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Die Sehnsucht nach Stille
Wir wollen dem Informationsrausch und dem Lärm um uns herum entfliehen, kommen aber nicht in der Ruhe an. Was ist an der Stille so schwer und wie können wir ihren Wert wiederentdecken?

Die Stille habe ich erst im Gefängnis gefunden“, sagt Andre Vries. Seit sechs Jahren ist der Holländer mit asiatischen Wurzeln in der Justizanstalt Garsten wegen Rauschgiftdeliktes inhaftiert. In seinem früheren Leben reiste er als Chefeinkäufer einer großen Modekette durch die ganze Welt, heute bewohnt er mit drei Mithäftlingen eine 35 Quadratmeter große Zelle, putzt, teilt Essen aus und macht Kaffee. Dreimal am Tag schaut er sich die Nachrichten im Fernsehen an, er spielt Theater und diskutiert in der Bibelrunde. Dazwischen ist viel Zeit zum Nachdenken und viel Stille. In der U-Haft brachte ihn die Stille an den Rand der Verzweiflung: Acht Monate in einer drei mal zwei Quadratmeter großen Zelle und nichts zu tun außer Lesen, Nachdenken und Deutschlernen. Nur durch den Rückhalt seiner Familie, das Meditieren – das er als Schüler in einem buddhistischen Kloster gelernt hat – und das Akzeptieren seiner Schuld habe er überlebt, sagt er.

Wer Stille finden will, muss nicht unbedingt ins Gefängnis gehen oder ins Kloster. Doch im Internet-Zeitalter ist Stille eine knappe Ressource geworden. Wir leben umgeben von akustischer Penetranz und einer Kommunikationsflut, der man Kopie von KLEIN_01_131021-01 Cover, Aufmacher-0383 RGB RZsich schwer entziehen kann. WLAN ist überall und das ist ja auch sehr praktisch, schließlich kann man sich von zu Hause aus mit Hunderten von Menschen vernetzen, am Sonntagabend noch schnell ein paar Termine koordinieren und auf dem Weg zur Arbeit ein paar Facebook-FreundInnen dazugewinnen. Trotzdem ist da dieses Gefühl des Mangels. Diese Sehnsucht, sich vom elektronischen Dauergeschnatter und der permanenten Erreichbarkeit einfach einmal zu verabschieden.

WO FINDET MAN STILLE?

Echte Stille kennen wir genau genommen gar nicht. Schon drei Monate vor der Geburt ist ein Embryo in der Lage, Geräusche wahrzunehmen, denn das Innenohr ist dann als einziges Organ bereits in voller Größe entwickelt. Und auch beim Tod eines Menschen, wenn das Bewusstsein bereits erloschen ist, nimmt das Ohr noch die Schallwellen auf.

Stille ist also viel mehr eine subjektive Wahrnehmung, Stille entsteht im Kopf, daher ist sie auch für jede und jeden etwas anderes. Für die eine ist es, allein auf einem Berggipfel zu stehen, für den anderen ist es ein Spaziergang am See im dichten Nebel; eine Mutter erlebt Stille, wenn ihre Kinder schlafen, und eine Frau, die an einer stark befahrenen Straße wohnt, genießt die Stille zwischen 3.00 und 4.00 Uhr morgens, wenn für ein paar Minuten kein Auto vorbeifährt.

Stille ist ein wertvolles Gut, das auch gut vermarktet wird: Wir buchen einen Klosteraufenthalt, ein Schweigeseminar oder eine Meditationswoche auf Mallorca, um Ruhe in unseren überfrachteten Alltag zu bringen. Dabei suchen wir eigentlich etwas, was nichts kosten dürfte: verbindliche Ruhezeiten.

LEISER LÄRM MACHT KRANK

Die Sehnsucht nach Stille ist nicht neu. Schon im alten Rom muss es sehr laut zugegangen sein: „Ich soll inmitten des Lärms, der Nacht und Tag durchtobt, dichten?“, fragt der Dichter Horaz verzweifelt in seinen Episteln. Auch das Mittelalter war nicht gerade leise – man stelle sich nur das Poltern von Rädern und Fässern auf den Pflastersteinen, das Gebrüll der MarktschreierInnen oder das Getöse der Kreuzzüge vor. „Jede Epoche hat ihre Lärmsignatur und Lärmempfindlichkeit“, schreibt die Schweizer Kulturjournalistin Sieglinde Geisel in ihrem Buch „Nur im Weltraum ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille“.

So wie die Stille spielt sich auch der Lärm im Kopf ab. Hier wird entschieden, ob es sich bei einem Geräusch um Lärm handelt.

Oft wird darüber geklagt, dass die Welt immer lauter wird. Nachweisen lässt sich das nicht. Immerhin lebt ein ganzer Industriezweig von der Lärmreduktion, man baut Schallschutzwände und -fenster und entwickelt leisere Maschinen. Moderne Flugzeuge und Autos sind geräuschärmer als ihre Vorgänger, und auch dem ICE hört man seine 300 Kilometer pro Stunde nicht an. Was uns heute quält, ist auch und vor allem der „lautlose Lärm“. Es ist ein Lärmempfinden, das entsteht, wenn wir unaufhörlich damit beschä igt sind, E-Mails und SMS zu checken.

Während früher in der Nacht Ruhe herrschte, so reißt der Strom von Neuigkeiten und Mitteilungen nicht mehr ab. Im Kopf entsteht ein ständiges Rauschen von Informationen, die eine andauernde Alarmbereitschaft  auslösen, etwas zu verpassen. Mehrere groß angelegte Studien belegen mittlerweile, dass auch „leiser“ Dauerlärm krank machen kann: Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Depressionen bis hin zum Herzinfarkt oder Schlaganfall können die Folge sein. Lärm ist jedoch nicht generell als negativ zu bewerten. Bei Geräuscheinwirkung steigt der körpereigene Adrenalinspiegel, was aktivierend wirkt, ja sogar euphorisierend, etwa bei Rockkonzerten. Schlecht ist jedoch der dauerhafte akustische Smog.

Stille lässt sich nicht an äußeren Orten finden. Der wichtigste Ort, an dem wir Stille erfahren können, ist unser Herz.

Anselm Grün

Um diesen zu reduzieren, wurde im Rahmen der „Europäischen Kulturhauptstadt 2009“ in Linz die Initiative „Hörstadt“ gegründet, die die Welt des Hörens mit einer Vielzahl von Projekten ins ö entliche Bewusstsein rückt. Eines davon ist die Kampagne „Beschallungsfrei“. Der Musiker Peter Androsch, Leiter von „Hörstadt“, schätzt, dass inzwischen um die 10.000 Orte den Aufkleber „Beschallungsfrei“ tragen. Auch die Supermarktkette Spar hat in allen Linzer und auch in einigen Filialen in Österreich die Lautsprecher abgestellt, und generell wurde die Hintergrundmusik gedämpft . Eine Studie gemeinsam mit Spar und der Johannes Kepler Universität (JKU) ergab übrigens, dass das Abstellen der Hintergrundmusik keinen Einfluss auf den Umsatz hatte.