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Einfach nicht von der Stange

Hier geht es nicht um Modetipps, hier geht es um weit mehr. Natürlich auch um die Beschreibung der Ikone Michele Obama und der Standardisierung des Amerikanischen Präsidenten Barack Obama: Er zeigt mit seinen Anzügen understatement, sie schillert neben ihm, zeigt Kraft und Entschlossenheit in schillernden Gewändern. Und dann natürlich auch die Selbstdarstellung der deutschen Kanzlerin: Wer schmucklos und funktional gekleidet ist, schafft es. Das „es“ bedeutet: Erfolg, Durchsetzungskraft, Ernstgenommenwerden.

Barbara Vinken zeigt anhand prominenter Beispiele, wie sich Männer- und Frauenmode entwickelte, welche Rolle dabei Chanel spielte und wie weit die Modediskussionen Klassendiskussionen sind bzw. wurden. Die Romanistin Barbara Vinken setzt sich u. a. mit der Diskrepanz von Weiblichkeit und Business auseinander. Ob „in Schwabing oder Oberkassel“, so die Autorin, drückten Frauen mit ihrer Kleidung selbstbestimmte Zeitgestaltung aus, während Männer Berufsuniformen tragen. Nicht, dass man das nicht längst seit dem Film/Roman „Der Teufel trägt Prada“ wüsste: Mode ist niemals Zufall, das glauben nur die besonders Ignoranten.

Die Deutung der Mode, ihrer Spielarten, ihrer prominenten Vertreterinnen und Vertreter ist reizvoll: Wo wirkt Orientalisches bedrohlich? Was ist ein Puderkrieg?

Frauen zeigen in ihren Kleiden selbst dann, wenn sie hart arbeiten, dass sie sich von der Berufswelt nicht vereinnahmen lassen, sondern Zeit und Muße haben, sich den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Und vor allen Dingen ganz Frau bleiben. Schlank, leicht gebräunt, dezent trainiert: ein Körper, subtil inszeniert, der zeigt, dass er das überzeugende Resultat vieler in ihn investierter Stunden Arbeit ist. Zeit investiert man vor allem in sich selbst.

Selbst die bequemen Tods werden analysiert: Frau soll doch authentisch sein, es lebe der Pferdeschanz, in all seiner Individualität, in der Zeit, in der Jacke und Hose nicht mehr zusammenpassen müssen. Freiheit – in allen Kombinationen. Eine lustvoll geschriebene Analyse, die ebenso lustvollen Lesegenuss beschert. Nach Lektüre will man den eigenen Kleiderkasten dann doch noch einmal genau anschauen: Nein, das alles gilt für einen selber nicht, nein, man selber ist doch so was von individuell.

Barbara Vinken: Angezogen
Stuttgart: Klett-Cotta 2013

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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