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TEXT: Christa Langheiter

Trotz Handy und Computeralltag sind Füllfedern, Kugelschreiber und Bleistifte noch nicht von der Bildfläche verschwunden. Drei Frauen sprechen über das Vergnügen, mit der Hand zu schreiben.
Foto: thinkstock.com, Foto: Rainer Berson

Ich mag das, wenn der Kalender voll ist, es sieht hübsch und übersichtlich aus und hat etwas Persönlicheres als am Computer“, sagt Nelly Schnögl, die mit ihren 16 Jahren eigentlich der „Generation iPad“ angehört. Aber obwohl das Arbeiten am Computer für sie selbstverständlich ist, hat sie ein Faible für das Schreiben mit der Hand. Sie hat immer Zettel und Stift dabei für den Fall, dass sie etwas aufschreiben möchte, und sie hat ganz spezielle Vorstellungen von ihren Schreibwerkzeugen: „Am liebsten schwarze, manchmal blaue Kulis, die saftig und nicht dünn und kratzig schreiben.“ Seit acht Jahren schreibt sie mit denen auch in ihr Tagebuch, um sich Klarheit über sich selbst zu verschaffen oder mit etwas abzuschließen. Wenn sie viel Ruhe hat, lässt sie den Kuli links liegen und greift zum Bleistift. Der passe auch besser zur Natur, meint sie. In jedem Fall findet sie einen Stift persönlicher als die Tastatur, Stifte kann man angreifen, sie riechen und sie drücken sich durch. Ihr kämen am Computer nicht so viele Wörter in den Kopf, meint sie.

Das Sinnliche spielt auch für Beate Dorau eine Rolle beim Schreiben. Die 41-jährige GerAnimations-Trainerin hat zahlreiche Billets und Karten gesammelt, geordnet nach Themen, und Kuverts in allen möglichen Farben, manche selbst gemacht. So hat sie immer etwas Passendes, wenn sie jemandem einen persönlichen Gruß schreiben möchte, was sie immer noch regelmäßig tut. „Ich schicke dann ein Stück von mir, wenn ich nicht persönlich dort bin“, erklärt sie. Das Schreiben an FreundInnen und Familie hat Tradition in ihrem Leben und auch Bedeutung. Als sie nach der Matura ein Jahr nach London ging, schrieb sie lange Briefe nach Hause, insbesondere an eine Schulfreundin. „Erst dadurch sind wir wirkliche Freundinnen geworden. Durch die Briefe ist Nähe entstanden.“ Und macht sie das nun per Mail? „So persönliche Mails schreibe ich nicht. Wo sind die Geschichten jetzt eigentlich?“, antwortet sie nachdenklich.

Schriftbild ist Erinnerung
„Mit der Hand zu schreiben ist so etwas Intimes und Persönliches“, sagt Christina Stadlbauer. Die 43-Jährige erinnert sich an eine Situation, als sie vor Kurzem auf einem Gipfel war und in ihrem Tourenbuch die Handschrift einer verstorbenen Freundin gesehen hat: „Auf einmal war die Freundin wieder da.“ Aber auch wenn sie ein abgegriffenes Buch aus dem Jahr 1986, das überall dabei war, aufschlägt, empfindet sie Intimität. Das Gefühl von damals ist für sie sofort wieder da, obwohl sie nur stichwortartige Notizen gemacht hat. „Meine Schrift verändert sich je nach Gemütslage. Sobald ich meine Schrift sehe, weiß ich, wie ich drauf bin. Die Schrift ist wie ein Spiegel.“

In ihren Schul-Workshops ermutigt die Kalligrafin Claudia Dzengel Kinder, ihre persönliche Handschrift zu entdecken und einen positiven Zugang zum Schreiben mit der Hand zu entwickeln.

Mit der Hand schreiben

Kinder wachsen heute selbstverständlich damit auf, eine Tastatur zum Schreiben zu benützen. Die Kalligrafin und zweifache Mutter Claudia Dzengel macht ihnen in Workshops und in ihrem neuen Buch „Kalligrafie und kreatives Schreiben für Kinder“ wieder Lust, mit der Hand zu schreiben.

Was ist Ihre Motivation, Kinder zum Schreiben mit der Hand zu ermutigen?
Claudia Dzengel: Es liegt mir daran, mit der Kalligrafie, die für mich auch „ausdrucksvolles Schreiben“ bedeutet, den individuellen Charakter zu fördern. Denn das Individuelle geht beim Schreiben am Computer verloren. Wenn zwei Kinder ein K drücken, unterscheiden sie sich nicht mehr. Das zu frühe Umsteigen auf das Schreiben am Computer sehe ich überhaupt mit Sorge, da sich der Prozess des Schreibens zuerst verinnerlichen muss. Mit der Hand zu schreiben bewirkt Vernetzungen im Gehirn, die ansonsten verloren gehen. Durch das Schreiben mit der Hand merken sich Kinder das Geschriebene auch besser. Denn der für die Sprache zuständige Gehirnteil arbeitet mit der Motorik zusammen.

Wie sehr macht Kindern das handschriftliche Schreiben Spaß?
Bei einem Kindergeburtstag habe ich mit Kindern nach Musik geschrieben und war erstaunt, wie begeistert die Kinder mitgemacht haben. Ich habe dort auch ihre Namen in einer mittelalterlichen Schrift geschrieben, und sie konnten nicht glauben, dass das nicht gedruckt ist. Die Kinder waren sehr motiviert, diese Schrift selbst zu schreiben.

In den Schulworkshops schreiben manche Kinder ein Blatt nach dem anderen voll, anderen fällt es schwerer, bei sich anzukommen und sich auszudrücken. Die Buchstaben werden in der zeitgenössischen Kalligrafie aber nicht nur schön, sondern auch wild oder gar unleserlich geschrieben. Wir experimentieren dabei mit verschiedensten Schreibwerkzeugen, von der Zahnbürste über die Pinselrückseite bis zum Balsaholz.

Für welches Alter ist die Kalligrafie am geeignetsten?
Ich biete Workshops ab der vierten Volksschulklasse an, da die Kinder in ihrem Schreiben dann so gefestigt sind – sowohl in der Druckals auch in der Schreibschrift -, dass sie einen Schritt weitergehen können.

Es ist auch das Alter, wo sie oft dem Computer verfallen. Hier kann man etwas gegensteuern und sie auf die Idee bringen, dass nicht alles nur am Computer machbar ist, sondern eine Geburtstagskarte auch mit der Hand geschrieben werden kann.

Claudia Dzengel: Kalligrafie und kreatives Schreiben für Kinder.
G&G Verlag, September 2013, 48 Seiten, Euro 16,80

 


Erschienen in „Welt der Frau“ 78/2013 – von Christa Langheiter