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Ein  K.o. ist nicht so schlimm

„Golden Baby“ Eva Voraberger ist die erste Österreicherin, die einen Weltmeistertitel im Frauenboxen nach Hause brachte. Ein Treffen und fünf Lektionen in Sachen Faustkampf.

Das sieht hart aus. Liegestütze in Kombination mit Hanteltraining. Hinten sind die Beine breit auf den Boden gestemmt, vorne die Hände auf zwei riesigen Hanteln abgestützt. Sie beugt die Arme, geht hinunter, und beim Hinaufdrücken bleibt nur ein Arm zur Stütze am Boden, der andere löst sich und hebt die Hantel mit hoch. Allein vom Zuschauen beim Demovideo wird einem da mulmig. Mächtige Oberarme hat sie, voll mit bunten Tätowierungen, die sich die Arme hinab und über das linke Bein ziehen. Beim Kampf, wenn sie die Fäuste nach vorne nimmt, den Kopf mit den streng zurückgeflochtenen Haaren etwas senkt, sieht das bullig aus, ziemlich unheimlich. Man möchte da besser nicht in der Schusslinie stehen.

© Boxteam Vienna

© Boxteam Vienna

Wer Eva Voraberger auf Kampf- oder Trainingsvideos anschaut, könnte sich fürchten vor etwas Unangenehmem, Hartem. Aber dann, morgens um 7.50 Uhr in einem Sportklub im tiefsten 22. Wiener Gemeindebezirk, am Rande der Welt, winkt fröhlich eine eher zarte, freundliche Person „Hallo“. Voraberger hat da schon eine Stunde Herz-Kreislauf-Training hinter sich und wirkt entspannt und sanft, als käme sie gerade aus einem Wellnesspool. Sie ist, merke ich beim Gespräch, vor allem eines: komplett nett. Da muss man wohl ein paar Vorteile über das Boxen fallen lassen und mindestens fünf Lektionen lernen. Die erste heißt: Ein K. o. ist nicht so schlimm. 

DICKSCHÄDEL
Seit rund acht Jahren boxt Eva Vora­berger professionell, mit 17 hat sie angefangen. Wir kommen noch darauf zurück, jetzt aber erzählt sie von ihrem ersten Wettkampf, bei ihrem alten Verein noch, dem Fightclub Graz. Sie ist vollkommen unbedarft in dieses Duell gegangen. Das war nicht lustig, denn ihre Gegnerin damals war 20 Jahre älter als sie und zwei Gewichtsklassen schwerer. Vier oder fünf Kilo, das macht viel aus. Jedenfalls ging Voraberger gleich in der ersten Runde zu Boden, ein Schlag gegen das Kinn, und weg war sie. „Das merkt man gar nicht, so schnell geht das“, sagt Voraberger und schnippt mit den Fingern, „es ist ein kurzer Blackout und tut auch nicht weh.“ Ein bisschen Kopfschmerzen hatte sie am nächsten Tag, aber an sich ist „ein K. o. nichts Schlimmes“.

Damals wollte sie sofort wieder in den Ring und gleich noch einmal gegen diese Gegnerin antreten. Hat sie gar nicht eingesehen, warum sie der den Platz überlassen sollte. Denn Vora-
­berger ist, wie sie sagt, ein „sehr, sehr großer Dickschädel“. Was sie sich vorgenommen hat, muss eben auch passieren. In den Kopf hat sie sich gesetzt, dass sie den Kampf gewinnt. „Wenn ich das doch will“, sagt sie. Das ist ganz einfach. Sie denkt überhaupt nicht daran, dass sie eventuell verlieren könnte. Keine Sekunde. Zögern wäre auch schlecht und Nachdenken sowieso, denn Denken – hier haben wir die zweite Lektion – ist im Ring eher hinderlich. „Ich kann nicht in den Kampf gehen und fragen: ‚Will ich das jetzt? Was mach ich jetzt?‘“ Im Kampf musst du da sein, ganz präsent, der Körper muss reagieren, die gelernten Abläufe abspulen, schneller, als jedes Nachdenken überhaupt sein kann. 

© VOHLAgraphy

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DIE FETTEN GÜRTEL
Das Profiboxen ist nicht durch eine zentrale Organisation geregelt, sondern über verschiedene Boxverbände, die jeweils auch ihre Weltmeistertitel vergeben. Seit Juni letzten Jahres hält Eva Voraberger – als erste Österreicherin überhaupt – den Weltmeistertitel im Superfliegengewicht (52,1 Kilogramm) der Verbände WIBF (Women’s International Boxing Federation) und WBF (World Boxing Foundation). Diese Titel und ihre Trophäen, zwei breite Champion-Gürtel, muss Voraberger jetzt verteidigen. Dramatisch war im November der Kampf gegen die Ungarin Renáta Dömsödi, denn die renkte ihr durch einen Kinnhaken gleich in der zweiten Runde den Kiefer aus. Voraberger rappelte sich hoch, kämpfte noch acht Runden weiter und gewann nach Punkten. Ein Profi-Frauenboxkampf dauert, wenn er sich nicht vorher durch ein K. o. entscheidet, zehn Runden von jeweils zwei Minuten Länge. Punktrichter bewerten die Schläge und die Treffer gegen Kopf und die Vorderseite des Oberkörpers, die dann ausschlaggebend sind für den Sieg.

TECHNIK, TAKTIK, DISZIPLIN
Kämpfe wie gegen Dömsödi oder auch gegen die deutsche Titelverteidigerin Rahja Amasheh sehen, von außen betrachtet, schon recht brutal aus, ziemlich böse. „Ach was“, sagt Voraberger, „die Schläge sind gar nicht so hart“, und wir lernen Lektion drei: Boxen hat nichts mit Wut oder Aggression zu tun. Wer wütend ist, hat schon verloren. „Wenn du wild auf jemanden zugehst, bist du viel zu offen“, sagt Voraberger. Boxen dagegen ist Technik, Taktik und Disziplin. Selbst bei Mike Tyson, dem wohl brutalsten aller Schwergewichtsboxer, sei alles durchdacht, „der weiß genau, was er tut“, sagt Voraberger und lächelt.

Sie lächelt, ja lacht geradezu, auch bei dem Wort „Disziplin“. Denn die hat sie durchs Boxen gelernt, und das taugt ihr. Der Tagesablauf einer Profisportlerin ist streng geregelt, zwei Trainingseinheiten absolviert Voraberger täglich. Der erste Block beginnt, nach einem leichten Frühstück, morgens um sieben mit Ausdauer-, Kraft- und Fitnessübungen. Voraberger hat sich – zusammen mit ihrem Partner Kim Poulsen – gleich hier im 22. Bezirk in der Nähe des Boxklubs eine Wohnung gesucht. Leistungssport macht hungrig und müde. Daher besteht der weitere Tag nach dem Frühtraining zumeist aus Schlafen und Essen, bis von 16.00 Uhr bis 18.00 Uhr die zweite Übungseinheit mit Sparring und Boxtraining beginnt. Dieser Ablauf ist immer gleich, an sechs Tagen in der Woche, der Sonntag ist frei. Und genau so ist es gut, meint Voraberger. Manchmal quäle sie sich beim frühen Aufstehen, aber sie weiß ja, wofür sie das alles tut. Ihr Leben dreht sich immer nur darum, Körper und Geist auf den nächsten Kampf vorzubereiten. Am 30. Mai wird sie ihren Titel verteidigen müssen und im steirischen Leibnitz auf ihre Herausforderin, die Serbin Nina Stojanovic, treffen. Nervös wird Voraberger sein vor dem Kampf, Nervosität ist gut und hilfreich, aber Angst hat sie nicht. „Ich freue mich auf den Kampf“, sagt sie. Oder auch so: „Ich bin hungrig auf den Kampf.“

GANZ ENTSPANNT
Trotz der martialischen Sprache – „hungrig auf den Kampf“ – wäre noch die Lektion vier zu lernen: Boxen entspannt. „Alle, die mich noch von früher aus Graz kennen, sagen: ‚Hörst, du bist so ruhig jetzt‘“, erzählt Voraberger. Das Boxen habe ihr Leben „um 180 Grad“ verändert. In der Pubertät war sie extrem unruhig, unausgeglichen, auf der Suche. Ihre Mutter, zu der Voraberger ein enges Verhältnis hat, „würde wohl lieber noch vier weitere Söhne bekommen wie meinen Bruder statt noch ein weiteres Mädchen wie mich“, vermutet sie. Dann aber entdeckte Voraberger im Fightclub Graz das Thaiboxen, und das war wie eine Offenbarung. Jeden Tag ging sie nun zum Training, „klemmte sich richtig dahinter“, fuhr mit zu Wettkämpfen. Eher pro forma beendete sie nach der Mittelschule noch eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Aber in diesem Beruf kann man sich Voraberger schlecht vorstellen. Sie will eben boxen, nichts anderes als das. Sie denkt nicht daran, was später einmal wird, was nach ihrer Sportkarriere kommen könnte. Ihr Blick in die Zukunft reicht nur bis zum nächsten Kampf. Warum sollte sie auch weiter denken? Sie ist genau da, wo sie immer sein wollte. Ihr großes Vorbild war die deutsche Ex-Boxweltmeisterin Regina Halmich, und Voraberger träumte davon, als erste Österreicherin den Weltmeistertitel zu gewinnen. „Und jetzt habe ich Halmichs Gürtel“, sagt Voraberger, kann es vielleicht doch nicht ganz fassen und freut sich einfach. Sie leuchtet von innen.

BIS UNTER DIE HAUT
Richtig los und schnurstracks bergauf ging es für Eva Voraberger, als sie 2009 von Graz nach Wien wechselte, zum Boxteam Vienna und zu ihrem Trainer Peter Pospichal. Ein guter Trainer, sagt Voraberger, versucht nicht, deinen Stil zu verändern, sondern ihn zu verfeinern. Er kümmert sich um dich, sorgt für dich. Obwohl dieser Sport eher einsam aussieht und „man im Ring eh allein ist“, heißt Lektion fünf doch: Boxen ist ein Teamsport.

Die fröhliche Gelassenheit, die Voraberger ausstrahlt, hängt wohl auch damit zusammen, dass sich das Boxteam Vienna mit seinen zehn ProfisportlerInnen und vier Trainern für sie „wie eine Familie“ anfühlt. Auch der dänische „Golden Boy“ Kim Poulsen, Vorabergers Freund, ist nach Wien gezogen und mittlerweile bei demselben Boxklub unter Vertrag. So wohnen und trainieren sie zusammen und führen ein Leben für das Boxen. Dem Team, dem Sport, dem Sieg hat Voraberger ihren Körper hingegeben und in gewissem Sinn auch ihre Haut. Denn die Bilder, Schriftzüge und Muster, die sich als Tattoos über ihre Arme und das linke Bein ziehen – eine feine asiatische Dame auf dem linken Unterarm fällt auf –, erzählen von ihrer Passion, den Erinnerungen an die Kämpfe. Das Logo des Vereins – ein Säbelzahntiger – ist hier natürlich ebenso eingraviert wie Vorabergers Boxerinnenname: „Golden Baby“.

© Florian Biber

© Florian Biber

HÜBSCHE FRAUEN
Die alte Frage, ob Boxen denn überhaupt etwas für Frauen sei, ist schnell abgehakt. Es sei ein Sport wie jeder andere auch. „Frauen können so boxen wie Männer, von der Technik, von allem her“, sagt Voraberger. Trotzdem seien Männer körperlich natürlich überlegen, auch innerhalb derselben Gewichtsklasse. Das stört Voraberger aber nicht, und es ärgert sie auch nicht besonders, dass die Gagen der männlichen Kollegen ungleich höher sind. Fürs Geld boxt sie sowieso nicht. Sie wird nicht reich mit ihrem Beruf, aber ihre drei Sponsoren zahlen genug, dass sie angenehm davon leben kann.

„Unweiblich“ findet die Weltmeisterin das Boxen also keinesfalls, und das gilt auch für die Ästhetik. „Die meisten Frauen, die boxen, sind eigentlich hübsch“, findet Voraberger und inszeniert sich selbst auch gerne fesch und goldglitzernd. Eigenartig aber sei, was die Boxhandschuhe mit ihr machen. Ein Fotograf habe sie einmal zuerst im Kleid fotografiert, da wirkte sie nett und zart. Aber sobald er ihr die Handschuhe anzog, veränderte sich ihr Gesicht. Es wurde klarer, konzentrierter, bestimmter. Sobald Voraberger die Handschuhe, ihr Arbeitswerkzeug, anlegt, ist sie der Profi, die Puncherin, die weiß, was sie will. Nach vorne gehen, direkt, ohne Zögern und Zweifeln, das ist ihr Stil. Sie ist auf gelassene Weise fröhlich dabei.

DAUMEN DRÜCKEN
Auf dem Weg nach draußen, die Sonne scheint wunderbar, nehmen Voraberger (sie sitzt am Steuer) und Poulsen mich noch ein Stück in ihrem kleinen Sportwagen mit. Dummerweise fährt die Polizei hinter uns her, wir können nicht inkorrekt abbiegen, um zur nächsten U-Bahn-Station zu kommen, und verfahren uns. Nein, Eva wird mich nicht einfach irgendwo absetzen, sie kurvt so lange herum, bis endlich eine U-Bahn gefunden ist. Sie hat versprochen, mich dort abzusetzen, und was sie sagt, das tut sie auch. Das ist ihr Dickschädel. Wenn dieser Text hier erscheint, wird man schon wissen, ob sie im Kampf gegen Nina Stojanovic ihren Titel verteidigen, den Champion-Gürtel behalten konnte. Ich wünsche es ihr sehr und drücke fest die Daumen.

Erschienen in „Welt der Frau“ 06/15 – von Andrea Roedig