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350.000 Schafe gibt es allein in Österreich. Die haben alle Wolle. Wenn sie die kreativen Frauen überlassen, wird daraus was Schönes, Neues, meistens sogar Kratzfreies.

Christine Ertl:

Vegetarierwolle statt Filmrolle
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Christine Ertl setzt auf „Vegetarierwolle“ von glücklichen Schafen.

Die spinnt! Das kann meine Frau auch.“ Männern kommt der zweideutig gemeinte Spruch gern über die Lippen, wenn sie Christine Ertl kennenlernen. „Aber bei mir kommt etwas Brauchbares dabei raus“, kontert die Spinnexpertin aus der Buckligen Welt dann meist. Die Absolventin einer Modeschule hat 2006 mit dem Spinnen und Weben begonnen und kam so automatisch auf die Schafwolle. Bei ihrem Brotjob in der Filmbranche hat sie dann ihren späteren Mann kennengelernt, der einen Biohof mit Schafen hat. Das ist auch der Grund, warum sie mittlerweile eine sogenannte „Vegetarierwolle“ anbietet. Das ist Wolle von Schafen, die nicht zum Schlachten bestimmt sind. Wie eben jene von ihrem eigenen Hof. Das sind Weideschafe und sie „müssen nichts außer glücklich sein“.

Da die Nachfrage so groß ist, verarbeitet Christine Ertl mittlerweile auch Wolle von Schafen von einem Gnadenhof. „Als ich begonnen habe mit der Schafwollverarbeitung, gab es gar keine Literatur dazu, höchstens Bücher aus den 1970er-Jahren im Antiquariat, später kam dann langsam englischsprachige Literatur dazu. Im und nach dem Krieg wusste man viel mehr. Da war die Verarbeitung der Schafwolle wichtig für den Eigenbedarf, später war man dann stolz, dass man sich alles fertig kaufen konnte. In den 1970er-Jahren gab es ein Revival durch die Ökofreaks, und jetzt kommt der Spaß dazu“, fasst Christine Ertl die Entwicklung zusammen.
Den Spaß haben sowohl die TeilnehmerInnen an ihren Spinnkursen – von SchafhalterInnen, die nicht wollen, dass aus der Wolle Abfall wird, über Kinder bis zu Mittelalter-Begeisterten, die mit ursprünglichen Techniken und Materialien arbeiten wollen – als auch sie selbst. „Es ist zwar viel Arbeit für einen mageren Stundenlohn und leben kann ich noch nicht davon, aber die Beschäftigung mit Wolle befriedigt mich mehr als die schnelllebige Filmbranche. Ich bin dadurch ausgeglichener.“ Um die Verarbeitung zu finanzieren, verkauft und verleiht Ertl daher auch Geräte wie Spinnräder oder Kardiermaschinen.

 

Ulrike Müller-Kaspar:

Schön gefärbte Wollviertler
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Ulrike Müller-Kaspar, in ihrem Mini-Wollladen.

Ich sehe überhaupt nicht ein, dass neuseeländische und australische Schafwolle über die halbe Welt zu uns verschifft und zu einem Preis verkauft wird, bei dem klar ist, dass die Tiere gelitten haben. Denn diese Billigproduktion ist nur mit Massentierhaltung machbar“, ereifert sich Ulrike Müller-Kaspar. Und auch wenn es stimmt, dass die Schafwolle vom anderen Ende der Welt oft weicher ist, dem Kratzen der heimischen Schafwolle hat sie dennoch einiges entgegenzusetzen: „Wir haben so eine Vielfalt an Schafwolle. Die kratzige kann ich ja für Schlapfen, Jacken oder Teppiche verwenden. Und die Strumpfhosen haben früher nur deshalb so gekratzt, weil noch Heureste drinnen waren. Leute, die behaupten, dass alles kratzt, sind das Material nicht mehr gewohnt.“ Die Wollverarbeiterin aus Leidenschaft bezieht ihre Ware nur aus vertrauenswürdiger heimischer Quelle, wo sie die Schafe und die Wolle von der Schur an kennt. „Wollviertler“ nennt sie ihre Wolle und für die zahlt sie einen entsprechenden Preis.

In ihrem Miniladen in Langenlois, Niederösterreich, verkauft Ulrike Müller-Kaspar hauptsächlich gefärbtes und ungefärbtes Vlies zum Filzen und Spinnen sowie gefärbte Wolle zum Stricken. Trotz ihres Umweltbewusstseins färbt sie ihre Wolle auch gern mit chemischen Farben. Das überrascht auf den ersten Blick und leuchtet auf den zweiten durchaus ein. „Beim chemischen Färben verbraucht man nicht so viel Wasser, denn die Farben werden vollkommen von der Wolle aufgenommen. So kann man etwa nach schwarz im selben Wasser anschließend gelb färben“, erklärt Müller-Kaspar. Außerdem brauche man für Pflanzenfarben dreimal Energie: zum Auskochen der Pflanzen, zum Beizen der Wolle und zum Färben – sprich Kochen in der Farbe – selbst. Sie mag auch nicht mit Pflanzenfarbe gefärbte Wolle an Menschen verkaufen, die diese in wochenlanger Arbeit aufwendig verarbeiten wie etwa zu Spitzenschals, denn die Farbe verändert sich im Laufe der Zeit, da sie weder licht- noch reibecht ist. „Man braucht sehr viel Pflanzenmasse, bis zu vier Kilo für ein Kilo Wolle. So viele Blüten muss man erst mal sammeln! Und manche Farben kann man mit Pflanzen gar nicht erzielen, wie etwa Blaugrau, Türkis oder Blaugrün.“ Und bei Lila, das zwar mit Roten Rüben, Rotkohl oder Holunderbeeren hergestellt werden kann, zerfallen die Farben binnen kurzer Zeit in Graurosa. Aber natürlich ist sie sich des Nachteils der Verwendung chemischer Farben bewusst: „Neben diesen Farbeherstellern möchte ich nicht wohnen. Die Farben kommen vermutlich aus Südostasien und die Umwelt wird dort nicht gut aussehen. Wenn ich wüsste, das Geld wird in die Umwelt investiert, würde ich gerne mehr dafür bezahlen.“ Wer Wolle färbt, muss auch waschen.

Wer also Färbexpertin ist wie Ulrike Müller-Kaspar, ist auch Waschexpertin. „Bei Schafen gibt es solche, die auf weißen Pfötchen angetrappelt kommen, aber auch solche, die sich wie Schweinchen im Schlamm suhlen. Zur Wolle von Schafen der letzteren Sorte muss man beim Waschen Feinwaschmittel oder Soda hinzugeben. Ansonsten reicht Waschen im heißen Wasser. Denn Wolle wäscht sich im Prinzip selbst, da sich die Natriumionen aus dem Schweiß der Schafe im Wasser mit dem Wollfett (Lanolin) zu Seife verbindet.“ In heißem Wasser? Man würde meinen, die Wolle verfilzt dann? „Nein, wie beim Färben muss man nur darauf achten, dass die Wolle wenig bewegt wird und dass sie keinen Temperaturschocks ausgesetzt wird.“

 

Barbara Schmidt:

Rosenbeine für die Ewigkeit
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Barbara Schmidt, Erfinderin der Wolltattoos: gewebte Teppiche mit Filzornamenten.

Leben kann auch Barbara Schmidt noch nicht von ihrer Woll-Leidenschaft. Dass das Handwerk dennoch hochgehalten wird, ist aber selbstverständlich für sie. Erstens hat die ausgebildete Juristin erlebt, „wie faszinierend es ist, mit der Hand statt mit dem Kopf zu arbeiten“, als sie sich einen Webstuhl zulegte. Zweitens ist es ihr Ziel, gemeinsam mit ihrem Mann, einem Kupferstecher und Maler, ihren 300 Jahre alten Bauernhof im Waldviertel mit alten Handwerksmethoden zu erhalten. Und last, but not least findet sie den Webstuhl auch als Demonstrationsobjekt für ihre Kinder wichtig. „Wie viele Kinder wissen noch, wie sich Schafwollvlies angreift oder was Weben eigentlich ist?“

Begonnen hat alles mit einem großen Webstuhl, den sie gebraucht im Internet kaufte und der sich irrtümlicherweise als Teppichwebstuhl herausstellte. Teppiche zu weben fand Barbara Schmidt zwar toll, aber sie wollte dennoch etwas darüber hinaus machen. Da sie gleichzeitig mit dem Nadelfilzen begonnen hatte, kombinierte sie kurzerhand beide Techniken. Sie begann, Motive auf die gewebten Teppiche zu filzen, häufig nach dem Wunsch der KäuferInnen, die ein Stück ihrer persönlichen Geschichte am Teppich verewigt wissen wollten. „Wolltattoos“ nennt sie diese einzigartige, von ihr erfundene Technik, bei der Schafwollvlies in sehr dünnen Schichten in den Teppich eingearbeitet wird. Wären die Schichten dicker, würde das Motiv nicht fest genug halten. Und der Teppich muss ja zu reinigen sein. So kann man ihn problemlos saugen oder im Winter in den Schnee legen und ausklopfen. „Mit diesen Materialien zu arbeiten, ist irrsinnig faszinierend. Die Juristerei verblasst daneben, und ich habe seitdem nie wieder das Bedürfnis verspürt, in meinem alten Beruf zu arbeiten.“
Irritation lösen anfangs bei vielen die gefilzten Schädel aus, die Schmidt liebevoll „Rosenbein“ nennt. Was aber ist ihre Motivation, Schädel zu filzen und mit Tattoos zu versehen? „Ich verstehe die Objekte als tiefe Verneigung vor der Genialität der Natur. Unser Bein ist unser innerster Schmuck, den wir selbst nie zu Gesicht bekommen. Es ist Zeit, innezuhalten und zu staunen. Deshalb nenne ich sie auch Rosenbein, weil die Rose Symbol für Anmut und Schönheit ist.“ Im Beinhaus Hallstatt sind an die 600 Schädel mit bemalten Motiven zu sehen. „Dem Tod als Thema entkommt man nicht“, sagt sie. „Meine Schädel sollen auch keine Angst machen, sie sind ja an sich nichts Grausliches.“ Bei der Herstellung orientiert Schmidt sich an einem Plastikmodell. Mit der Nadel filzt sie eine Schicht nach der anderen, so wird das Objekt aus einem ursprünglich sehr weichen Material mit der Zeit immer fester. Das Thema „Transformation“ ist im Entstehungsprozess also schon enthalten. Manche Bereiche wie die Augen werden herausgeschnitten, was das Objekt wieder instabil macht, sodass neue Schichten aufgetragen werden müssen. Insgesamt ist so ein Rosenbein also sehr viel Arbeit. Wer sind die Menschen, die umgeben von einem Totenkopf leben möchten? „Es sind Leute, die die Idee witzig finden und an einer anderen Sichtweise auf den Tod interessiert sind.“ So bekommt die heimische Schafwolle, die sehr gut wärmt, belastbar und flexibel ist, noch eine Funktion. 

 

Ulrike Müller-Kaspar: www.spindel.at
Christine Ertl: www.wollhandwerk.at
Barbara Schmidt: www.wollschmiedn.at

 

Erschienen in „Welt der Frau“-Ausgabe 10/14 – von Christa Langheiter