leben können. »Die Gehälter der Frauen in der 1. Bundesliga sind weit entfernt von denen der Männer«, erklärt Carina Wenninger und ergänzt: »Für die Zukunft ausgesorgt wird da keine haben.« Sie selbst studiert Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität in Hagen, um alle Vormittags-Einheiten beim FC Bayern absolvieren zu können. Denn zum Fußballspielen ist sie schließlich nach Deutschland gekommen.
Sich mit dem Nationalteam für die Endrunde einer EM oder WM zu qualifizieren, das ist das große Ziel von Carina Wenninger. Und wer weiß, möglicherweise geht dann ja auch der Traum von Sabrina Dengg in Erfüllung: »Vielleicht könnten die österreichischen Frauen international mal was reißen. Wenn es die Männer schon nicht tun.«

SCHRITT FÜR SCHRITT

Tatjana Haenni ist Abteilungsleiterin Frauen-Wettbewerbe beim Weltfußballverband FIFA. Die ehemalige Nationalspielerin aus der Schweiz hat viele Jahre in der Entwicklungsabteilung der FIFA gearbeitet und weiß, warum es wichtig ist, Frauenfußball zu fördern.

 

»Welt der Frau«: Warum braucht Frauenfußball überhaupt Entwicklungsprojekte?
Tatjana Haenni: Das ist, wie wenn man ein neues Produkt auf den Markt bringen will, da braucht es Werbe-, Förderungs- und Unterstützungsmaßnahmen. Es gibt Länder, die haben bereits eine gute Infrastruktur geschaffen, andere brauchen noch Unterstützung oder haben noch gar keine entsprechenden Angebote. Da helfen wir. Frauenfußball hat viel Potenzial, auch bei Kindern und Jugendlichen. Das soll gefördert werden.

In welchen Ländern fördern Sie besonders und warum?
Wenn man das weltweite Bild anschaut, gibt es Länder wie die USA oder Deutschland, wo Frauenfußball schon sehr professionell abläuft. In Südamerika ist die gesellschaftliche Stellung der Frau anders als zum Beispiel in Europa. Im arabischen Raum ist es kulturell herausfordernder, Frauenfußball zu etablieren, weil Sport für Frauen dort oft nicht vorgesehen ist. In Saudi-Arabien zum Beispiel ist es sehr schwierig, etwas zu bewegen, weil es schwer ist, die Verantwortlichen zu überzeugen. Aber Sie treffen auf der ganzen Welt Frauen an, die Fußball spielen wollen.

Wie wirkt sich Frauenfußball auf die Frauen aus?
Sport ist gut für die Menschheit ? in gesundheitlicher, gesellschaftlicher und sozialer Hinsicht. Es gibt keine analytischen Untersuchungen, aber es steht fest, dass man beim Fußball Freundinnen findet, dass sich neue Berufsfelder als Schiedsrichterinnen und Trainerinnen ergeben. Und gerade in Ländern, in denen die Akzeptanz noch nicht so da ist und es Frauen und Mädchen gibt, die trotzdem Fußball spielen, wirken diese als Vorbilder. Sie zeigen, dass sie Mut  und Selbstbewusstsein haben, sie finden im Fußball Befriedigung, er macht sie stolz.

Kann man Frauenfußball einfach als Sport betrachten oder hat er immer auch eine politische und gesellschaftliche Bedeutung?
In erster Linie ist Frauenfußball eine Sportart ? und zwar eine sehr erfolgreiche Frauensportart.
Beim Eröffnungsspiel der WM in Deutschland werden knapp 75 000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion mitfiebern, über 200 Länder berichten im Fernsehen. Viele Menschen auf der ganzen Welt werden sehen, dass wir bei der WM nur Schiedsrichterinnen haben. Vielleicht ergibt sich das dann auch bei anderen Sportarten.

Im Herbst 2010 fand der 1. Arabia Cup in Bahrain statt. Welche Rolle spielt Frauenfußball in muslimischen Ländern?
Die arabischen Länder stehen ganz am Anfang. Bisher dachten alle, da geht in Sachen Frauenfußball gar nichts, weil die Frauen dort nicht sehr sportlich aktiv sind und er weder in den Schulen noch von der Gesellschaft gefördert wurde.
Dies ändert sich jedoch langsam, aber sicher. Insofern war es ein großer Schritt, dass der Arabia Cup gespielt wurde und Länder wie Jordanien den Frauenfußball fördern wollen. Ich weiß nicht, wie wichtig Fußball für die Frauen vor Ort wirklich ist, aber ich hoffe auf eine positive Entwicklung.

Wo wollen Sie mit dem Frauenfußball in fünf Jahren stehen?
(lacht) Ist das eine Wunschliste? Weltweite Ziele sind mehr Spielerinnen, bessere Strukturen, qualitativ bessere Spiele, mehr Medienpräsenz, eine höhere Akzeptanz. Der Frauenfußball soll sich weltweit Schritt für Schritt weiterentwickeln ? so wie sich der Männerfußball ja auch entwickeln musste.

Foto: FIFA/FIFA via Getty Images


Zweimal pro Woche treffen sich die Frauenfußballerinnen vom USC Mauterndorf zum Training. Der Spaß an ihrem Sport ist ihnen wichtig. Aber auch das Messen mit andere Mannschaften. Deshalb spielen die Lungauerinnen in der Salzburger Frauenliga. Die Fahrzeit zum nächstgelegenen Gegner beträgt eine Stunde, die zum entferntesten zwei.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 6/ 2011 – von Alexandra Graf