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Einen Moment mal, bitte!

Endlich einmal abschalten! Das ist ein Wunsch von vielen, im Alltag aber oft leichter gesagt als getan. Der Körper braucht das Innehalten ebenso wie die Seele. Wie jemand am besten zur Ruhe kommt, ist ein hochgradig individueller Prozess, doch jede und jeder kann Entspannung lernen.

Manchmal ist eine Rosine mehr als einfach nur eine Rosine. An diesem Mittwochabend sitzen acht Menschen in dem großen Zimmer einer Altbauwohnung in Wien-Penzing auf Matten und Pölstern auf dem Boden und betasten und verkosten einzelne Rosinen, die ihnen Ingrid Hubacek-Stenmo und ihr Kollege Christoph Köck gereicht haben. Ein privates Treffen von KulinarikfreundInnen? Weit gefehlt. Es handelt sich um den Auftaktabend eines achtwöchigen MBSR-Intensivtrainingskurses. MBSR steht für „Mindfulness Based Stress Reduction“ – zu Deutsch „achtsamkeitsbasierte Stressreduktion“ – und ist eine Methode zur Stress- und Stressfolgenbewältigung, die auf Atembeobachtung, Yoga-, Meditations- und Achtsamkeitsübungen aufbaut und vom US-amerikanischen Mediziner Jon Kabat-Zinn in den 1970er-Jahren entwickelt wurde.

Bei der „Rosinenübung“ geht es darum, den Autopilotmodus, der uns sonst meist durch unseren Alltag schleust, zu unterbrechen und sich einem ganz kleinen Ding wie einer Rosine für einige Augenblicke mit allen Sinnen zuzuwenden. Wie fühlt sich die Rosine an? Wie riecht sie? Wie schmeckt sie? Hört man vielleicht ein leises Geräusch, wenn man sie zwischen den Fingern hin- und herrollt? Was bei der Übung an diesem Abend nach wenigen Minuten an Eindrücken und Beobachtungen herauskommt, ist überraschend vielfältig.

GEDANKENSTROM
Wir nehmen das, was wir essen, oft kaum richtig wahr, erklärt MBSR-Trainerin, Atemtherapeutin und Yogalehrerin Ingrid Hubacek-Stenmo. Denn der Strom unserer Gedanken treibt uns vor sich her. Wir denken daran, dass wir noch auf die Bank müssen, bevor sie zusperrt, dass wir einen Anruf nicht vergessen dürfen und noch eine Flasche Wein besorgen sollten, ärgern uns über den Streit mit unserer Tochter von heute Morgen oder darüber, dass wir schon wieder nicht dazu gekommen sind, dreimal die Woche laufen zu gehen, wie wir es uns eigentlich vorgenommen hatten. Wir neigen dazu, Körper, Geist und Seele mit unseren selbst gemachten Gedankenbilderabfolgen in Anspannung zu halten. Das Hier und Jetzt verlieren wir dabei ebenso oft aus den Augen wie das Gefühl dafür, dass wir längst reif für eine kleine, entspannende Pause, für ein Atemholen und Innehalten wären.

ZWEI GEGENSPIELER
Dann komme irgendwann der Moment, sagt die oberösterreichische Ärztin Ingrid Eysn, in dem uns der Wunsch „Jetzt muss ich aber wirklich einmal abschalten“ wie eine Welle einholt. „Genau das sollte es aber nicht sein“, sagt sie. Eysn sitzt in ihrem Altausseer Behandlungszimmer und gießt mit gemessenen Bewegungen grünen Tee in zwei Tassen. Hinter der großen Glasfront des Raumes glühen die Felsabhänge der Trisselwand im letzten Abendrot. An deren Fuß liegt der Altausseer See dunkel und glatt wie eine Spiegelfläche. Seit einem Dreivierteljahr arbeitet Ingrid Eysn hier im Medizinbereich des neu eröffneten Kur- und Gesundheitsresorts „Vivamayr“. „Das Abschalten wird immer mit Urlaub, Wochenende oder Feierabend verbunden. Viel besser wäre es aber, es in kleinen Dosen in den Alltag zu integrieren.“ Denn unser Körper, so Eysn, sei so konfiguriert, dass er alle eineinhalb, zwei Stunden eine kurze Regenerationsphase brauche, um den Energiehaushalt halten zu können.

Die relevanten medizinischen Fachbegriffe dazu heißen Sympathikus und Parasympathikus. Der Sympathikus ist jener Teil unseres vegetativen Nervensystems, der unseren Körper für Anspannungs- und Anstrengungssituationen und höhere Leistungsfähigkeit ausrüstet. Entspannen wir uns, schaltet das vegetative Nervensystem auf den Parasympathikus um, der auch „Ruhenerv“ genannt wird. Er ist für die Regeneration und Erholung des Körpers zuständig, beruhigt die Atmung, entspannt die Muskeln, pegelt den persönlichen Ruhepuls wieder ein und führt dazu, dass die Ausschüttung von Stresshormonen wieder abnimmt. All das passiert, wenn wir uns entspannen. Beide Teile des vegetativen Nervensystems tun not. Jeder hat die Rolle des Gegenspielers des anderen.

STRESSFAKTOR „ARBEIT“
Allerdings ignorieren wir dieses natürliche Balancebedürfnis unseres Organismus gerne. Zu oft halten wir uns an den berühmten Slogan einer Baumarktkette, der da lautet: „Es gibt immer was zu tun.“ Und tatsächlich: Leben wir immer nach dieser Devise, ohne uns dazwischen auch einmal nicht mit den Anforderungen zu befassen, die der Alltag an uns stellt, beginnt irgendwann auch der Körper, auf die Daueranspannung und die nicht enden wollende Gedankenflut zu reagieren. Einer der Hauptverursacher für den Stress, den wir empfinden ist: die Arbeit. Auch MBSR-Trainerin und Psychotherapeutin Ingrid Hubacek-Stenmo hat in 25 Jahren therapeutischer Praxiserfahrung den Eindruck gewonnen, „dass das Berufliche viele Menschen mehr belastet als früher – ganz besonders junge Frauen“. Wer aber zwischendurch nicht abschalten kann, läuft Gefahr, mit der Zeit krank zu werden. Überlastung ist das ebenso einfache wie anschauliche Wort, das das Deutsche dafür hat. Das Spektrum der möglichen Folgen reicht von Gereiztheit, Erschöpfung und Schlafproblemen über Angstzustände, psychosomatische Magenerkrankungen und Kopfschmerzen bis zu Burn-out und Depressionen. Ärztin Ingrid Eysn kennt viele Typen von Stressgeplagten: die Mütter von kleinen Kindern, die seit drei Jahren keine Nacht durchgeschlafen haben. Die, die auch neben ihrer Arbeit noch ständig aktiv sind und vor allem davon gestresst sind, dass sie nie zur Ruhe kommen – nicht einmal beim Sport, den sie sich abverlangen. Oder die Dauerarbeitenden, die auch hier im Kur-Resort in Altaussee noch ständig an Laptop und Handy herumhantieren und extra darauf aufmerksam gemacht werden müssen, dass sie das einmal sein lassen sollen. Mit allen von ihnen macht Ingrid Eysn verschiedenste Abschalt- und Achtsamkeitsübungen. Auch die F.-X.-Mayr-Kur, die hier angeboten wird, ist weniger eine Diät als ein Reduktionsprozess, bei dem herausgefunden werden kann, was einem guttut und was man wirklich braucht. Wenn dann einer ihrer Klienten komme und über Hunger klage, könne sich im Gespräch durchaus herausstellen, dass es sich eher um ein Essbedürfnis aus Gewohnheit oder Langweile als um wirklichen Hunger handelt, sagt Ingrid Eysn. „Die Leute nehmen ihren Körper oft einfach nicht wahr.“

Für diesen Schwerpunkt haben wir die Wiener Psycho- und Atemtherapeutin, MBSR-Trainerin und Yogalehrerin Ingrid Hubacek-Stenmo (www.aufatmen.cc) gebeten, vier praktische Übungen aus ihrer Meditations- und Achtsamkeitspraxis auszuwählen, mit deren Hilfe man das Abschalten im Alltag üben kann. Diese Übungen lassen sich auch zwischendurch machen, weil sie wenig Zeit in Anspruch nehmen. Diese Übungen sehen Sie auf den Fotos der folgenden Seiten – vorgezeigt von Laya Kirsten Commenda, „Welt der Frau“- Kolumnistin und Yogalehrerin in Linz.

U+C-Übung nach Jon Kabat-Zinn

47_151205-_DSC8837-2 KLEINAnleitung: Gehen Sie in die Knie, strecken Sie die Arme nach vorne oben und schauen Sie dabei auf den Boden. Bleiben Sie ein paar Atemzüge in dieser Position. Dann bewegen Sie die gestreckten Arme nach unten und hinten. Ein paar Atemzüge machen und dann die Arme wieder zurück nach oben führen. Abwechselnd ein paar Mal wiederholen. Bleiben Sie präsent und auf die Übung konzentriert. 

Ort: Überall, wo Platz dafür ist.

Dauer: Drei Minuten.

Ziel: Lockerung der Wirbelsäule, Mobilisierung der Muskeln und des Rückens bei gleichzeitiger Konzentration und Vertiefung des Atems. 

 

 

Elisabeth Kultscher (39),

Kindergärtnerin und derzeit Hausfrau, Wilhelmsburg
50_Elisabeth vor den Ahnen KLEIN

Elisabeth Kultscher findet bei der Ahnenforschung ihren Ausgleich zum Alltag.

Die Ahnenforschung ist ein Wechselbad der Gefühle für mich. Sie lenkt mich ab, und ich erhole mich dabei, obwohl es aufregend ist. Angefangen habe ich damit vor drei oder vier Jahren. Ich suche übers Internet, über Kirchenbücher und das Landesarchiv nach meinen Vorfahren. Ausgelöst hat das eigentlich meine Oma, die mir von klein auf immer erzählt hat, wie es früher war. Das hat mich immer brennend interessiert. Als meine Tochter dann in den Kindergarten kam, hatte ich vormittags plötzlich Zeit, mich hinzusetzen. Ich tauche ein in alle Familienlinien und will immer mehr wissen, und es befriedigt mich, wenn ich dann zum Beispiel herausfinde, wie ein bestimmter Hof in die Familie gekommen ist. Mit der Zeit ist es immer mehr geworden. Inzwischen habe ich schon ein Buch über einen Familienzweig geschrieben, und ich habe noch andere Bücher in Planung. Die Ahnenforschung funktioniert für mich wie eine Art Abschaltmodus. Ich brauchte irgendeinen Ausgleich zum Alltag mit Kind, etwas, was mich anregt und entspannt und mich gleichzeitig aus dem Alltäglichen herausholt. Vorher war mir das nicht so bewusst. 

Weitere Übungen, Porträts und Informationen zum Thema „Abschalten“ finden Sie in „Welt der Frau“ – Ausgabe 01/16 

Erschienen in „Welt der Frau“ 01/16 – von Christa Spannbauer