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Was verbindet einen Menschen, der am Lebensende steht, mit jenem, der gerade seine ersten Schritte ins Leben macht? Obwohl zwischen »Urlis« und ihren Urenkerln zwei Generationen liegen, harmonieren sie irgendwie. Ist es das gleiche Temperament? Ist es die Familiengeschichte? Oder ist es die Sehnsucht des gebrechlichen Menschen nach der Nähe des kleinen Wesens?

Langsam und vorsichtig streicht Katharina über den Arm ihrer Urgroßmutter Maria. Die Fünfjährige sagt nichts, aber sie wirkt nachdenklich, betrachtet die weiße, fast durchsichtige Haut. Sie schaut ihrer »Mitzi-Oma«, die in ihrem Bett liegt, lange ins Gesicht. Es ist jedes Mal ein zögerliches Herantasten des blond gelockten Mädchens an ihre »Urli«. Ein vorsichtiges Zugehen – nicht auf die Person selbst, sondern auf das Alter. Das Gebrechliche, der Geruch, die Haut, das Zittern der Hände, teils die Verwirrtheit oder die Schwerhörigkeit.

Ganz anders die Reaktion der »Urli«. Wenn Katharina bei der Tür des Altenheim-zimmers hereinkommt, beginnen die Augen der 85-Jährigen zu strahlen, der Raum füllt sich mit Energie und Lebensfreude: »Mein Katharinchen ist wieder da.« Sofort sucht die »Urli« Hautkontakt zu der Fünfjährigen. Nur die Finger halten und spüren. Berührung, das ist es, was Maria guttut. Aus dem Mund der alten Frau sprudeln Kindergedichte. Manchmal sagt sie Vicky zu ihr – der Name des anderen Urenkerls. Hat Katharina anfangs widersprochen, sagt sie nun nichts mehr darauf. Sie horcht und schaut. Langsam entsteht Nähe.

SEHNSUCHT. Jeder Besuch bei der »Urli« ist anders. Einmal sitzt sie wie ihr Ehemann Friedrich in einem Rollstühlen vor dem Altenheim in der Sonne, dann lässt sie sich im Pausenraum Kaffee und Kuchen schmecken, oder sie liegt in ihrem Bett. Katharina braucht immer etwas Zeit, um sich an die Umgebung zu gewöhnen. Im Speisesaal sind andere alte Menschen, die teils gefüttert werden oder komische Laute von sich geben. Dann ist da dieser Geruch, der einem entgegenschlägt. Er ist einmal intensiver, dann wieder nicht. Das ist alles sehr fremd für kleine Menschen. Doch das sind nur anfängliche Hürden. Es ist immer wieder faszinierend, wenn sich Katharina und ihre »Mitzi-Oma« begegnen. Obwohl 80 Jahre zwischen den beiden liegen, harmonieren sie irgendwie. Wahrscheinlich ist es das Temperament. Mitzi war immer eine gesellige Frau, hat für die ganze Familie aufgekocht und gebacken. Sie hat viel getanzt und gesungen, der

Nachmittagsplausch mit ihrer Freundin war ihr heilig. Ihr Fritz musste davon nicht immer wissen. Katharina ist ihr ähnlich – das Tanzen ist ihre Welt und auch das Essen. Wie würde sie es genießen, wenn die Mitzi noch selbst kochen und backen könnte. Sie würde mit ihr Germstriezel flechten, ihr Gulasch kosten und über ihrem Beuschel die Nase rümpfen. Katharina würde über die Stöckelschuhe staunen, auf die Maria immer so stolz war. Und auch Katharina hat ein Motto: »Mama muss nicht alles wissen.«

LOSLASSEN. Es braucht jedes Mal seine Zeit, bis die beiden, die eine blond und die andere weiß gelockt, im Gleichklang sind, und dann wackelt das Bett, wenn sie singen. Die anfängliche Unsicherheit des kleinen Menschen ist für diesen Besuch verflogen.
Distanz kommt erst dann wieder auf, wenn es zum Abschied das obligate Bussi sein soll. Eines links, eines rechts, noch einmal fest drücken. Mitzi fällt es schwer, loszulassen. Die Lockerheit der Fünfjährigen ist mit einem Mal verflogen, ihr Körper wird sonderbar steif, sie drängt zum Ausgang. Beim Hinausgehen ruft die »Mitzi-Oma« jedes Mal: »Kommt bald wieder!« Katharina winkt, und aus ihrem Mund sprudeln bereits die Fragen: »Hat die Oma noch ihre eigenen Zähne? Warum hat die Oma so eine durchsichtige Haut? Warum ist die Haut der Oma so weich? Warum hat die Oma so viele Knitter im Gesicht? Wonach riecht es in dem Zimmer? Ist die Oma alt? Wie alt ist sie? Muss sie bald sterben? Wie alt bist du? Wo hat die Oma gewohnt?« Fragen, deren Beantwortung meist eine ganze Lebensgeschichte erzählt, nämlich die ihrer Urgroßmutter, die so auch zu ihrer eigenen Geschichte wird.

Erschienen in „Welt der Frau“ 3/2012 – von Andrea Mann