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Hundert Punkte im Schwammerl-Weitsuchen oder: Wie aus einem einzigen Parasol ein gigantischer Triumph werden kann.

Es war einer dieser südsteirischen Herbsttage, an denen der Morgennebel wie eine Daunendecke über die Hügel gebreitet liegt. Erst nach und nach riss die Sonne Löcher ins dichte Grau, und schräge Sonnenstrahlen ließen Lichtflecken in den Kürbisfeldern, Weinbergen und Buchenwäldern aufblitzen. Schließlich löste sich der Nebel ganz auf, und das hügelige Auf und Ab der Landschaft verwandelte sich in ein einziges herbstliches Leuchten in Braun-, Gelb- und Orangetönen. Ich war sechs oder sieben Jahre alt und bei meiner Großmutter mütterlicherseits zu Besuch, die damals in der Südsteiermark lebte. Wenn ihre Arbeit es erlaubte, tuckerten wir mit ihrem metallicblauen VW-Käfer durch die Gegend, von Bauernhof zu Bauernhof, von Flohmarkt zu Flohmarkt, von Altwarenhändler zu Altwarenhändler. Sie war – bei uns eine weitverbreitete, mit großer Umsicht gehegte Familienkrankheit – eine Sammlerin und stets auf der Suche nach alten bäuerlichen Krügen, glasierten Krapfenformen, bemalten Hochzeitstruhen, mundgeblasenen Mostflaschen, gravierten Zinntellern oder Heiligenbildchen in Form von Hinterglasmalerei.

Ich mochte diese Ausflüge sehr; trotz oder vielleicht sogar wegen der gelegentlich aufkeimenden Langeweile, denn natürlich hatte ich nichts zu tun, wenn meine Großmutter mit einem Bauern oder Händler in das lange Ritual des Feilschens um einen – sagen wir – dreibeinigen, hölzernen Melkschemel verwickelt war. Ich stand dabei und herum, betrachtete die sonnengelben Kukuruzzöpfe, die von den Holzbalken der Bauernhäuser herunterhingen, und schaute. An diesem Tag war meiner Großmutter irgendein Stück durch die Lappen gegangen. Sie war verstimmt und hatte es eilig, nach Hause zu kommen. Wieder knatterten wir mit dem blauen Käfer durch die Kürbisfelder und Weinberge, im stetigen Auf und Ab, bis wir in den sonnengesprenkelten Schatten eines hohen Buchenwaldes einfuhren. Die Großmutter klebte verdrossen hinter der Windschutzscheibe, ich saß hinter ihr auf dem Rücksitz und schaute aus dem Fenster. Plötzlich blitzte mich von tief drinnen im Wald ein helles, rundes Etwas an. Zugegeben, von ziemlich weit drinnen. „Oma“, brüllte ich und fuchtelte mit den Armen, „bleib stehen! Ich hab einen Riesenparasol gefunden!“ Von vorne grummelte meine Großmutter unwillig irgendetwas von wegen „Aha“ und „Nicht sehr wahrscheinlich auf die Entfernung“ und „Zahlt sich nicht aus, deswegen stehen zu bleiben“. Mit anderen Worten: Meine Meisterleistung im Schwammerl-Weitsuchen ließ sie, die sonst viel Sinn für das Spiel vom Suchen und Finden hatte, völlig kalt. Sie hatte keine Lust wegen etwas, was sich ohnehin als Fehlschlag entpuppen würde, die Heimfahrt zu unterbrechen. Ich hingegen war mir bombensicher. Ich schimpfte, ich zeterte, ich flehte, ich heulte. Wir waren schon gut einen halben Kilometer weiter, als sie nachgab, wendete und zurückfuhr. Sie hatte diesen leisen Ausdruck (groß)elterlichen Du-wirst-schon-sehen-dass-ich-recht-gehabt-habe-Triumphs in den Augen. Ich auch. Ich wollte meinen Parasol wiederfinden. Ich musste ihn finden. Und ich fand ihn. Der Sieg war riesig, der Pilz auch. Abends bekam ich ihn, in Butter herausgebraten, mit Petersilie, Salz und Pfeffer serviert. Ich aß ihn ganz allein. Ich hatte ihn verdient. Auf mir ruhte der milde Blick meiner Großmutter, die das auch fand.


Erschienen in „Welt der Frau“ 10/2012 – von Julia Kospach