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Die schlechtestesten Eltern der Welt

Selbstgerecht wie ich bin, gehe ich davon aus, dass unser elterlicher Stil und unsere Herangehensweise an das Thema Erziehung und Babypflege gemäßigt, passend, und für unseren Sohn gut sind. Ich denke auch, dass die meisten Eltern der Meinung sind, das trifft auf sie auch zu. So weit so gut. Wären da nicht dieses kleine Fünklein MissionarInnentum, der Selbstdarstellungsdrang und das Bedürfnis, die eigenen Entscheidungen zu rechtfertigen – am Besten durch unangemessene Kritik und Besserwisserei in Richtung aller anderen Eltern.

Wie schon ein einem früheren Blog angeführt, kann ich die Daumenschrauben-Schon-Noch-Fragen nicht mehr hören („Schläft er schon durch?“ „Was, er ist noch nicht im Kindergarten?“ „Ihr gebt ihm schon Gluten?“). Unangemessene Kritik und Besserwisserei äußern sich durch diese Spezialsatzkonstruktionen und auch durch ein weiteres Verhalten, das mir die letzten Wochen vermehrt aufgefallen ist. Ich möchte meine Beobachtung anhand eines Beispiels illustrieren.

Mit einem lieben Freund, den ich sehr schätze, und unseren Kindern unterwegs, brach plötzlich der große Hunger aus. Da die Bedienung in dem vermeintlich kinderfreudlichen Lokal restlos überfordert war, bot ich ritterlich einen von Michaels Quetschobstbeuteln an. Die Reaktion war meiner Meinung nach eher so, als ob ich ihm Crack, gestreckt mit Koffein und Glasscherben, für sein Kleinod offeriert hätte. „Nein, sooooo (mit erhobenem Zeigefinder und brüskiert wie ein Sittenwächter im Fasching) etwas bekommen meeeeeine Kinder nicht!“ Ich gebe zu, das hat mich wahnsinnig geärgert, sonst würde ich jetzt wohl nicht schon den halben Blog damit füllen.

In einer anderen Situation, mit einem freundlichen Vater eines gleichaltrigen Kleinkinds in einem von durch nichts zu rechtfertigender Beliebtheit strotzenden Kaffeehauses, wurde mir vor Kurzem die Schuldkeule übergebraten. Das kleine Mädchen erbettelte sich einen Babykeks, nachdem sie schon beim halben Kaffeehaus geschnorrt hatte. Ich habe mir nichts dabei gedacht, als der an sich sympathisch wirkende Vormund auf mich zustürzte und fragte „Ist da eh kein Zucker drinnen?“ Völlig überrascht und verdutzt log ich den guten Mann an und verneinte, da es sich ja um ein Babykekserl handelte und da sicher kein Zucker drinnen sei. Um seinen Anti-Zucker-Fanatismus aufrechtzuerhalten und ihm nicht ein Tag voller schlechtem Gewissen und wohlmöglich Rüge seiner Partnerin zu ersparen, habe ich etwas gemacht, was mir sonst so schwerfällt: ich habe geschwindelt.

So weit ist es gekommen, liebe Mitmenschen. Wir lügen uns an, machen uns Vorwürfe, halten uns für bessere Menschen, verteufeln die anderen und opfern ein beachtliches Maß unserer Energie, unseres Hirnschmalzes und unserer Beziehungsqualität – und wofür? Für den Kampf gegen weißen Zucker, Obst aus der Tube und alles, was sonst noch gerade auf der No-Go-Liste steht. Leute! Die Welt geht unter und zwar vor unserer Haustüre! Menschen leben wie Hunde, haben Todesangst und erleiden unvorstellbare Qualen und es ist einfach nicht richtig und unmenschlich, sich und der eigenen lächerlichen Vorstellung in punkto Ernährung so wichtig zu nehmen, anstatt sich um seine Mitmenschen zu kümmern, sich zu engagieren und mit Großzügigkeit, Liebe und Mut in die Welt zu blicken! Viel wichtiger und erstrebenswerter als die potentielle Idealfigur, die Menschen blüht, die als Kleinkind keinen Zucker abgestaubt haben, ist doch eine Welt, die besser als die unsere mit Perspektiven ohne Angst und weniger Leid, oder nicht? Oder denken wir lieber über soooooooo etwas nicht nach?

 

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