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Ein ganz normaler Vater saß am Küchentisch<br>als die Polizei kam

Wie jeden Dienstag gab es Fisch; einen besonderen Fisch sogar, Martin und seinen beiden Buben hat das Einkaufen am Fischereihafen Spaß gemacht: Jetzt stinkt das Haus nach gebratenem Fisch, alle sind satt und zufrieden. Ein Polizist und eine Polizistin stehen vor der Tür, wollen mit Martin, dem Ich-Erzähler sprechen und schauen sich aufmerksam in dem Häuschen um. Hier die Spielsachen der Buben, dort ihre unfertigen Zeichnungen, dazwischen die wohl platzierten Fragen: Ob er Selma und ihre Mutter kenne? Wann er die 4-Jährige zum letzten Male gesehen habe? Was da vorgefallen sei? Dann gehen die beiden, der Fischgeruch hängt über der Familienidylle sowie der erste Verdacht. Martin, der Ich-Erzähler, hat bei dieser Befragung gelogen, natürlich besucht er seine Exfreundin und deren kleine Tochter; die Exfreundin hat oft starke Depressionen, Kopfschmerzen und schläft schwer ein, da gibt er ihr die Tabletten, zuvor hat er den Sex mit ihr genossen, so weich wie Lillian ist, viel weicher als Gina, die drahtig ist, im Leben, im Handeln, beim Sex und überhaupt. Gina hat früher in einer Band gespielt, da war Martin noch mit Lillian zusammen, später dann hatte Lillian einen Freund, der Schriftsteller war und er und Gina bauten an ihrer Kleinfamilie.

„Kommt heute die Schlange?“ Das hat Selma gefragt. Damit ist die Spur noch einmal ausgeleuchtet, Martin wirkt fürsorglich, er erzählt von seinen Buben, den Besuchen bei seiner Mutter und davon, wie schwierig er es als Schriftsteller hat.

Ich flüsterte, heute Nacht und in allen anderen Nächten solle sie einfach nur schlafen. Sie drehte sich auf die Seite, wie um mich besser sehen zu können, und da piepste ich, dass es mir leid tue, dass sie in der einen Nacht so Schmerzen gehabt habe. Hab dir nie wehtun wollen, piepste ich. Dann sagte ich zu ihr, dass wir uns heute zum letzten Mal sehen würden, oder zumindest miteinander sprechen, und indem ich mich so angestrengt wie möglich bemühte, nicht zu weinen, flüsterte ich, dass sie, bis sie groß sei, nie vergessen dürfe, dass ich ihr nie etwas Böses gewollt hatte. Nie, piepste ich, nie. (S. 45)

Die Andeutungen sind gestreut, die Spannung steigt und plötzlich kapiert man, was genau so neu an diesem Roman ist: Es ist die Perspektive. Es ist ein Täter, der hier schreibt, der sich lange nicht als Täter begreift, der seine Übergriffe auf die 4-jährige Tochter seiner Exfreundin und jetzigen Geliebte schon bereut, ja, schon. Aber ist das ausreichend für die LeserInnen? Keine Verfolgungsjagd, sondern stetes Dahintröpfeln der Handlung, viele Rückblenden in das frühere wilde Leben der Musikgruppe, der jungen Leute, die viele mutige Ideen hatten, die auf Sicherheit pfiffen, sich verliebten: Lillian, die Künstlerin, die zerbrechlich ist, die immer wieder aus der Wirklichkeit fällt, so lange, bis sie der Kindesvater schließlich verlässt und abhaut. Und einen Roman schreibt, den liest der Ich-Erzähler später dann im Gefängnis, ja er ist verhaftet worden, sitzt seine Strafe ab. Inzwischen hat Gina einen neuen Freund, der soll ja jetzt bei ihr und den Buben wohnen. Was die beiden wissen? Gina hat ihnen gesagt, er habe keinen Menschen getötet. Was weiß die Mutter?

Sexuellen Übergriff bzw. Missbrauch aus der Sicht des Täters zu lesen, schafft Distanz zum Geschilderten, lässt Fragen stellen, aber was soll es, Lillian war immer gut mit Schlaftabletten versorgt, die konnte ja nichts merken? Wollte sie nichts merken, was bemerkte Gina? Das sind Fragen, die nicht beantwortet werden. Aber die Geschichte Martins, der gut für seine Söhne gesorgt hat, der sich auch sehr um seine labile Jugendliebe und deren Tochter Selma gekümmert hat, trifft. Da ist einer, der nimmt Vaterschaft ernst, der leidet, dass seine Söhne jetzt ausgegrenzt sind, mit ihm, dem Vater, der im Gefängnis sitzt.

Martin besucht Gina an seinem Geburtstag, die Buben sind da, er ist zu früh, der Garten ist verwildert, die Fenster schmutzig: Rauskommen aus dem Gefängnis, die Strafe abgesessen, gesühnt? Große Fragen wirft der Roman auf, niemals lässt der Autor offen, dass Martin sein Tun bereut, es als falsch erkennt.

 

 

Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: Abgründe neben Idyllen, Differenziertheit, Milieus, Entwicklung von Menschen, Auseinandersetzung mit Schuld, Sühne, Vergebung und Rache, Weiterleiben nach Einbrüchen.

 

Der Autor: ist 1974 in Norwegen geboren, er lebt aktuell in Oslo; dieses Buch ist sein Romandebüt; für seine Erzählungen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

 

 

Bjarte Breiteig:

Meine fünf Jahre als Vater.

Roman.

Aus dem norwegischen von Bernhard Strobel.

Wien: Luftschachtverlag 2016.

 

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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