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Du weißt nicht, wer ich bin<br>Spurensuche in Norwegen zwischen 1943 und 2003

Agnes Gerner ist eine wunderschöne und außerordentlich mutige Frau: Sie arbeitet als Spionin für die Engländer, während sie von einigen Nazibonzen in Norwegen verehrt, ja sogar geliebt wird. Die kleine Kapsel mit dem Zyankali trägt sie stets bei sich: Bevor sie in die Hände der Nazis und ihrer Spitzel fällt, wird sie den Freitod wählen. Die schöne Agnes am Beginn der 1940er-Jahre und der verwirrte, etwas schmuddelige Kommissar Thomas Bergmann hätten einander viel zu erzählen: Beide treten sie für Gerechtigkeit ein, beide Kämpfen sie für Freiheit. Doch am Beginn von Thomas Bergmanns Ermittlungen steht der Fund dreier Leichen, die Frauenleiche ist Agnes Gerner, identifiziert an ihrem Verlobungsring; nur wenige Tage später wird Carl Oscar Krogh brutal hingemetzelt, er, der gerühmte Widerstandskämpfer mit der weißen Weste. Der Vorhang in die Kriegs- und Nachkriegszeit Norwegens wird geöffnet.

Agnes zielte noch einmal auf seine Brust und drückte ab. Sie konnte ihm nicht in den Kopf schießen. Aber das spielte keine Rolle. Der Mann war bereits tot, zwei Kugeln in die Herzgegend hatten gereich. Agnes trat ans Fenster und untersuchte ihr Cape, es hatte kein Blut abbekommen. Als sie die Welrod in den linken Ärmel schieben wollte, begann sie am ganzen Körper zu zittern. Zwei Meter vor ihr saß der leblose Rolborg. Sein Kopf drohte auf die Schreibtischplatte zu kippen.

Wie es um Kaj Holt einst stand, als er exakt am 28. Mai 1945 erfuhr, dass sich in den Reihen der Widerstandskämpfer ein Verräter in prominenter Position befindet, finden wir lesend Kapitel für Kapitel heraus: Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut, MittäterInnen und Menschen, die ihre Taten selbst in drei Jahrzehnten nicht vergessen können. „Niemand ist frei von Schuld“ – diese Aussage steht im ersten Kapitel des verästelten Kriminalromans, dessen deutscher Titel „Der letzte Pilger“ seinen Leserinnen und Lesern gerade so viel Information zuteilt, dass sie die richtige Spur wittern und der falschen folgen. Die, die die Strippen zogen, sind später alte Männer, mit Marotten, einer ein grantiger Alkoholiker, denn niemand, wirklich niemand, wollte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges glauben.

Die Milieus, die hier aufeinanderprallen reichen von Mittelstand nach Neureich, dazu gehört die Familie von Carl Oscar Krogh, der in seinem Leben immer alles richtig gemacht zu haben scheint, wenn auch seine Frau gelegentlich von ihrem schlechten Gewissen geplagt zu sein scheint. Woran erinnert sich die Tochter beim Verhör aus dem so behaglichen Familienleben der Kroghs? Kommissar Bergmann kennt die guten und die schlechten Stadtteile Oslos, findet dort die verwahrlost-kriminelle Tochter von Kaj Holt: Doch auch sie scheint nicht in der Lage zu sein, einen brutalen Mord zu begehen. Bergmann folgt akribisch jeder Spur, fliegt zweimal nach Berlin, auch um seiner neuen Verliebtheit eine Nachdenkpause zu verpassen. Noch nicht reif für eine neue Beziehung? Die alte Liebe noch nicht lange und tief genug betrauert?

Agnes Gerner ist die Hauptperson dieses Krimis, an ihr lesen wir uns durch Krieg und Verbrechen, durch Intrigen, echte Liebe, Tändelei und Leidenschaft. Als sie von ihrer großen Liebe schwanger ist, gerät ihr ohnehin bedrohtes Dasein vollends aus den Fugen: Hier liegt also der Schlüssel zum Geheimnis des damaligen Verräters. Und wenn Agnes noch lebte? Wie lange kann ein Mensch hassen oder wie lange will er hassen?

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Spannung, eh klar, aber richtig gute Spannung. Einen sehr kaputten Kommissar Namens Tommy Bergmann, der mit seiner Gewalttätigkeit seiner letzten großen Liebe gegenüber kämpft, der ein Einzelgänger ist, der witzige Sprüche verteilt und dabei ein verwundbarer großer Bub ist, schlau, gewissenhaft und mit dem üblichen Hang zu Fast-Food der schlimmsten Sorte, also alles zwischen Würstlstand und Würstlstand. Dieser Krimi ist durchdacht, erzählt von der Enttarnung eines einst gefeierten Helden, von Widerstandskämpferinnen in Norwegen gegen die Nationalsozialisten, ein großartiges Frauen-Porträt, das unaufdringlich im Laufe der Ermittlungen eines brutalen Mordes vervollständigt wird.

 

Der Autor ist 1969 geboren und ist Seniorberater im norwegischen Verteidigungsministerium. Er lebt in einem kleinen Ort in der Nähe von Oslo, genauer gesagt in Ytre Enebakk, das erwähne ich nur, weil ich so gerne mir unverständliche Buchstabenkombinationen tippe.

 

 

Gard Sveen:

Der letzte Pilger.

Kriminalroman.

Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob.

Berlin: List Verlag 2016.

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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