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Die Vergangenheit ist ein zäher Begleiter

Wer den Sitz der Sonderkommission in Stockholm ansiedelt, hat alles richtig gemacht. Dann lernt man den Star-Sonderermittler kennen, beim Drogenkonsum – am Abend, aus Verzweiflung, mit dem besten Freund aus Jugendtagen. Und schon ist man mitten in eine Ermittlung geworfen, die brutaler, grausamer und blutiger nicht sein könnte. Vier ermordete Frauen in einer Wohnung, die nicht vor Luxus glänzt: Vier thailändische Masseurinnen sind hier überrascht und hingerichtet worden. Hier könnte die Stimmung, die Geschichte, der Erzählverlauf kippen – ins Seichte, ins Belanglose, ins Schema.

Und genau das passiert nicht, das Private ist und bleibt immer auch gesellschaftlich, politisch; Sexarbeiterinnen bekommen ihre Geschichte, der Fokus wird auf die Drahtzieher, die Abkassierer und so manche schmutzigen Sexpraktiken gelenkt. Ach ja, die Sonderkommission setzt sich aus unterschiedlichen Milieus zusammen: Einer ist nach einer Hirnblutung erblindet und gibt den wirklichen Sir, einer trägt teure Anzüge – er lässt beim selben Schneider wie Schweden-Prinz Daniel schneidern – eine, Denzi, hat Vergewaltigung und Hinrichtung von Frauen in ihrem Herkunftsland erlebt, eine leidet unter Schmerzen nach einem Unfall und Zack Herry, der Starermittler, taucht immer wieder in seine Kindheit und Jugend ab.

Und was ist das hier eigentlich für ein Ensemble? Er schaut in die Runde. Seine Kollegen: der gewissenhafte Papa, der Flüchtling, der Veteran, der Oberklassenschef und der Computernerd. Es scheint, als wäre die Führungsspitze nach einer Art Muster vorgegangen, als sie diese Spezialeinheit vor achtzehn Monaten zusammengestellt hat. ... Aber wer ist dann er selbst? Die blind card vielleicht, der Joker oder der Grünschnabel? ... Oder haben sie ihn als Aufsteiger aus den Trabantenstädten gesehen? Der Junge, der seine ermordete Mutter rächen will. Der Junge, der nie ein Kind sein durfte? (S. 39)

Er hat nach dem Tod seiner Mutter, einer Polizistin, die im Dienst ums Leben kam, seinen kranken Vater versorgt: Da lag dieser auf dem Sofa, verlangte von Zack Unterstützung und hatte verlernt, zu loben und zu danken. Draußen spielten Kinder Fußball, drinnen wusch ZackHerry – ja, ist richtig geschrieben – das Geschirr. Liebt Herry seine Freundin? Kann die Sonderkommission das Geschäft mit der Prostitution bis in die höchsten Kreise zurückverfolgen, ist ein Starreporter hilfreich?

Es gibt viele Tote in diesem Thriller, manche Morde in der Vergangenheit lassen sich von den Ermittlern und Ermittlerinnen nicht abschütteln: Es siegt die Gerechtigkeit, wie sonst könnte es in Stockholm sonst sein! Ein wenig Ungerechtigkeit bleibt zurück, man wünscht sich Lisbeth Salander aus Stieg Larssons Millennium-Trilogie ins Team und Herry, dass er die Kurve kriegt. Er nicht nämlich ein ganz ganz Guter. Wer Spannung sucht, findet sie in diesem Roman; wer die dunkle Seite des Alltags sucht, findet sie hier auf jeder zweiten Seite, etwa in der medikamentenabhängigen Beamtin, die nach ihrem offiziellen Entzug nur noch professioneller und gewitzter lügen und sich Schmerztabletten besorgen kann. Na ja, meine Lisbeth Salander steht übrigens auch schon als Zitat auf dem Umschlag: Zack Herry sei, so die Buchverkäufer des Verlags „ein cooler Mix aus Lisbeth Salander (Stieg Larsson) und Harry Hole (Jo Nesbo). Wem das alles zu brutal ist und zu sehr nach Schema klingt: Im Fernsehen laufen die Rosenheim-Cops! Als Serie und als Cops, ich meine bezogen auf das Laufen.

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: richtige tiefe Sehnsüchte und Süchte, Verwirrtheit, tolle KollegInnen und im Zentrum den schräg-schrägen Helden-Ermittler Zack Herry, der jeden Tatort-Kommissar blass aussehen lässt und so gar keine Begabung fürs Reden zu haben scheint.

 

zwei Autoren und eine Übersetzerin:

Der Autor Mons Kallentoft, 1968 in Linköping geboren, ist Autor weltweit erfolgreicher schwedischer Krimiserien, seine Romane wurden in sechsundzwanzig Sprachen übersetzt.

Der Autor Markus Lutteman, 1973 geboren, ist Autor und Journalist, der sich vom Schreiben von Sachbüchern dem Genre Thriller zuwandte, sehr sehr efolgreich eben.

Die Übersetzerin Christel Hildebrandt, 1952 geboren, studierte Literaturwissenschaft, Gemanistik und Soziologie in Hamburg; sie übersetzt aus dem Schwedischen, Dänischen und Norwegischen, u. a. Autoren wie Henrik Ibsen, August Strindberg und Hakan Nesser.

Mons Kallentoft & Markus Luttemann:

Die Fährte des Wolfes.

Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt.

Tropen Verlag, Stuttgart 2017.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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