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Dringend gesucht: Jobs mit Sinn

Die Welt zum Guten verändern, selbstbestimmt arbeiten und Zeit für Familie und Freunde haben. Das sind die Werte, die die „Generation Y“ zunehmend in der Arbeit fordert. Wie die 20- bis 35-Jährigen den Arbeitsmarkt revolutionieren.

Wir wollen nicht leben, um zu arbeiten, wir wollen arbeiten und leben. Meine Generation hat gesehen, was herauskommt, wenn der Beruf das Privatleben dominiert: abwesende Väter, Scheidungen, ein Herzinfarkt mit 50. Das hat uns abgeschreckt“, erklärt Kerstin Bund in ihrem Buch „Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen“. Damit ist klar, dass für ihre Generation das gute Leben nicht nach der Arbeit beginnt. Sich in der Freizeit im Tierschutzverein engagieren, in der Pension Zeit für die Enkelkinder haben und in der Auszeit nach dem eigenen Rhythmus leben, das reicht den jungen Arbeitswilden nicht. Denn das Leben ist jetzt. Und die Arbeit auch. Also möge, bitte schön, jetzt schon die Arbeit nach dem eigenen Geschmack und sinnvoll sein.

Kerstin Bunds Meinung nach hat der Wertewandel in Richtung selbstbestimmtes, freud- und sinnvolles Arbeiten schon in der ihr vorangegangenen Generation stattgefunden, ihre Generation aber trägt ihn nun erstmals mit Nachdruck in die Wirtschaft. Und zwar nicht nur für sich, wie sie betont: „Wir kämpfen für eine Kultur, die allen nützt. Die Realität in den meisten Unternehmen sieht doch heute noch so aus: Wer spätabends E-Mails schreibt, schindet Eindruck. Wer um halb fünf gehen muss, um sein Kind abzuholen, schleicht schuldbewusst aus dem Büro. Wir wollen das ändern.“ Das und noch mehr. Neben der Forderung nach Freiräumen, wann und wo man im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen arbeitet, strebe sie nach einer Arbeit, die Sinn stiftet. Denn Sinn zählt für sie mehr als Geld.

Am allerwichtigsten ist das Gefühl, etwas zu bewegen und stolz auf das zu sein, was man schafft.

Am allerwichtigsten ist das Gefühl, etwas zu bewegen und stolz auf das zu sein, was man schafft.

SELBSTBEWUSSTE GENERATION
Warum schafft die Generation der heute 20- bis 35-Jährigen, was die Generation davor nicht geschafft hat? Auch darauf liefert Kerstin Bund Antworten in ihrem Buch. Es läge am gut und früh genährten Selbstbewusstsein ihrer Generation, deren Bedürfnisse und Wünsche stets im Blick ihrer Eltern waren. Diese Aufmerksamkeit „hat in vielen von uns früh die Überzeugung geweckt, dass wir etwas ganz Besonderes sind. Dass wir alles, wovon wir träumen, auch erreichen können.“ Emotional zum Großteil gut genährt von den Eltern, aber auch gebeutelt von Instabilität durch Krisen aller Art – von Eurokrise,

Klimakrise bis Bildungskrise –, so skizziert Bund ihre Generation. „Job bietet statt lebenslanger Sicherheit nur noch vorübergehende Beschäftigung. Und auf die Unsicherheit, die wir als Dauerzustand erleben, reagieren wir mit einem starken Glauben an uns selbst.“ 

SCHERE AM ARBEITSMARKT
Die sogenannte „Generation Y“ hat aber nicht nur die Ressourcen, sondern auch aufgrund der Arbeitsmarktbedingungen die Macht, etwas zu verändern. Davon ist Wolfgang Kowatsch, Geschäftsführer der Karriereplattform „Careesma“, überzeugt. „Es gibt eine große Schere am Arbeitsmarkt: einerseits viele Arbeitslose, andererseits aber auch einen Mangel an Fachkräften. Manche Firmen haben Probleme, Fachkräfte zu finden, und machen daher notgedrungen Zugeständnisse. Denn tun sie es nicht, verlieren sie die Fachkräfte an die Konkurrenz.“

Aus Not passiert also so manche Veränderung aufseiten der ArbeitgeberInnen im Sinne der Generation Y. Darüber hinaus steht der Umbau zu neuen Werten in Unternehmen häufig noch auf wackeligen Beinen. Kowatsch erzählt von heißen Diskussionen auf Fachveranstaltungen: „Man ist sich im Grunde einig, dass es einen Wertewandel gibt, aber die meisten sind noch nicht so weit, ihm entsprechend zu begegnen, weil es wenig Erfahrung gibt, wie das gehen kann, oder weil der Mut fehlt.“ Laut Kowatsch ist der Anspruch an effizientes Arbeiten die wesentliche unternehmerische Umsetzungsbremse. Dahinter steckt die Angst, dass mit flexiblen Arbeitszeiten und -orten nicht das Gleiche an Leistung herauskommt. Kowatsch gibt zu, dass er sich selber manchmal bei dieser Sorge ertappt, wenn sein Generation-Y-Team sich wünscht, zu Hause oder nur noch vier Tage in der Woche zu arbeiten.

Dass die Gruppe der SinnsucherInnen groß ist, davon zeugen einige spezialisierte Jobplattformen, wie etwa Talents4Good, die in den letzten Jahren gegründet wurden. Hier findet man Jobs aller Karrierestufen im sozialökologischen Sektor, bei denen gesellschaftliches Engagement und nicht kommerzielle Profitmaximierung im Vordergrund steht. 

PROFESSIONELLE SINNSUCHE
Was von den BewerberInnen als sinnstiftend empfunden wird, ist dabei sehr individuell. „Oft wird das von der eigenen Historie bestimmt. Manche Bewerber hängen ihr Herz an den Umweltschutz, andere an den Kinderschutz und wieder andere sind ganz offen“, beobachtet Talents4Good-­Geschäftsführerin Anna Roth-Bunting. „Am allerwichtigsten ist aber das

Gefühl, nicht nur ein Rädchen in einer großen Maschinerie zu sein, sondern etwas zu bewegen. Etwas zu hinterlassen. Stolz auf das zu sein, was man schafft.“ 

Top ausgebildete FinanzbuchhalterInnen oder PR-ExpertInnen mögen die Freiheit haben, zu wählen, aber wie ist das mit weniger qualifizierten Positionen, in denen kein MitabeiterInnen-Mangel herrscht? „Auch als Sekretärin kann ich mir ein Unternehmen aussuchen, das keine Waffen produziert oder das nicht im Chemiesektor unterwegs ist. Oder als Kassiererin kann ich bei einem Biosupermarkt arbeiten. Ich bin davon überzeugt, dass jede und jeder sein Plätzchen finden kann. Diese Jobs sind nicht immer leicht zu finden, aber die Leidenschaft, die man für sein Herzensthema mitbringt, kann Berge versetzen“, ist Roth-Bunting überzeugt. 

NEUE STATUSSYMBOLE
Wie aber sieht es mit den Insignien einer klassischen Karriere aus? Gutes Gehalt, Dienstwagen, teure Handys und vieles mehr? Die sind im Sinnsektor eher rar. Ist das der Generation Y wirklich vollkommen egal? Roth-Bunting plädiert sehr für faire Gehälter im sozialen Sektor, um die Familie gut ernähren und für die Altersvorsorge etwas zurücklegen zu können. Darüber hinaus sagt sie: „Wir haben viele BewerberInnen aus der ‚traditionellen Wirtschaft‘, denen sehr bewusst ist, dass sie Gehaltseinbußen hinnehmen müssen. Aber sich nicht jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit die Sinnfrage stellen zu müssen, ist ihnen viel wert.“ Mit sinnvoll-engagierter Arbeit Beschäftigte wissen, sie können am Abend in den Spiegel schauen und behaupten, bei den aktuellen sozialen und ökologischen Schieflagen nicht tatenlos zugesehen zu haben. Und das knappere Budget gleichen sie sinnvoll kreativ aus: mit einer Mitgliedschaft im Tauschkreis statt wöchentlicher Einkaufstouren. Oder mit einer Fahrradtour durch die Toskana statt Schnorcheltrip auf die Malediven. 

Jobplattformen mit Sinn:

  • www.talents4good.org
  • www.thechanger.org
  • www.goodimpact.org
  • www.ngojobs.at

 

Lesen Sie mehr dazu in „Welt der Frau“ 0708/15  – von Christa Langheiter