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Eine unsichtbare Dienerin
Marie, 39, war Tag und Nacht bemüht, ihren todkranken Mann zu betreuen und Familie, Kinder und ihren Beruf zusammenzuhalten.

Wenn ich mich bei jemandem vorstelle, sage ich: Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, mein Mann ist gestorben. Das Wort „Witwe“ nehme ich nie in den Mund. Vielleicht wegen seiner Endgültigkeit? Es gibt noch immer dieses Loch. Das Bewusstsein, dass ich nun wirklich alleine bin, hat sich erst ein Jahr nach seinem Tod langsam einzustellen begonnen. In den ersten Trauermonaten war ich mit meinen beiden Kindern viel unterwegs. Wir wollten einfach weg vom vertrauten Zuhause, an das uns die Krankheit monatelang „gekettet“ hatte. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne die Sorge, was daheim wohl vorfallen könnte.

Wir haben die Wände in unseren Lieblingsfarben gestrichen. Blau, Gelb, Rot. Mein Mann ist ein Sammler gewesen. Nach seinem Tod habe ich sofort zu entrümpeln begonnen – um meinen Platz im neuen Leben ohne ihn zu finden, ich hätte sonst im gemeinsamen Haus nicht weiterleben können.

In meinen Träumen taucht er immer nur als schwer kranker Mensch auf.

Sein Tod ist fast eine Erleichterung für mich gewesen. Das traue ich mich heute zu sagen. In den Monaten zwischen der Diagnose und seinem Tod war ich Tag und Nacht für ihn da. Ich plane gerne mein Leben. Durch seine Krankheit war ich gezwungen, immer nur auf das Jetzt zu reagieren. Auf seine furchtbaren Schmerzen, auf seine Ichbezogenheit.
Der letzte Urlaub, der letzte Geburtstag, der letzte Nikolaus, das letzte gemeinsame Weihnachtsfest. Dieses Wissen konnte ich nicht verdrängen. Keine Sekunde lang. Ich wusste, es gibt keine Hilfe, Besserung oder gar Heilung. Mein Mann hat sich an jede Hoffnung geklammert. Ich habe geschwiegen und ihn zu jedem Heiler begleitet.

Ob ich ihm eine große Stütze war? Ich habe einfach funktioniert. Wo war ich selbst in dieser Zeit? Unsichtbar und doch ständig da. Meine Kraft kam von irgendwo. Grundsätzlich bin ich ein gläubiger Mensch, doch in dieser Zeit habe ich jeden Glauben verloren. Ich konnte nicht mehr beten. Es war so unfassbar für mich. Ich war so wütend und verzweifelt. Er war noch so jung, die Kinder sind noch so klein.

Alle haben nach ihm gefragt, wie es ihm geht. Und mir? Doch, meine Eltern waren da. Und die ganz engen Freunde.
Zärtlichkeiten gab es zwischen uns keine mehr. Er hat sich in seinem Schmerz völlig abgekapselt. Er hat mich nicht mehr an sich herangelassen. Ich war im Schatten der Krankheit eine unsichtbare Dienerin, die aus Liebe alles für ihn und die Kinder getan hat. Ohne etwas zu erwarten. Seine Dankbarkeit zu spüren, hätte mir aber manchmal gutgetan.
Ich habe Hilfe von außen geholt, mich und die Kinder begleiten lassen, um nicht in diesem Meer von Gefühlen unterzugehen. Meine ArbeitskollegInnen haben ohne viele Worte diese Zeit mitgetragen. Das habe ich sehr geschätzt. Nichts wäre schlimmer gewesen, als jeden Tag mitleidige Blicke aushalten zu müssen. Mein Beruf hat mich abgelenkt, ich war gezwungen, andere Themen zu denken.

Seine letzten Tage haben wir gemeinsam im Krankenhaus verbracht. Ich bin an seiner Seite gelegen, bis er ruhig einschlafen konnte.

Jetzt, nach drei Jahren, stelle ich mir manchmal eine neue Beziehung vor. Das will ich wieder erleben.


Erschienen in „Welt der Frau“ 11/2012 – von Michaela Herzog