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Digitale Nomadinnen

Sie brechen freiwillig alle Zelte ab und reisen von einem Ort zum anderen. Sie tauschen fixe Büros gegen Laptops am Strand und die eigene Wohnung gegen vorübergehende Unterkünfte an den schönsten Orten der Welt. Ein neuer, freier Lebensstil. Ein neues Glück? Wir haben vier Frauen dazu befragt.

Vogelfrei unter Gleichgesinnten

Carina Herrmann publiziert und empfiehlt im Netz.
„Wir zweifeln alle immer wieder mal, ob das der richtige Lebensstil ist. Es wäre befremdlich, wenn dem nicht so wäre“, meint Carina Herrmann, die zwei Blogs betreibt zu den Themen Alleinreisen und berufliche Selbstständigkeit für Frauen. „Ich komme aber immer wieder zum gleichen Ergebnis: Seit zwei Jahren ist das digitale Nomadentum ganz meines.“ Herrmann hat all ihren Besitz verkauft. Was vielen Angst macht, hat sie als Befreiungsschlag erlebt. „Nicht an Wohnung, Verträge und Besitz gebunden zu sein, genieße ich bis jetzt.“ Mittlerweile kommt sie mit zwei Tagen Arbeit in der Woche aus, wenn sie nur das Nötigste macht, und kann gut davon leben. Dass das aber leicht sei, mit diesem Mythos räumt sie gleich auf. „Easy-peasy mit vier Stunden die Woche am Strand genug Geld zu verdienen, das ist vor allem in den ersten beiden Jahren sicher nicht die Realität. Der Geschäftsaufbau verlangt sehr viel Zeit“, räumt sie ein. Es ist nicht mehr ein Gehalt, das das Leben der ehemaligen Kinderkrankenschwester finanziert, sondern es sind verschiedene Einkommensströme: Sie schreibt Bücher und E-Books, betreibt Empfehlungsmarketing auf ihren Blogs und gibt „Webinare“ (also Seminare über das Internet), Onlinekurse und Coachings. Im Vorjahr hat sie erstmals auch Engagements für Vorträge angenommen. Dass sie dann zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sein muss, hat sie sehr beschäftigt. Jetzt macht sie es so, dass sie diese Termine auf zwei Wochen bündelt und dann wieder vogelfrei ist.

Häufig hält Carina Herrmann sich an Orten auf, an denen sich Gleichgesinnte treffen, also in Internetcafés, Coworking-Spaces, oder sie begegnet ihnen bei „Meet-ups“, also realen Treffen, die sich die NomadInnen vorher via Internet ausmachen. Das Gefühl, allein zu sein, hat sie daher nicht. „Man lernt supereinfach jemand kennen. Manchmal ist es eher schwierig, niemand kennenzulernen“, schmunzelt sie. Als langjähriger zufriedener Single vermisst sie auch keinen Partner. „Durch die extreme Welt an Möglichkeiten sind wir von der Generation Y sehr anspruchsvoll geworden, auch bei Beziehungen. Warum soll ich mit jemand eine Beziehung haben, wenn er mich von dem abhält, was ich will?“ Insofern kommt im Grunde nur ein digitaler Nomade als Partner infrage. „Es ist nicht einfach, jemanden zu finden, der die gleiche Einstellung und die gleichen Reiseziele hat. Aber die Gruppe Gleichgesinnter ist schon recht groß, also ist es nicht unmöglich“, bleibt Carina Herrmann gelassen.

www.pinkcompass.de  / www.um180grad.de

Carina Herrmann ist seit zwei Jahren als „digitale Nomadin“ unterwegs. Ihren Besitz hat sie verkauft, Geld verdient sie als Bloggerin, Buchautorin und Vortragende.

Von der Weltreise zur inneren Reise

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©bravebird.de

Ute Kranz berät Alleinreisende online.
„Ich bin vorsichtig, was dieses Leben betrifft. Es ist nicht immer das Gelbe vom Ei“, sagt Ute Kranz, die ihren festen Job und ihre Wohnung aufgegeben hatte und ein Jahr auf Weltreise war. Als digitale Nomadin, also als eine, die ihren Laptop als Arbeitsplatz immer wieder woanders aufbaut, wolle sie trotz Reiseleidenschaft nicht leben. Zu oft hat sie mitbekommen, dass BloggerInnen diesen Lebensstil als toll präsentieren, in Wirklichkeit aber damit kämpfen oder daran scheitern, genug Geld mit ihren Blogs zu verdienen. Und das Langzeitreisen brachte sie auch an manche ihrer persönlichen Grenzen: „Ich dachte, ich könnte ewig reisen, aber es hat sich herausgestellt, dass ich doch eigene vier Wände brauche und mit der Zeit Freunde und persönliche Dinge vermisst habe“, erklärt sie. Auch wenn sie gut allein sein kann, fand Ute Kranz es manchmal nicht ganz einfach, ein Jahr ohne Begleitung unterwegs zu sein und Erlebtes nicht teilen zu können. Mit der Zeit wurde ihr Reisetempo auch immer langsamer, denn die vielen Eindrücke fand sie schwer zu fassen: „Die Euphorie für schöne Orte geht irgendwann verloren.“ Dennoch macht Ute Kranz auf ihrem Blog „bravebird.de“ Frauen Mut zum Alleinreisen und gibt Tipps, wie das am besten gelingt. Denn sie ist überzeugt, dass man sich durch das Alleinreisen sehr gut kennenlernt und danach viel im Leben verändern kann. Es muss ja keine Dauerreise mit ihren speziellen Herausforderungen sein.

Nach ihrem Reisejahr hat sich Ute Kranz wieder in Köln niedergelassen, allerdings nur mit einem kleinen Büro, gewohnt wird zur Untermiete bei verschiedenen FreundInnen. Ihre finanziellen Verpflichtungen hat sie so weit heruntergeschraubt, dass sie keine hohen Summen mehr verdienen muss. Statt materiellen Luxus genießt sie es lieber, Zeit zu haben und frei zu sein. Qualitäten, für die manche unterwegs sein müssen, hat sie sich zu Hause geschaffen. Das wenige, das sie braucht, verdient sie als Autorin. Gleichzeitig entwickelt Kranz Produkte wie einen Rucksack speziell für Frauen. Sie übt also ortsunabhängige Tätigkeiten aus, mit denen sie spontan bleiben kann.

Reisen will sie gern weiterhin, aber wichtiger als die Reisen im Außen findet sie mittlerweile ihre innere Reise. „Aus festen Strukturen herauszutreten, um den Kopf frei zu bekommen, finde ich nach wie vor wichtig.“ Viele Jahre hat sie als Managerin im Medizinsektor mit viel beruflichem Druck gelebt, jetzt lerne sie, dass das Leben einen tragen kann und alles, was man braucht, zum richtigen Zeitpunkt bereitstellt. 

www.bravebird.de

Ute Kranz ist erfahrene „Alleinreisende“, auf ihrem Blog macht sie anderen Frauen Mut dafür und gibt Tipps, wie das am besten gelingt.

Mehr zum Thema finden Sie in „Welt der Frau“ 0708/16

 
Erschienen in „Welt der Frau“ 0708/16 – von Christa Langheiter