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Ein mexikanischer Meskal-Brenner erzählt, wie er sich sein Leben vorstellt: Schnapsideen sehen anders aus.

Vor Kurzem blieb ich bei einer TV-Dokumentation über zwei Mexikaner, Vater und Sohn, hängen, in deren Familie seit Generationen Meskal hergestellt wird. Ich war zufällig in die Sendung hineingetappt und schaltete nicht wieder weg, weil mir die konzentrierte Bedächtigkeit gefiel, mit der die beiden Männer ihrer Arbeit des Agavenschnapsbrennens nachgingen.

Sie schlugen mit langsamen, gezielten Hieben die Blätter der Agaven ab, bis nur mehr die großen Pflanzenherzen übrig waren, schichteten diese in eine mit heißen Steinen ausgelegte Grube, legten Palmmatten und Erde darüber und ließen die Herzen darin unter gleichmäßiger Hitze zehn Tage lang weich schmoren. Danach führten sie einen Maulesel im Kreis, der einen großen Mahlstein bewegte, mit dem die gegarten Agaventeile zu einem groben Brei zerrieben wurden, und trugen den Brei schließlich Kübel für Kübel zu ihrer Destillieranlage.

Der Vater schien der Lebhaftere von beiden zu sein. Verschmitzt und kenntnisreich sprach er immer wieder direkt in die Kamera. Seinen zerbeulten Strohhut kühn aus der Stirn geschoben, erzählte von Luftbläschen, an denen er die Qualität seines Schnapses ermessen könne, sprach von den unterschiedlichen Aromen verschiedener Agavenarten und von der Lagerung großer, gläserner Meskal-Flaschen in Erdlöchern, wo der Schnaps Jahrzehnte überdauern könne, ohne an Güte und Geschmack einzubüßen. Man sah ihn nachts unter Neonlicht angezogen auf einer Matte liegen, den Kopf in unmittelbarer Nähe des Röhrchens, aus dem der fertige Schnaps herauströpfelte. Immer wieder stand er auf, kontrollierte und regulierte und legte sich wieder hin. Seine Bewegungen waren ohne jede Eile, geübt und gezielt.

Ebenso wie die seines Sohnes. Der Sohn war auf den ersten Blick weniger zugänglich als der Vater. Er lächelte seltener. Er hatte ein rundes Gesicht, schmale, dunkle Augen, und seine Lippen waren dramatisch geschwungen. Wie sein Vater beschrieb er alle Vorgänge ausführlich, ruhig und genau. Er erzählte auch von seinem bisherigen Leben. Er sagte, er habe einige Jahre in den USA gearbeitet und dort gut verdient, besser als zu Hause mit dem Meskal-Brennen. Er sei dort, wie überall sonst auch, freundlichen und unfreundlichen, guten und schlechten Menschen begegnet. Aber es sei ihm klar geworden, dass fast alle AmerikanerInnen im Grunde ihres Herzens die MexikanerInnen verachteten. Er sagte das ohne Eifer und Groll. Der Satz klang, als hätte er ihn als Tatsache akzeptiert. Hier in Mexiko verhielten sich die Dinge für ihn anders. Die Leute wüssten, dass man jahrzehntelange Erfahrung, viel Wissen und Gefühl brauche, um einen guten Meskal zu machen. Ein „mezcalero“ gelte als Meister. Das, sagte er, erlaube ihm ein würdevolleres Leben. An der Art, wie er es sagte, konnte man ablesen, dass er nicht den geringsten Zweifel am Wert dieser Würde für sein Leben hatte.
Ich umgekehrt habe schon lange niemanden mehr über die Frage sprechen hören, ob man das eigene Leben als würdevoll empfindet. Oder darüber, dass der Wunsch danach zum Vehikel einer Veränderung geworden wäre. Oder dringend werden sollte. Würde und das Zeitalter der Ironie vertragen sich offenbar schlecht. Ich habe seither fast jeden Tag an den mexikanischen Schnapsbrenner gedacht. Mit Zuneigung, einem starken Gefühl der Befriedigung über seine Entscheidung – fast so, als wäre es meine eigene – und gemischt mit einem Schuss Neid. Schauen wir einmal, was daraus wird.


Erschienen in „Welt der Frau“ 4/2013 – von Julia Kospach