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Dudeln für Fortgeschrittene

Die Wiener Sängerin Agnes Palmisano beherrscht die Kunst des Koloraturjodelns. Sie ist damit Botschafterin eines immateriellen Kulturerbes in Österreich, aber ansonsten recht handfest.

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Fröhlich und energiegeladen: Agnes Palmisano beherrscht das Koloraturjodeln, auch Dudeln genannt.

Jede Stimme klingt nach „ihrem“ Menschen. Die von Agnes Palmisano hat eine dunkle Tiefe und eine kräftige Höhe. Als ob sich der Schall von unten nach oben durch die Resonanzräume ihres zarten, fast burschikosen Körpers hinaufschrauben würde und dann fast mühelos zwischen den kräftigen Kiefern den Weg ins Freie nähme. Man stellt sich die Sängerin als energischen, heiteren, tatkräftigen Menschen vor. Indirekt erzählt sie von einer solchen Frau, wenn sie sich in ihrem Programm „Frau Weiler – ein unmögliches Leben“ zu einer historischen Person in Beziehung setzt. Marie Weiler, die langjährige Lebensgefährtin des Dichters Johann Nestroy, war wie Agnes Palmisano Dudlerin. Darüber hinaus aber auch Finanzchefin, Managerin, Haushälterin und Mutter seiner Kinder. Kurz wurde sie von ihm „die Frau“ gerufen, welche Kosenamen er für seine zahlreichen Geliebten hatte, steht auf einem anderen Blatt. In ihrem Programm, das sie mit den „Österreichischen Salonisten“ zusammen erarbeitet und spielt, zieht Agnes Palmisano Parallelen von der Frau Weiler, „der Frau“, zu Agnes Palmisano und der heutigen Frau. Etwa wenn die Sängerin im Programm kurzfristig einen Babysitter engagieren muss, weil der Kindesvater nicht rechtzeitig – wie ausgemacht – nach Hause kommt, oder wenn die Sängerin ihre Lieblingsarie nie zu Ende singen kann, weil immer „etwas“ ist. „Hat sich im Frauenleben gar nicht viel geändert?“, fragt man unwillkürlich.

Das Dudeln hat in Wien eine lange Tradition. In den 1820er-Jahren entstanden, gab es Generationen von berühmten Sängerinnen, die besonders bei Heurigen ihre Gesangskunst unter Beweis stellten. Nicht Opernarie und nicht alpenländischer Jodler, sondern genau dazwischen oder als Mixtur der beiden Gattungen war der Dudler von jeher ein Original. Berühmte Sängerinnen wie Trude Mally oder die Marie Nagl galten im 20. Jahrhundert als die letzten großen Dudlerinnen Wiens. Bis eine neue Generation Sängerinnen in ihre Fußstapfen trat. Agnes Palmisano ist eine von ihnen. Zuerst als Sonderpädagogin ausgebildet, fügte sie später das Gesangsstudium hinzu. Und ja, Tanzen und Schauspielen hat sie auch gelernt.

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Erschienen in „Welt der Frau“ 04/16 – von Christine Haiden