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Eine ganz fremde Frau?

»Außer meinem Leben habe ich meiner Mutter nichts zu verdanken«, sagt Renate, 62. Vor vielen Jahren hat sie sich auf die Suche nach einer Fremden begeben.

Es hatte geklingelt. Völlig überraschend standen Mutter und ihr Mann vor der Tür. Er umarmte mich und sagte: »Jetzt sehen wir unsere Tochter endlich.« Sie eilte an mir vorbei in meine Wohnung, um dann jeden Tag wiederzukommen. »Morgen wollen wir Schweinsbraten und Marillenknödel.« Ich, verheiratet und damals Mutter von zwei Kin¬dern, wollte alles tun, um ihr zu gefallen. »Wenn du ein Schlampen geworden wärst, dann wären wir sofort wieder gefahren.« Ich lebte also in Verhältnissen, die für Mutter akzeptabel waren. Glück gehabt? »Ich hätte dich nie gesucht«, sagte sie viel später ganz nebenbei.

»Sei brav, dass sich niemand über dich ärgern muss.« So endete jeder Brief meines Vaters aus der Lungenheilstätte. Wie konnte Mutter diesen kranken Mann im Stich lassen?

Mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind hat er im Nebenhaus gewohnt. Ich bei der Oma. Meine Stiefmutter wollte nicht noch ein Kind verköstigen.

Aus einem inneren Bedürfnis habe ich sofort Mama zu ihr gesagt.

»Wir müssen zusammenhelfen«, hatte meine Großmutter auch nach dem Tod meines Vaters gesagt. Da war ich zehn Jahre. Von einer kleinen Witwenpension und ihrem Lohn als Hausbesorgerin lebten wir. »Da hungere ich lieber, bevor du in der Schule wie eine Armenchülerin gehandelt wirst.« Ich musste als Kind viel mit-arbeiten. Dass ich so lebensfroh geworden bin, verdanke ich dem lieben Gott und der Liebe meiner Großmutter.
Über die Geschichte meiner Mutter weiß ich wenig. Nur so viel, dass auch sie weggegeben worden war. »Ich habe es als Kind so schwer gehabt«, habe ich sie oft jammern hören. Ihr Ehemann wollte sie dafür entschädigen. Mit dem neuesten Auto, dem schönsten Haus, den größten Brillantringen. Dass sie mich alleine zurückgelassen hat, davon war nie die Rede.

»Du spinnst ja«, lautete ihre Reaktion auf meine dritte Schwangerschaft, über die ich mich sehr freute. Mutter hatte kein Kind mehr bekommen. Sie wollte zwar Kontakt zu ihren Enkelkindern, sie aber zugleich auf Distanz halten. Ich glaube, dass ihr zu viel Bindung zu nahe gegangen wäre. Ob sie sich jemals mit der Vergangenheit ausein-andergesetzt hat?

Ich bin versöhnt. Sie hat 28 Jahre meines Lebens nicht mitbekommen. Ähnlichkeiten zwischen uns habe ich all die Jahre keine entdeckt. Und trotzdem nenne ich sie seit dem Kennenlernen Mutter. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie die Nähe zu mir gesucht. Sie ist keine zärtliche Frau. Und doch konnte eine Art Freundschaft zwischen zwei erwachsenen Frauen entstehen, die wir sehr genossen haben. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem körperliche und geistige Veränderungen began¬nen, sie in eine andere Welt abzudrängen. Jetzt geht sie wieder davon, dachte ich, zuerst voll Wut, Enttäuschung und Traurigkeit.
Nun ist sie die Schwächere von uns beiden, und ich beginne, Muttergefühle für sie zu entwickeln.
Es dauert lange, bis man verzeihen kann. Wie sie mich als Baby zurücklassen konnte? Diese Frage hat mich nie beschäftigt. Vorwürfe stehen mir nicht zu.


Erschienen in „Welt der Frau“ 3/2012 – von Michaela Herzog