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Die Weisheit der Nacht. Was wir im Schlaf von Träumen lernen

Träume sind verborgene Teile unseres Selbst. Bildgleichnisse bringen uns Gefühlen näher, eröffnen neue Horizonte und dienen als Kompass des Lebens.

Du verschläfst noch dein halbes Leben“, sagen meine Lieben, wenn ich mich selig zwischen die Daunen kuschle und meinem Hobby fröne: dem Schlafen und Träumen. Das halbe Leben beansprucht diese Passion zwar nicht, aber gut ein Drittel. So viel Zeit, das ist wissenschaftlich erwiesen, verbringen wir alle mit dieser recht unzugänglichen Seite unseres Seins. Zumindest sollten wir das. Die Nacht schafft ideale Voraussetzungen: Die Geräuschkulisse ist auf ein Minimum reduziert und ermöglicht einen störungsfreien, vitalen Schlaf. Dieser hält Immunsystem und Stoffwechsel intakt, senkt Muskelspannung und das Stresshormon Kortisol und hilft uns durch Träume dabei, Erlebtes zu verwerten und Erlerntes zu festigen.

Das Gehirn schläft nicht, sondern ist hochaktiv. Sobald der Körper Erholung braucht, schüttet die Zirbeldrüse Melatonin aus. Atmung und Puls verlangsamen sich, die Temperatur sinkt. Wir werden müde. Gleich nach der Einschlafphase werden chemische Substanzen freigesetzt, die das Bewusstsein abschalten. Selbst wenn wir uns nicht erinnern, läuft das Kopfkino bis zu fünfmal pro Nacht, und zwar in jedem Schlafstadium, nicht nur in der bekannten „REM-Phase“, die den „rapid eye movements“, also den raschen Augenbewegungen hinter den geschlossenen Lidern, ihren Namen verdankt. Nur Psychopharmaka können das Träumen unterdrücken.

Auch Tiere träumen. Hunde und Katzen bewegen dabei oft ihre Pfoten, als würden sie laufen. Menschenträume sind aber weit besser erforscht. Wir kennen Albträume, die uns schweißgebadet erwachen lassen. Luzide Träume, in denen wir klar das Traumgeschehen lenken können. Wahrträume, die uns retrospektiv, telepathisch oder zukunftsweisend scheinen, weil sie reale Ereignisse vor Augen führen. Aber auch Träume, die uns als posttraumatische Wiederholungen Schrecken erneut durchleben lassen. Sie alle erfüllen psychohygienische Funktionen. Sie helfen, angstbesetzte Themen aufzuwerfen und Stimmungen zu glätten. 

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Oft sind Traumerlebnisse von lebhaften Szenen begleitet, die fast „verrückt“ erscheinen, wenn wir sie zensurierend mit der Wachrealität vergleichen. Manche Kulturen wiederum sehen darin einen Weg zur Bewusstheit. Das buddhistische „Traumyoga“ trainiert sogar die geistige Klarheit unbewusster Phasen. Nur so lasse sich unsere wahre Natur erfahren, die in der gewöhnlichen, „illusionären Lebenswirklichkeit“ oft versiege.

Leistungskulturen, die Schlaf wenig würdigen (siehe Kasten: „Die übermüdete Gesellschaft“), haben für solche Ansichten nicht viel übrig. „Weil man sich alles rational erklären will, werden Träume als Humbug abgewertet, ihre Sinnhaftigkeit wird massiv unterschätzt“, weiß die Wiener Gestalttherapeutin und Traumforscherin Brigitte Holzinger. Für sie sind Träume eine „unendliche Inspirationsquelle“. Seit über 20 Jahren erklärt sie KlientInnen, wie sie mit einer anerkennenden Haltung, Meditation und dem Führen eines „Traumtagebuchs“ Träume besser memorieren, entschlüsseln und lebensbereichernd nutzen können. 

GEFÜHLE IN BILDERN
Dass Erwachsene auf differenzierte Weise oft von Verfolgungsjagden und Attacken, Sex und Nacktheit, dem freien Fall und verpassten Treffen, erfolglosen Prüfungen, sozialer Bloßstellung und dem Tod geliebter Personen träumen, ist kein Zufall. „Träume sind Gefühle in bewegten, meist in Farbe getauchten Bildern. Die Handlungen basieren auf intensiven Emotionen wie Angst, Lust, Scham, Ärger und Trauer“, so Holzinger. Frauen stünden Träumen aufgeschlossener gegenüber als Männer und merkten sich daher Details besser. Was die Inhalte angehe, gebe es aber keine Geschlechterunterschiede mehr. Seit Frauen erwerbstätig seien, kreisten auch ihre Träume um Macht und Konkurrenz und nicht mehr um Beziehungen allein.

Die Tatsache, dass auch Blindgeborene träumen – sie hören und erspüren ihre innere Wirklichkeit – zeigt, wie essenziell Träume sind. Immer schon halfen sie Menschen dabei, ihre Kreativität zu entfalten, und wurden so auch zur Basis neuer Errungenschaften. Dem Physiker Albert Einstein etwa diente ein Traum bei der Entwicklung der Relativitätstheorie, dem Fabrikanten Elias Howe bei der Erfindung der Nähmaschine. Den Dichter Robert Louis Stevenson inspirierte er zur Novelle „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ und Beatles-Mitglied Paul McCartney zum Komponieren der Melodie von „Yesterday“. Quasi über Nacht, so meint der Wiener Traumforscher Felix de Mendelssohn, können uns Träume also neue Perspektiven eröffnen, „die uns im Wachzustand durch eine fokussierte Ausrichtung verschlossen bleiben“. 

Lesen Sie weiter in „Welt der Frau“ 10/15 

Ortrud Grön

„Durch Träume gewann ich tiefes Vertrauen zum Geheimnis von Leben“
Ortrud Grön

Ortrud Grön (90) ist Traumforscherin in Bayern. Die Traumarbeitsmethode, die sie entwickelte, wird auch in Seminaren in Österreich gelehrt. Foto: Susanne Öllbrunner

Welche Kernbotschaft enthielt Ihr ergreifendster Traum?
Vor 55 Jahren träumte ich: Ich komme in meinen Pferdestall, mein Pferd steht abgemagert und verlaust im Dunkeln. Verzweifelt verlasse ich den Stall. – Ein Reitpferd ist Ausdruck vitaler, freiheitsliebender Gefühle. Diese hatte ich damals total verloren. Mein seit der Kindheit erlerntes Pflichtbewusstsein unterdrückte meine Liebe zu mir selbst. Nach einem Jahr träumte ich schließlich, dass ich ein Fohlen gebar. Ich war dabei, zu begreifen, die eigenen Gefühle endlich weiden zu lassen.

Haben Sie schon Traumsätze gehört?
Ja. Als ich nach dem Tod meines Mannes mit großen finanziellen Problemen konfrontiert war, träumte ich: „Schau dir dein Leben an – Johann Sebastian Bach.“ Dieser Traum gab mir den Hinweis, mich im Sinne dieser Musik genauso strukturiert und sinnlich auf meine Situation einzulassen.

Alle Traumelemente sind Aspekte von uns selbst. Worüber sind Sie bisher am meisten erschrocken?
Wie lang der Weg ist, um die eigene Wahrheit von Leben aus allen Widerständen zu befreien.

Mehr dazu von Psycho- und Gestalttherapeutin Brigitte Holzinger und Psycho- und Gruppenanalytiker Felix de Mendelssohn in „Welt der Frau“ 10/15 

Erschienen in „Welt der Frau“ 10/15 – von Petra Klikovits