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Die Vogelflüsterin

Doris Hiebeler ist die jüngste Falknerin Österreichs. Die Arbeit mit Greifvögeln ist für sie eine große Schule der Toleranz, Selbstkontrolle und Achtsamkeit. Denn einen Greifvogel kann man nicht zwingen. Zähmen kann man ihn nur über gegenseitiges Vertrauen.
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Doris Hiebeler „auf freier Folge“, also auf einem Spaziergang mit Karim.

Manche Dinge verändern sich nicht. Sie sind immer schon da, solange man sich erinnern kann. Für Doris Hiebeler ist das ihr brennendes Interesse an Vögeln. Schon als sie noch ein ganz kleines Mädchen war, verhielt sich das so. Kam in irgendeiner Geschichte ein Vogel vor, spitzte sie sofort die Ohren. Sie liebte Nils Holgerssons Reise mit den Wildgänsen. Immer hoffte sie, die Vögel in den Kinderbüchern mögen zu den Guten gehören. Das war ihr wichtig. Und auch wenn der dicke Elefant Benjamin Blümchen aus der gleichnamigen Zeichentrickserie noch so bildfüllend war, für Doris wurde er erst durch die kleine Krähe, die ihn begleitete, richtig attraktiv. Als sie drei Jahre alt war, besuchte sie mit ihren Eltern auf der Kanareninsel Teneriffa den weltgrößten Papageienzoo „Loro Parque“. Die vielen bunten Papageien und Sittiche, die zwischen tropischen Pflanzen in ihren Volieren flatterten und kreischten, hinterließen in ihr einen tiefen Eindruck. „Dem Plüschpapagei, den ich von dort mitnahm, habe ich Geschühriemen angelegt, ihn auf meine Hand gesetzt und bin stundenlang mit ihm herumgegangen.“

DES TERZELS HAND Geschühriemen? So nennt man die schmalen Lederriemen, die für die Beizjagd abgerichteten Greifvögeln um die Füße gelegt werden, damit man gut und sicher mit ihnen arbeiten kann. An Ausdrücke wie diese muss man sich gewöhnen, wenn man mit Doris Hiebeler spricht. Sie stammen aus dem alten, häufig aufs Mittelhochdeutsche zurückgehenden Wortschatz der Falknerei, in dem der Kot eines Greifvogels „Schmelz“ heißt, „kröpfen“ für fressen und „Terzel“ für einen männlichen Beizvogel steht oder mit der „Hand“ eines Falken ausgerechnet dessen Fuß gemeint ist. „De arte venandi cum avibus“, zu Deutsch „Die Kunst, mit Vögeln zu jagen“, heißt ein fast 800 Jahre altes Buch zur Beizjagd aus der Feder des Stauferkaisers Friedrich II. Es ist bis heute ein Standardwerk, doch die Jagd mit Greifvögeln ist viel älter. Zu ihren Hochzeiten im Mittelalter und im Rokoko wurde sie hierzulande in aristokratischen Kreisen als wahre Kunstform betrieben. Eine Kunst- und Jagdform auch für Frauen. Das ist ein Aspekt, auf den Doris Hiebeler besonderen Wert legt.

SECHS EIER VON LARISSA Die Falknerei nimmt im Alltag und in den Gedanken der Zwanzigjährigen, die im zweiten Semester Wirtschaft und Französisch studiert, einen zentralen Platz ein. Ein paar Eckdaten zu diesem Thema aus ihrem Leben gefällig? Mit acht Jahren hatte sie bei einer Greifvogelvorführung ihren ersten Auftritt mit einem Falken. Mit 15 legte sie die Falknerprüfung ab. Sie hat viele Greifvögel für die Beizjagd ausgebildet, Pardon, „abgetragen“, wie es in der Falknersprache heißt, einmal gleich zwölf in einem Sommer, darunter ihr eigenes Habichtweibchen Larissa, mit dem sie seit drei Jahren auf die Jagd geht. Hiebeler ist die jüngste Falknerin Österreichs. Im Vorjahr hat sie erstmals auch selbst Habichte gezüchtet. Das gilt nach allen Regeln der Falknerei und Greifvogelzucht als eine äußerst ungewöhnliche Leistung für jemanden ihres Alters. Die Vogelzucht, sagt Doris Hiebeler, sei für sie überhaupt das Allerschönste, weil man einen Greifvogel von der künstlichen Befruchtung übers Eierlegen bis zum Schlüpfen der Jungen und seine ganze Entwicklung hindurch begleite. „Der Vogel legt nur dann ein Ei, wenn er absolut stressfrei ist. Und das geht nur, wenn er eine vollkommene Symbiose mit seinem Falkner hat.“ Er hat diesen dann quasi als Partner angenommen und baut für sich selbst und seinen Falkner ein Nest. „Ich weiß, dass das ein bisschen pervers klingt, aber es ist schon toll, wenn einem ein Wildtier so weit vertraut, dass es sich sogar mit einem fortpflanzen will“, lacht sie. Ihr Habicht Larissa jedenfalls hat voriges Jahr gleich sechs Eier gelegt, aus denen fünf Junge geschlüpft sind. Voller Stolz zeigt Doris eine Reihe von Fotos mit flauschigen, frisch geschlüpften Habichtkücken.

60_1_wahl_aufmacher_8936 KLEINEIN FAMILIENERBE In die Falknerei ist Doris Hiebeler buchstäblich hineingeboren worden, denn ihr Vater und ihre Mutter sind beide hauptberufliche Falkner und Greifvogelzüchter. Ihr Vater gründete die Falknerei-Stationen auf der niederösterreichischen Rosenburg und im salzburgischen Werfen und hatte wesentlichen Anteil daran, dass die Falknerei im Jahr 2010 von der UNESCO in das „Österreichische Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen wurde. Vor fünf Jahren eröffneten Hiebelers Eltern das große, moderne Greifvogelzentrum Schloss Waldreichs im Waldviertel (www.greifvogelzentrum.at). Doris war immer mit dabei, hat mitgeholfen und mitgelernt. Gezwungen habe sie niemand, aber auch nicht ferngehalten. Ihre zwei älteren Schwestern haben nicht viel mit Greifvögeln am Hut. Doch sie selbst hatte immer dieses tiefe Interesse für die Erscheinungen der Natur und dieses besondere Gespür für Lebewesen aller Art, ganz besonders für Vögel. Das liege in der Familie, erzählt sie. Väterlicherseits, wo sich die Familie bis ins zwölfte Jahrhundert zurückverfolgen lässt, gab es seit jeher viele Jäger und Ärzte; Hiebelers Urgroßvater war Tierarzt am Hof des bayrischen Königs. Ihre Großmutter mütterlicherseits wiederum, eine Waldviertler Bäuerin, habe nach dem Zweiten Weltkrieg als junge Frau die vom Kriegs- und Schlachtengetöse vollkommen verstörten und traumatisierten Arbeitspferde, die niemanden an sich heranließen, wieder für Kutschen und Pflüge eingefahren. Und noch als alte Frau habe sie ganz allein tonnenschwere Stiere auf die Weide geführt. „Sie hatte einfach ein Gefühl für Tiere. Bei ihr war alles zahm“, sagt Doris Hiebeler. Das, sagt sie, habe sich Gott sei Dank vererbt.

BALZSTIMMUNG UND EIFERSUCHT Doris Hiebeler steht im Garten ihres Elternhauses in Sankt Leonhard am Hornerwald vor der Voliere ihres Habichtweibchens Larissa. „Sie ist in Balzstimmung. Da kann sie auf jeden, der mit mir zusammen in ihre Nähe kommt, Eifersuchtsgefühle entwickeln“, schmunzelt sie. Der große, weiß-schwarz gesprenkelte Greifvogel sitzt in seiner Voliere, bewegt seinen Kopf hin und her und schaut skeptisch aus kugelrunden, gelborangen Augen. Im Hintergrund hört man die lauten Rufe eines jungen Adlers, der auf einem Reck – so heißt eine dem gleichnamigen Turngerät vage ähnelnde traditionelle Abstellvorrichtung für Greifvögel – vor einer langen Reihe großer Adlervolieren im Freien sitzt. „Er ist total relaxed und auf Kontaktaufnahme aus“, sagt Hiebeler. Davon abgeschirmt sitzen hinter einer Holzwand Falken in ihren Volieren. „Die haben sich schon verpaart“, erklärt sie. Wir gehen zu dem jungen Wanderfalken „Wandi“, der heraußen auf seinem Platz sitzt. „Sehen Sie“, sagt Doris Hiebeler, „jetzt hebt er die eine Hand, das heißt, er ist ganz entspannt.“ Als wäre Doris Hiebeler heute im schottischen Hochmoor unterwegs, trägt sie an diesem kühlfeuchten Vormittag eine braune Barbour-Wachsjacke, Gummistiefel und eine dunkle Schiebermütze mit Schild. Ihre langen, welligen hellblonden Haaren sind zu einem Rossschwanz zusammengebunden. Sie hat große blaue Augen und spricht mit bedächtiger, fast eintöniger Stimme. Was sie will und was sie nicht will, was ihr gefällt und was ihr nicht gefällt, sagt sie klar und ohne großes Aufheben davon zu machen. Sie wirkt reifer als eine Zwanzigjährige.

Lesen Sie weiter in der Printausgabe  „Welt der Frau“ 04/16

Hiebeler's Habicht-Dame Larissa. | © Doris Hiebeler

Hiebeler’s Habicht-Dame Larissa. | © Doris Hiebeler

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Greifvögel – im Bild ein Sakerfalke – müssen ihrem Falkner vertrauen können. | © Markus Zeiler

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Ein Baby-Habicht – seine Aufzucht gilt unter Falknern als besondere Leistung. | © fotolia

Erschienen in „Welt der Frau“ 04/16 – von Julia Kospach