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Als christliche Minderheit haben die KoptInnen in Ägypten schon bessere Zeiten erlebt. Waren sie während der ägyptischen Revolution noch mit den muslimischen MitbürgerInnen verbündet, verlassen heute mehr denn je das Land. Sie haben Angst, zu neuen Feindbildern zu werden.

Betritt man die koptische Kirche unweit des Tahrir-Platzes im Zentrum von Kairo, fallen die ägyptischen Flaggen und Revolutionsslogans auf. Fast hat es den Anschein, als wollten die Gläubigen bekunden, dass sie echte PatriotInnen sind. Haben ihre muslimischen Landsleute Zweifel an der Loyalität der KoptInnen als StaatsbürgerInnen? Die KoptInnen sind ÄgypterInnen, wie es auch ihr Name besagt. Es handelt sich hierbei um eine Abwandlung des griechischen Wortes „aigyptios“. Gerne verweisen KoptInnen darauf, dass sie die direkten NachfahrInnen der vorislamischen Bevölkerung, also des pharaonischen Ägyptens sind.

Apostel Markus als Referenz.
Die ChristInnen Ägyptens sind nicht Kreuzritter, wie radikale MuslimInnen gerne behaupten. Vielmehr gehören sie wie andere orientalische ChristInnen zu den Urgemeinden. Dass die Heilige Familie nach Ägypten geflohen ist, wird gerne als ein Zeugnis für die tiefe Verbundenheit zum Christentum der ersten Stunde zitiert. Die KoptInnen verehren den Evangelisten und Apostel Markus als Gründer ihrer Kirche. Deren heutiges Oberhaupt, Papst Schenuda III., ist der 116. Nachfolger des heiligen Markus auf dem Apostolischen Stuhl von Alexandria und Ägypten. Der Verfolgung und Diskriminierung waren die KoptInnen im Laufe der Geschichte immer wieder ausgesetzt. Eine schwierige Zeit brach unter dem früheren Präsidenten Anwar as-Sadat an, den der Westen wegen des Friedensvertrags mit Israel 1979 feierte. Doch Sadat war selbst Muslimbruder und verantwortlich, dass die Koexistenz zwischen MuslimInnen und ChristInnen schwieriger wurde. Bereits in den 1970er-Jahren verließen KoptInnen in Emigrationswellen das Land, da sie als Angehörige einer Minderheit in der angespannten wirtschaftlichen Situation kaum Arbeit fanden. Damals wurden Geschäfte von ChristInnen immer wieder abgefackelt, was Angst und Misstrauen schürte.

Reiche und Arme.
Eine koptische Oberschicht, die über Einfluss und Vermögen verfügt, existiert neben dem Mittelstand, der viel im Zwischenhandel und im Dienstleistungssektor, wie dem Tourismus, tätig ist. In der Regierung Mubarak wirkten auch Kopten als Minister, so der frühere Finanzminister Boutros Ghali, der wegen Korruption in Abwesenheit verurteilt wurde.

Said Wesli lebt mit seinen Kindern Fadi und Helana in der sogenannten Müllstadt von Kairo. Viele KoptInnen verdienen ihren Lebensunterhalt als MüllsammlerInnen.

Vorurteile gegen die „reichen ChristInnen“ werden von einigen fanatischen RädelsführerInnen gerne gepflegt, um so junge RandaliererInnen für Gewaltakte zu mobilisieren. Doch unter den KoptInnen gibt es auch Hunderttausende, die ohne das Privileg guter Bildung und nicht in den schönen Vierteln von Kairo aufwachsen. In den weiten Slums, die sich um die Nil-Metropole mit über 20 Millionen Menschen erstrecken, gibt es christliche Viertel. Hier leben die MüllsammlerInnen, die TagelöhnerInnen und BettlerInnen. Menschen ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft. Diese verloren vor zwei Jahren, als die Hysterie der Schweinegrippe Ägypten erfasste, ihre wesentlichen Haustiere. Die Schweine wurden massenhaft brutal vernichtet. Für radikale MuslimInnen war die – durch verantwortungslose ExpertInnen der Pharmaindustrie und der Weltgesundheitsorganisation – aufgeheizte Kampagne zum neuen Virus ein willkommener Anlass, diese „unreinen“ Tiere loszuwerden.

Utopia der Revolution.
Während der 18 Tage der ägyptischen Revolution im Februar 2011 sahen wir Bilder, wie ChristInnen und MuslimInnen gemeinsam für den Sturz des Regimes von Präsident Hosni Mubarak demonstrierten. Wie ein Utopia der Versöhnung aller Schichten und Religionen wirkte der arabische Frühling des Aufstands. Vergessen waren die Massaker durch muslimische FundamentalistInnen. Es hieß, die Polizei habe stets weggeschaut. Doch die Gräben sind tiefer, das Misstrauen wächst. Von den zehn Millionen KoptInnen wanderten in den letzten Monaten rund 100.000 aus. Die Angst vor einer islamistischen Regierung und ihren neuen Gesetzen bewegt KoptInnen und säkulare MuslimInnen. Jede vorislamische Kultur hat in den Augen der IslamistInnen einen schweren Stand.

Die KoptInnen leben als christliche Minderheit in Ägypten, dessen BürgerInnen zu 90 Prozent muslimischen Glaubens sind. Der Fisch ist ihr Symbol.

 


Während der ägyptischen Revolution von 2011 schien das friedliche Zusammenleben von ChristenInnen und MuslimInnen plötzlich möglich. Ein Jahr später wirkt die Aufschrift auf dem Lieferauto wie ein Relikt aus der Vergangenheit.

 


Die KoptInnen berufen sich in ihrer Identität auf die Abstammung vom Apostel Markus. Kinder werden bei der Taufe dem Schutz der Gottesmutter anvertraut.

 


In ganz Ägypten gibt es Klöster der KoptInnen, wie jenes in der Wüste von Wadi Natrun.

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2012 – von Karin Kneissl