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Die einen reisen in die weite Ferne – unzählige Flugstunden inklusive. Die anderen erklimmen die höchsten Berge – Sauerstoff exklusive. Der Urlaub soll perfekt sein, das Erlebnis ein besonderes. Doch das Gefühl von Urlaub braucht keinen besonderen Kick, sondern stellt sich dann ein, wenn man gar nicht damit rechnet. Welt-der-Frau-Autorinnen erinnern sich an ein besonderes Gefühl von Urlaub.

 

Leichtes Schweben inklusive

Susanne Schaber hat Germanistik und Anglistik studiert und lebt als Literaturkritikerin und Reiseschriftstellerin in Wien.

In den Buchhandlungen liegen die Anthologien mit den launigen Titeln „Zimmer frei für zwei“, „Fahrtwind“ oder „Mörderische Ostsee“. Die Sonnencreme mit dem Lichtschutzfaktor 30 ist ausverkauft, vor den Schulen warten die voll bepackten Familienkutschen. Stauwarnung

auf der Autobahn, die Transitrouten Richtung Süden sind verstopft. Dazu die Baustellen: einspuriger Verkehr, Unfallgefahr. Auf den Bahnsteigen ist kein Fortkommen mehr, die Zugabteile quellen über. Ferienbeginn.
Der Sommer ist nicht meine Reisezeit, im Sommer bleibe ich zu Hause. Wenn die Stadt träge vor sich hindämmert, zeigt sie sich unverstellter als sonst. Sie muss sich nichts beweisen. Die TouristInnen ziehen weiter ihre Runden, so oder so: Stephansdom, Schönbrunn, Belvedere. Doch dort, wo sich’s wirklich leben lässt, wird es endlich leer. Lokale, in denen man nie einen

Tisch bekommen hat, geben sich zugänglich, Kinos locken mit Fast-schon-Exklusivvorstellungen in angenehm temperierten Räumlichkeiten, FreundInnen haben unvermutet Zeit für spontane Unternehmungen. Die Tage werden langsamer. Die Lust wächst, auf Expedition zu gehen. Mit fremdem Blick durch die Straßen zu streunen und des Abends an den eigenen Herd und ins vertraute Bett zurückzukehren: Auch dort, wo man zu Hause ist, scheint noch längst nicht alles erkundet.
Sommer in der Stadt: ein Versprechen und mehr. Und dieses „Mehr“ macht’s dann aus: Das Gefühl, das mich Jahr für Jahr befällt, wenn sich die Schultore öffnen und Kinder und Jugendliche in die große Freiheit verabschieden. Dann ist sie wieder da, diese vertraute Empfindung, allen Realitäten zum Trotz: Auch ich habe Ferien. Da liegt zwar die Arbeit auf dem Schreibtisch, doch sie legt sich weniger schwer auf Schultern und Gewissen. Vieles geht mir leichter von der Hand, der Schritt wird beschwingter, die Stimmung um drei Grad heiterer als sonst. Unbeschwertheit und Übermut brechen über den Alltag herein und bleiben.
Ferien – das sind nicht allein die freien Tage mit tausendundein Möglichkeiten, sich dem eigenen Rhythmus anzuvertrauen und auf unbekannte Nebenstraßen abzubiegen. Für mich sind Ferien ein Lebensgefühl im Alltag. Neun Wochen in einem anderen Bewusstseinszustand. Ein leichtes Schweben inklusive. Auch mit den Wolken am Himmel lässt sich’s reisen. Wohin’s einen treibt, wird man sehen.

Stürmische Tage

Eva Reithofer-Haidacher arbeitet neben ihrem Hauptberuf bei der Grazer Lebenshilfe als freie Journalistin. Sie ist Mutter zweier erwachsener Töchter und lebt mit ihrem Mann Robert am Stadtrand von Graz. Foto: Baldur

Es ist nicht Paris, nicht Taormina und nicht Dakar. Ausgerechnet Triest fällt mir ein, Triest bei minus 17 Grad und eisigem Sturm. Doch mir wird warm, wenn ich an den Februartag denke, an dem mein Mann und ich beschlossen, trotz schlechten Wetters – das noch dazu von der Adria kam – ins Auto zu steigen und ans Meer zu fahren. Wir wollten weg aus den Zwängen des Alltags, die uns rund um einen

Jobwechsel und einen runden Geburtstag erdrückend schienen. Davon konnte uns auch die Bora nicht abhalten, die uns mit gefühlten 100 km/h Geschwindigkeit empfing, als wir in der Altstadt von Triest ankamen.
Kurze Zeit später sollte uns der Besitzer des gemütlichen Lofts, in dem wir Unterschlupf gefunden hatten, erklären, dass just an diesem Tag in der Stadt der Katastrophenalarm ausgerufen worden war, Schulen und Kindergärten waren geschlossen. Die Wassertropfen in unserem Gesicht schmeckten salzig. Rasch heizten wir ein und kuschelten uns in eine große, warme Wolldecke. Auf ZDF lief ein Louis-de-Funès-Film aus dem Jahr 1964. Wir lachten Tränen und erinnerten uns an unsere Kindheit, als wir den „Gendarmen von Saint Tropez“ über den Bildschirm zappeln sahen. Später wagten wir uns aus dem Haus. In der kleinen Osteria um die Ecke tranken wir Rotwein und aßen Nudeln mit Pilzen.
Drei Tage dauerte der Sturm, genauso lange unser Urlaub. Wir genossen ihn: kein Programm, kein Besichtigungsstress, kein Touristenwirbel. Wir gingen ins Kaffeehaus, wir lasen Bücher, wir hatten Zeit zum Plaudern und zum Schlafen, Zeit füreinander, und auch jeder für sich allein hatte Zeit. Der Radius, in dem wir uns bewegten, war klein, das Auto blieb verschlossen – dachten wir zumindest. Denn als wir aufbrechen mussten, war der Autoschlüssel nicht auffindbar. Alle Hosen-, Reise- und anderen Taschen durchwühlten wir ergebnislos, da fiel mein Blick ins Autoinnere. Dort steckte er im Zündschloss; wir hatten ihn angesichts des Sturms drei Tage zuvor im unversperrten Auto vergessen. Wir sahen einander an, lachten schallend und wussten in dem Moment: Das Wiederbewusstwerden ähnlicher Ansprüche und Bedürfnisse, des Wohlbefindens in der Zweisamkeit, das war das eigentliche Geschenk dieser Urlaubstage.

Denn wahres Glück ist einfach

Waltraud Prothmann-Seyersbach ist ständige freie Mitarbeiterin im Kunstmagazin „Art Quarterly“ und bei „Welt der Frau“. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Salzburg.

Es heißt ja, je länger ein schönes Erlebnis her sei, umso wunderbarer würde es uns erscheinen. Wie immer: Wir waren zum Schnorcheln auf den Malediven, bei den leuchtenden „Gates“ von Christo in New York und auf Safari in Kenia. Alles war toll, aufregend, exotisch – und ziemlich teuer! Und dennoch: Die fröhlichste, die wirklich allerglücklichste Ferienzeit hat uns vor vielen Jahren ein bescheidener Urlaub in der Kärntner Region um Mallnitz geschenkt.

Es war ein selten heißer Juli. Ich hatte drei Wochen frei und das Glück, von der Bausparkasse Wüstenrot, in deren Presseabteilung ich damals beschäftigt war, eine Unterkunft für Angestellte mieten zu können – zu einem unglaublich günstigen Preis.
Der geräumige Bungalow stand auf einer Anhöhe am Waldesrand, war umgeben von samtigem Almboden und eiskalten Bächen und befand sich unweit eines versteckt und verträumt liegenden kleinen Sees. Das Haus verfügte über so viel Platz, dass es sich geradezu anbot, zu unseren beiden Mädchen noch eine Freundin unserer kleineren Tochter und unsere von allen geliebte Freundin, Wahltante und „Leihoma“ mit einzuladen. Edith war damals schon weit über achtzig, trotzdem konnte sie immer noch behände über Weidezäune klettern, und wenn es darum ging, Staudämme zu bauen und Sandknödel zu backen, hockte sie mit den Kindern selbstvergessen und voll jugendlicher Begeisterung in der Wiese oder am Ufer, während mein Mann und ich uns im tiefen Gras ein duftendes Bett einrichteten und dort stundenlang ungestört lasen.

Ab und zu fuhren wir zum Einkaufen in den Ort. Die regionalen Produkte waren köstlich, frisch und preiswert. Es gab am selben Tag geangelte Forellen. Zwischen groben Steinen wurde allabendlich ein Feuer entzündet; dann wurde alles Mögliche und Unmögliche auf kleine Stecken gespießt und gebraten. In keinem Restaurant hatte es uns je besser geschmeckt!
Jeden Tag fanden wir frische Walderdbeeren und Heidelbeeren. Manchmal wanderten wir in die nahen Berge. Wenn die Kinder müde wurden, sanken sie einfach ins kühle Moos oder auf einen von der Sonne gewärmten Hüttenboden und schliefen auf der Stelle ein.
Es waren die Einfachheit und die Ruhe, die uns so glücklich machten.
Es war die unberührte und vielfältige Natur mit ihren vielen Tieren und geheimnisvollen Geräuschen, die in den Kindern Ideen und Anregungen weckte. Sie bauten und bastelten, sammelten und gestalteten – mit einfachsten natürlichen Dingen, die sie im Wald fanden.
Vielleicht spielten auch gewisse Gegensätze eine Rolle, die diese Sommerwochen so besonders machten und nie langweilig werden ließen: Zwei neugierige Mädchen von acht Jahren im ständigen Austausch mit einer gütigen, lebendig erzählenden und lebensklugen alten Frau; eine Fünfzehnjährige, die sich unterwegs zum ersten Mal ein wenig verliebte; mein völlig entspannter Mann, der am offenen Feuer zum Abenteurer, zum Holzfäller und beim Durchwandern der Rinderherden zum mutigen Beschützer wurde – und schließlich ich, die als Pilze-, Beeren- und Kräutersammlerin ihr Glück über die Freigebigkeit der Natur nicht fassen konnte.
Sicher spielte auch die ungewöhnliche Sommerhitze, wie wir sie in unseren Breiten kaum kannten, mit den zugleich eiskalten Bächen, dem dunklen Bergsee und den ausgedehnten, schattigen Wäldern eine Rolle. Wir fühlten uns aufgeheizt und gleich wieder wunderbar erfrischt, ein sehr belebendes Wechselspiel.
Unsere Kinder sind längst erwachsen. Edith ist schon vor Jahren gestorben. Aber wann immer uns Tanja, die Freundin unserer Tochter, die damals mit uns war, besucht, kommen wir auf diese unvergesslichen Ferien zu sprechen.