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Auf dem Flohmarkt hinter dem Naschmarkt treffen sich Österreich und Osteuropa. Hier gibt es Unglaubliches zu kaufen. Wie viel Wert etwas noch hat, zeigt sich daran, wie viel Platz es bekommt.

Hier beginnt der Rest der Welt. Ein mittelgroßer Gartenzwerg grinst ins Leere, den Kopf hat er leicht zur Seite geneigt, die rechte Hand ist zur Faust geballt, die Linke hebt den Zeigefinger, als wolle der Gnom sagen: Achtung, hört her, was ich euch gleich erzählen werde. Der Zipfel seiner Mütze ist abgebrochen, im hohlen Inneren sind alter Schmutz und Spinnweben zu erkennen, die Farbe seiner aufgemalten Kleidung ist fast ganz verblasst, man möchte ihn nicht wirklich anfassen.

Zehn Euro wäre der wohl wert, schnarrt der Mann hinter dem wackeligen Campingtisch. Seine Schneidezähne fehlen komplett, die dunkle Gesichtshaut ist faltig und seine Hände sind schrundig. Neben ihm, auf dem Boden, hockt breitbeinig auf einer Tasche seine Frau, als säße man mitten in einem Rübenfeld. Sie hat zwei dicke Warzen im Gesicht, trägt Kopftuch, mehrere Strickwesten übereinander und dicke Jogginghosen unter ihrem weiten Rock. Weil der Zwerg aber kaputt sei, gebe er ihn für fünf Euro, sagt der Händler. Ich lache, wie absurd, drehe mich weg. Na gut, ruft er mir hinterher, dann eben einen.

SAMMELSURIUM DER WELT
Am Ende des Wiener Naschmarkts findet immer samstags Österreichs größter Flohmarkt statt, und er versammelt neben Österreich vor allem Osteuropa. Was hier auf den Wühltischen und auf dem Boden zum Verkauf liegt, ist unglaublich. Neben dem lädierten Gartenzwerg bietet mein Händler auch noch eine Gitarre an, eine alte Lederjacke, ein Autoradio, eine Feldflasche, eine Kaffeemaschine, Teeschalen, schlecht gerahmte Bilder, eine Lampenfassung. Eine nackte Barbie mit verfilztem Haar steckt nachlässig in einer Blumenvase, daneben liegen alte Messer, Gabeln und zwei Clowns, dem einen ist das Bein gebrochen. Und das ist nur ein kleines Abbild dessen, was der Markt insgesamt auffährt: zerrissene Halsketten, Hirschgeweihe, zerfetzte Stofftiere, Uhren, Werkzeug, massenweise Handys und verstaubte Fernbedienungen, alte Brillen, gebrauchtes Schminkzeug, Telefone, Wasserhähne, Elektrokabel, Schlümpfe.

Wie viele Nippesfiguren die Welt hervorgebracht hat! Truppenweise ziehen sie hier auf, die Rehe, Katzen, Eulen, Tänzerinnen und Elefanten aus Porzellan. Ein extrem lang gezogener Fuchs schlängelt sich rotbraun zwischen die Gefährten, und der Pudel mit gläsernen Löckchen blickt kokett nach oben, ein Kettchen hat sich in seinem Maul verfangen. Bücher liegen kistenweise herum und bergeweise Kleidung. „Jedes Gewand zwei Euro“, schallt es beharrlich. Gebrauchte Schuhe sind zu einfachen Hügeln zusammengeschmissen. Ein Paar ein Euro – wenn man in diesem Puzzle den zweiten Schuh noch findet.

Wer kauft das alles, wer braucht das? Viele der feilgebotenen Gegenstände sehen aus, als hätten die Händler sie einfach von der Straße geklaubt, aus Rinnsteinen und Mülltonnen hervorgezogen, als hätten sie sämtliche Altkleidersammlungen geplündert – und nicht nur die aus der westlichen Welt. Unvorstellbar, dass in unserer blitzenden Konsumgesellschaft, die ständig Neues fabriziert, tatsächlich auch aus Zerstoßenem und Zerkratztem noch ein Gewinn zu saugen ist. Es ist klar, hier handeln nicht nur TouristInnen, SammlerInnen, SchnäppchenjägerInnen, sondern auch solche Menschen, die kaufen und verkaufen müssen, was andere wegschmeißen. Solche, für die selbst die Dumpingpreise der Einkaufscenter noch zu hoch sind. „Was kostet?“ – „Ist echt?“ – „Funktioniert noch?“ Das sind die Sätze, die hier gelten.

DER FLOHMARKT IST EIN SPIEGEL
Zwiespältig ist er, der Zauber von Flohmärkten. Da ist einerseits die Freude am Finden, ohne gesucht zu haben. Plötzlich scheint etwas auf, plötzlich liegt da ein Ding, das es eigentlich gar nicht mehr gibt. Das Glasmilchkännchen mit Schiebeverschluss aus den 1970er-Jahren, der alte Junghans-Reisewecker, goldverziert und in Kunstlederhartschale, wie er auf der Nachtkonsole der Großmutter stand. Ich entdecke eine Pocketkamera, das war mein erster Fotoapparat, und eine kleine Pudel-Plastikfigur, wie ich sie als Kind besaß. Innen ist sie hohl, sie ist durchlöchert und dreckig und doch zum Kauf angeboten. Es ist, als würde den Dingen hier, kurz vor ihrem Tod, noch einmal Leben eingehaucht, weil man sie erneut in den Geldkreislauf schickt.

Das hier ist ihre letzte Chance. Der Flohmarkt erzählt wie nichts anderes von der Vergänglichkeit und den harten Gesetzen des Handels. Hinter den Tischen oder auf dem Boden sitzen die VerkäuferInnen, und sie gleichen auf eigenartige Weise ihren Waren. Diejenigen, die auf dem billigen Boden sitzen, sind abgearbeitet und zerschlissen wie das zusammengesuchte Etwas, das sie zum Verkauf anbieten. Andere thronen auf bequemeren Stühlen, sie haben die besseren Waren sorgfältig ausgebreitet unter Zeltplanen und auf festen Tischen. Lederhosen, Trachtenjacken, Antiquitäten, Schallplatten, feines Glas und Porzellan.

Wie viel Wert etwas hat, sei es Mensch oder Ding, sieht man daran, wie viel Platz es bekommt. Das Gute liegt einzeln, das Schlechtere nachlässig aufgehäuft; die Mühe lohnt sich nicht, es zu sortieren. Die KäuferInnen durchkämmen das Geflecht, und was übrig bleibt, ist Müll. Wer erlöst den kleinen fleckigen Mecki in der Wühlkiste, dessen Haare zerrupft und dessen Hände abgerissen sind? Wer kauft die alte zerkaute Pfeife oder den völlig zerbrochenen Kinderkreisel? Wir behandeln die Dinge nicht gut, sie verschleißen sich in unserem Dienst, bis nichts mehr von ihnen bleibt. Wie von uns selbst. Der Flohmarkt ist ein Spiegel. In ihm lesen wir die Vergangenheit anderer und unsere eigene Zukunft. Irgendwann wird irgendwer auch in unseren Sachen wühlen.

HANDEL BELEBT TOTES
Doch der Handel blüht, selbst mit den unglaublichsten Dingen. Plötzlich kommt Bewegung in den trostlosen Stand, eine kleine Menge bildet sich, als gebe es dort Wertvolles zu kaufen. Wert bekommt das Ding, wenn wir es wollen. Und wir wollen es, weil es einen Preis hat. Das ist der alte Jagdtrieb, wie beim Hund, den das Stöckchen nur interessiert, wenn es nicht vor seiner Nase liegt, sondern fliegt, sich bewegt, und vielleicht auf Nimmerwiedersehen verschwinden könnte. Der Handel belebt das Tote. Es geht ums Spiel, um den Tausch und ums Kräftemessen. Nach einigem Hin und Her am Stand wechselt ein altes Transistorradio um zwei Euro den Besitzer, und der zahnlose Händler sieht sehr zufrieden aus. Er raucht gemütlich und scherzt mit seiner Frau.

Dann kaufe ich den Gartenzwerg. Warum ich das tue, weiß ich nicht. Ich habe keinen Garten und mag keinen Zwerg. Vielleicht wollte er mitgenommen werden. Er ist mir nicht ganz geheuer mit seinem starren Lachen. Zu Hause schrubbe ich ihn sauber, seine Augen beginnen zu glänzen. Jetzt steht er auf der Fensterbank und streckt spitz den Zeigefinger in die Luft: Hör zu, was ich dir gleich erzählen werde.

Flohmarkttag

Von 4.27 Uhr früh bis 18.35 Uhr am Abend fotografierte Jutta Fischel am 10. August 2010 den Flohmarkt am Wiener Naschmarkt. Um alles zu überblicken, wurde die Kamera auf dem Dach eines Imbissstandes befestigt. „Stimmung, Licht und Farben wandeln sich fast stündlich, ebenso die Betriebsamkeit, die Frequenz der HändlerInnen und der KundInnen.“ Die beim Beobachten entstandene Fotoarbeit wurde als Reportage in der Prager Fotoschule Österreich angenommen.

 

Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2012 – von Andrea Roedig