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„Diese frechen Gassenjungen!“<br>ab 8 bzw. 10 Jahren

Spatzen, die sich flink um ein paar buttrige Brösel, Überbleibsel eines zarten Croissants, auf dem Teller oder am Boden – fast möcht ich sagen – balgen wie Lausbuben um ein paar Süßigkeiten, die nennt mein Vater mit einem verschmitzten Lächeln immer diese frechen Gassenjungen! Und dabei ist völlig klar, dass ihnen sowohl seine Bewunderung ob ihrer Flugkünste als auch seine Sympathie wegen ihrer Wertschätzung des noch so winzigen Bröserls sicher ist.

Ich teile seine Verehrung vollkommen. Im Handumdrehen verwandelt sich der Spatz vom drallen, hüpfenden Bällchen in ein komplexes Flugwesen. Punktgenau und lautlos kommt er auf meinem Tellerrand zu sitzen, um sich sogleich der Reste auf dem spiegelglatten Porzellan anzunehmen: mit spitzem Schnäbelchen, blitzschnell und äußerst elegant. Und dabei so liebenswert und entzückend, dass ich kaum den Blick abwenden kann. Kaffee im Freien, dabei vom Spatzenballett bestens unterhalten –ein Luxus, den uns die wärmere Jahreszeit schenkt.

Voriges Jahr um diese Zeit war ich auf der Kinderbuchmesse in Bologna, die gerade wieder stattgefunden hat. So manchen Espresso haben wir dort in Gesellschaft der gefiederten Lausbuben geschlürft, schnell zwischendurch ein wenig Sonne, Luft und Koffein getankt, um dann frisch einzutauchen in das summende Getriebe der trubeligen Messehallen. Ach, war das ein Fest! Heuer ist sich die Reise nicht ausgegangen, doch „meno male“, halb so schlimm, wie die Italienerin sagt, Bologna gibt es zum Glück jedes Jahr, und viele der tollen Bücher kommen auch so zu uns.

Eines davon ist „Mücke, Maus und Maulwurf. Die allernormalsten Tiere der Welt“. Der Spatz nimmt darin eine Sonderstellung ein: Insgesamt neun Mal darf er auftreten. Eigentlich gehören jedem Tier nur ein bis eineinhalb Seiten des handlichen Büchleins: Regenwurm, Weberknecht, Igel, Wanderratte, Tagpfauenauge … ganz gewöhnliche Tiere also, die wirklich jeder kennt. Doch der Spatz ist eben anders. Und der Clou: Neben der Kapitelstruktur gibt es Querverweise à la „Noch mal kurz zum bedeutungslosen Spatz“ oder „Entschuldigung, noch mal zum erbärmlichen Spatz“ und so kommt dieser heimliche Star auf seine neun Beiträge. Er hat sich die Aufmerksamkeit wirklich redlich verdient: Wer hätte geahnt, dass er sogar in einem Bergwerk überleben kann? Und sich Zigarettenstummel ins Nest legt, zur Abwehr gegen Parasiten – ein schlaues Bürschchen!

Die Autorin Bibi Dumon Tak, die eigentlich Biologin werden wollte, ist glücklicherweise doch bei der Literatur gelandet. Sie fördert nicht nur unglaubliche Fakten zutage und beweist damit, dass die vermeintlich normalen Tiere allerhand an Spektakulärem zu bieten haben, sondern formuliert in der Mischform aus Vorlese- und Sachbuch so gewitzt, unterhaltsam und eloquent, meist im Plauderton unmittelbar an uns Leser_innen gewendet, dass ich es in meiner Begeisterung am liebsten gleich fünf Mal weiterverschenkt hätte. Erwachsenen UND Kindern, wohlgemerkt. Denn auch für uns Große dürften die Informationen weitgehend neu sein, und Dumon Taks literarischer Stil ist poetisch fein und steckt voller frecher Überraschungen.

Das brennende Interesse der Niederländerin an der Tierwelt, ihre Euphorie bei der Mitteilung immer kurioserer Details steckt an. Sogar in den Anhang, der hauptsächlich der Quellenangabe dient, schwindelt sie manches Ergebnis der neuesten Forschung, welches sie ihrer Leserschaft noch unbedingt schnell mitteilen muss. Unverzichtbar beispielsweise der Verweis auf YouTube, der die Tatsache untermauert, dass Heringe mit dem Hintern sprechen: Herring farts. Bitte ansehen!

 

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Die Bilder kommen von Fleur van der Weel, die schon den Vorgängerband „Kuckuck, Krake, Kakerlake“ meisterhaft illustriert hat. (2009 erstmals auf Deutsch bei Bloomsbury erschienen, gottlob 2014 bei ars edition wiederaufgelegt) Trotz strengem Schwarzweiß fehlt es ihnen an nichts, jedes einzelne passt zum Witz und zur Knappheit des Textes. Die Reduktion trifft den sprachlichen Ton genau und teilt wesentliche Informationen bildlich mit.

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Von diesem Duo aus den Niederlanden würde ich mir auch noch den dritten Band wünschen. Ich finde es schade, dass „Eisbär, Elch und Eule“ (aktuell nicht lieferbar) nicht auch Fleur van der Weel illustriert hat. Umso dankbarer bin ich für die beiden!

 

 

 

 

Bibi Dumon Tak/Fleur van der Weel

Mücke, Maus und Maulwurf. Die allernormalsten Tiere der Welt.

Ab 8 Jahren

Hanser

ISBN 978-3-446-25080-2

EUR 13,30

Bibi Dumon Tak/Fleur van der Weel

Kuckuck, Krake, Kakerlake. Das etwas andere Tierbuch.

Ab 10 Jahren (Verlagsempfehlung)

Ars edition 2014

ISBN 978-3-407-74438-8

EUR 13,30

Veronika Mayer-Miedl

wurde 1971 geboren und lebt als Buchhändlerin in Ottensheim (OÖ). Als Mitarbeiterin des „Kleinen Buchladens“ sieht sie sich als Vermittlerin – als Leseanimateurin für Kinder besucht sie Bibliotheken und Kindergärten. Ein Fernkurs für Kinderliteratur an der „STUBE Wien“ während ihrer dritten Karenz war ein Glücksfall. Begegnungen bei Seminaren im „Kinderbuchhaus“ gaben neue Ausrichtung und inspirierten zu Referententätigkeit übers Bilderbuch. Mit ihrer schauspielenden Freundin teilt sie neuerdings die Leidenschaft für das japanische Erzähltheater „Kamishibai“ und tritt fallweise als Grille oder sogar Meerjungfrau auf.

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