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Jugendliche haben mehr Möglichkeiten der Selbstverwirklichung als jede Generation vor ihnen. Damit wachsen auch die Ansprüche und die Angst zu versagen. Wenn der Nachwuchs plötzlich jede Verantwortung für sich und andere verweigert, sind die Eltern ratlos.

Maria* will zu Hause nichts mehr erzählen. Vor zwei Jahren hat sie sich an der Uni für Betriebswirtschaft inskribiert. Tatsächlich besucht sie aber keine Vorlesungen. Stattdessen hockt die 23-Jährige in ihrer von den Eltern finanzierten Wohnung. Sie ist ständig online, zu realen FreundInnen hat sie keine Verbindung. Beziehungsfragen lässt sie nur über Serien in ihr Leben. Maria schämt sich.

Paul hat die Matura mit Bravour hingelegt. Er möchte Medizin studieren, traut sich das aber nicht zu. Seine Eltern machen ihm Vorwürfe, weil er schon drei Studien abgebrochen hat. Nur bei seinen Computerspielen kann er abschalten. Tage und Nächte zwischen Bett, Kühlschrank und PC sind ihm einerlei.

Thomas hat, seit er 14 war, sämtliche Bildungsansprüche seiner Lehrer-Eltern abgewehrt. Die Schule schafft er noch mit einigen „Schleifen“. Danach bricht der Boden unter seinen Füßen weg: Den „Massenbetrieb“ an der von den Eltern vorgeschlagenen Uni will er nicht. Von der selbst gewählten Fachhochschule hat er nach zwei Monaten genug. „Warum machst du diese Prüfung nicht, wieso bist du zu spät?“ Solche Fragen sind ihm eine Qual. Er hat keine Antworten darauf. Als die Eltern sein Verhalten nicht mehr mittragen, wohnt Thomas bei Bekannten, jobbt auf Konzerten, verschuldet sich und landet wegen Nichteinbringung von Parkstrafen im Arrest.

LIEBESTEST
Wenn Söhne und Töchter dem beruflichen Ehrgeiz ihrer Väter und Mütter nicht nacheifern und bis weit über 20 von daheim abhängig sind, reißt das eine tiefe Wunde in das gesamte Familiensystem: „Du denkst, die anderen schaffen das auch. Sie finden ihren Weg. Warum kapiert gerade mein Kind nicht, dass es wenigstens ein Minimum leisten muss“, erinnert sich Elisabeth K. an den Beginn eines „unfassbaren Vertrauens- und Liebestests“ zwischen ihr und ihrem Sohn.

Markus, heute Anfang 20, schläft und isst zu Hause. Nach abgebrochener Schule und Ausbildung hängt er meist mit Freunden herum, sonst tut er nichts. Bekannte sind mit Erziehungstipps schnell zur Stelle. „Geldhahn zu, dann wird das schon. Wirf ihn raus, dann findet er auch Arbeit“, sind Kommentare, die das Dilemma der Beteiligten verkennen: Die – vielleicht irrationale – Sorge der Eltern, dass ihre Kinder in der Gosse landen. Die – vielleicht ebenso irrationale – Angst der Kinder, sich in einer unübersichtlichen, überfordernden Welt nicht zurechtzufinden und dem Druck nicht standhalten zu können.

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Mathilde Zeman, Stadtschulrat Wien: „In der Pubertät geht es darum, sich von den Eltern abzugrenzen, und sich zu fragen, wodurch werde ich glücklich.“

ZUTRAUEN
Elisabeth K. fällt auf: „Verweigern und Scheitern sind in unserer mittelständischen Leistungsgesellschaft ein Tabu, über das kaum geredet wird, wovon aber viele Leute betroffen sind.“ Seit sie offener über die Probleme ihres Sohnes spreche, erzähle man ihr viele ähnliche Geschichten. „Von Schulabbrechern, aber auch von jungen Erwachsenen mit tollen Abschlüssen, die an ihrer Jobsuche verzweifeln.“

So vielfältig die Bildungsverläufe und so einzigartig die Schicksale auch sind – es gibt Gemeinsamkeiten: Diese jungen Menschen können den Motor, der sie vorwärtsbringt, nicht starten. Ihnen fehlt die Selbstgewissheit, die sagt: „Das traue ich mir zu, das passt zu mir, da will ich hin!“ Statt des Dranges, die Welt für sich zu entdecken und wenn nötig auch auf unbequeme Art zu erobern, lassen sie sich fallen. Oder sie verbünden sich mit Eltern, die ihnen FreundInnen und HelferInnen sind, aber keine Reibungsfläche bieten. „Wir sind so frei, dass wir uns vor allem Sicherheit wünschen“, schreibt Meredith Haaf in ihrer kritisch-liebevollen Analyse „Heult doch. Über eine Generation und ihre Luxusprobleme“.

Für die meisten jungen Menschen sei die Herkunftsfamilie der wichtigste Bezugspunkt. „Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir Stabilität und Rückhalt bei unseren Eltern finden, das weiß jede oder jeder, die oder der Freunde hat, wo es anders ist. Doch gleichzeitig verbleiben viele von uns deswegen auch vergleichsweise lange in einem etwas zu bequemen Abhängigkeitsverhältnis, sie lassen sich bis zum 30. Geburtstag (das ist übrigens oft die magische Grenze, an der auch die großzügigsten Papis einen Strich ziehen) hier noch einen Studiengang, da noch einen Auslandsaufenthalt und hin und wieder sogar ein Kind mitfinanzieren.“ Und die Autorin konstatiert, ihre Generation sei „zu bequem für die Unabhängigkeit“.

MACHT DURCH VERWEIGERUNG
„Das sind keine Einzelfälle aufgrund schwieriger persönlicher Biografien“, sagt Holger Salge, Psychoanalytiker und Chefarzt an der Sonnenbergklinik in Stuttgart. Eines seiner Spezialgebiete ist die Arbeit mit Menschen, die im schmerzhaften Prozess des Erwachsenwerdens stecken geblieben sind und den Abschied von den inneren und den realen Eltern nicht vollziehen. „Wir begegnen diesem Phänomen zunehmend und in zunehmend dramatischer Form“, sagt Salge. Beeindruckend sei dabei die Konsequenz der Verweigerung. „Man kann die Eltern nicht mehr quälen und ihnen nicht mehr zumuten, als die eigenen Möglichkeiten nicht zu nutzen.“

Fragen, was wann schiefgegangen ist, wer was wie anders hätte machen sollen, quälten Elisabeth K. viele Nächte lang. „Hätte ich mehr mit Markus lernen sollen oder weniger? Hätten wir ihn früher aus der Schule nehmen oder doch irgendwie durchdrücken sollen? Haben wir zu viel mit dem Sohn gestritten, zu viel als Paar? Haben wir ihm zu wenig zugemutet, zu viel abgenommen? Das komplette Leben haben wir infrage gestellt“, erzählt die beruflich erfolgreiche Akademikerin, die trotz Berufstätigkeit stets auf gemeinsame Zeit mit den Kindern bedacht war. Immer wenn sie die Hoffnung verspürte, „dass Markus jetzt doch die Kurve kratzt“, gab es eine umso härtere Landung. Der junge Mann änderte sein Verhalten nicht. Zureden, Vorhaltungen, Warnungen, dass er für sich selbst sorgen müsse – alles prallt an ihm ab. Die Macht liegt beim Kind, das in seinem Auffangnetz hängt.

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Holger Salge, Psychoanalytiker: „Unangenehmes von den Jungen fernzuhalten, hilft ihnen nicht.“

DIEBSTAHLCHARAKTER
Holger Salge versteht Eltern wie Elisabeth K., aber die Sorge um die Zukunft, sagt er, sei nicht teilbar. Wenn Mütter und Väter sich Sorgen machen, habe der junge Mensch sie nicht mehr. „Wenn ich immer jemanden um mich herum habe, der sich Gedanken um mich macht, ist mir das weggenommen. Das hat Diebstahlcharakter und muss ernst genommen werden.“

Kommt der Nachwuchs nicht vom Fleck, werden häufig unser digitalisiertes Leben, der Arbeitsmarkt, die anhaltende Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht. Salge, 52, überzeugen solche Argumente nicht. Die Haltung der Elterngeneration habe sich geändert: „Mütter studieren mit ihren Töchtern halb mit, fragen sie ab wie zu Schulzeiten und klagen, was das vermeintlich arme Kind noch alles leisten muss.“ Viele Eltern seien heute überidentifiziert. Sie erledigen alles, mischen sich viel zu viel ein. „Da machen Kinder ein Auslandsjahr in Neuseeland und zu Weihnachten fliegen die Eltern hinterher“, kritisiert Salge die Unfähigkeit, einmal loszulassen: „Man muss nicht ständig in Verbindung sein, mailen oder skypen.“

Doch Salge macht auch Mut: „Es sind oft die Eltern, die denken, die Welt sei zu kompliziert. Die Schwelle zum Erwachsenwerden ist auch eine Schwelle für sie. Wenn ihre Kinder gehen, stehen eigene neue Lebensthemen an.“ Und es sei tausendmal sinnvoller, sich damit zu befassen.

PERSPEKTIVENWECHSEL
Die Fähigkeit, auf sich zu vertrauen, ist ebenso eine Kompetenz wie Beziehungsfähigkeit. „Es geht um ein inneres Wissen, das mir sagt: Ich bewältige etwas, durch das, was ich in mir trage. Ich habe ein Grund-Zutrauen, dass ich Schwierigkeiten bewältigen kann“, erklärt Salge. Alltägliches und Unangenehmes von den Jungen fernzuhalten, helfe dabei nicht. „Es ist trügerisch, zu denken, dass jemand auf einem Bein stehen lernt, wenn man ihn rechts und links stützt.“ Für diesen Sinneswandel brauche es aber eine Außenperspektive. Den Perspektivwechsel zu vollziehen, könnten Familien alleine oft nicht, warnt der Arzt.

Die Zahl junger Menschen, die in der Sonnenbergklinik stationär und ambulant behandelt werden, steigt ständig. Die KlientInnen sollen dort erkennen, dass es einzig um ihr Leben geht und dass sie durch jede ihrer Handlungen für sich und für andere etwas bewirken.
Paul hat sich in der Klinik einen neuen Tagesrhythmus erarbeitet und macht jetzt ein Praktikum in einem Spital. Die KollegInnen schätzen ihn, er kann bald mit dem Medizinstudium beginnen.

Maria will ihrer Isolation entkommen. Salge hilft ihr dabei. Thomas hat den „Seiteneinstieg“ in ein bürgerliches Leben gewagt. Der Salzburger steht heute mit beiden Beinen im Leben, trägt Verantwortung für sich, Freundin und Kind. Er verdient seinen Lebensunterhalt mit Projektarbeiten für eine kleine Firma. Die Aufträge schließt der 30-Jährige zeitgerecht ab. Einen geregelten Arbeitsalltag meidet er aber weiterhin.

Elisabeth K. lebt mit ihrer Familie in Wien. Sohn Markus bleibt jederzeit willkommen. Vom Anspruch, dass ihr ältester Sohn eine gute Ausbildung absolviert, habe sie sich schmerzhaft verabschiedet. Ihr einziger Wunsch: „Dass er seinen Weg findet und ihn eigenständig geht.“ Sie hat gelernt loszulassen, auch wenn es wehtut.

* Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert.

 

KLEIN_28_buchcover_Haaf_RZ kopierenMeredith Haaf:
heult doch.
Über eine Generation und ihre Luxusprobleme.
Piper Verlag,
9,30 Euro

 

 

Lesen Sie weiter!

Aktuelle Zahlen und Fakten zu dem Thema finden Sie in der „Welt der Frau“ Ausgabe 6/2014!


 

Erschienen in „Welt der Frau“ 6/2014 – von Romana Klär