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Einmal schreiben wie Günther Grass

Die Märchen von 1001 Nacht haben ja schon mal geholfen, jetzt kehren wir zurück zum Lesen und das in genau 19 Abenden. Klar bekommen wir davor die Spielregeln erklärt, sogar mit Formular zum Nachmachen. Da wird mit dem Zauber des Anfangs gespielt, genauer mit dem Zauber des Romananfangs. Probieren wir es doch gleich aus, alle Streber heben die Finger, die Frischmaturierten haben es schwerer, die Alten kannten Romananfänge ja noch besser, also die nicht ZentralmaturantInnen, die hatten zumindest diesen Romananfang drauf, sogar ich mit meiner Handelsakademie-Matura kannte den. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Genau, da könnten wir doch gleich mal mitraten. „Ilsebill salzte nach.“ Ja, das wird schon schwieriger.

Aber wie geht es weiter? Selbst bei diesen kanonisierten Anfängen verlässt uns häufig schon beim zweiten Satz die Textkenntnis. Dafür eröffnen sie sofort Assoziationsräume und engen gleichzeitig den Korridor der plausiblen Fortsetzungen ein. Das gilt in gleichem Maße für weniger berühmte erste Sätze. Bei Mimikry ist der erste Satz der Ausgangspunkt, von dem aus die Mitspieler weiterschreiben.

Dann also auf zum ersten Abend, einem 14. März 2015, Holm Friebe ist Gastgeber, die Chronistin die rotzfreche Jungautorin Ronja von Rönne, weitere Spieler Philipp Albers, Lukas Imhof und Lina Muzur. Genau, dann beginnt man zu googeln, was dier Imhof macht und die Lina Muzur und schon geht es los. Die Romane, aus denen der jeweils erste Satz vorgelesen wird sind unter anderem „Portnoys Beschwerden“ von Philip Roth, „Gläserne Bienen“ von Ernst Jünger und „Albatros“ von Stanislaw Lem, drei habe ich jetzt nicht erwähnt. Ob diese professionellen LeserInnen wohl den echten Philip Roth erraten aus den so gut „nachgemachten“ bzw. „nachempfundenen“ weiteren Sätzen? Klar, die Auflösung kriegen wir auch mitgeliefert, wäre ja sonst nicht auszuhalten, dass jede Leserin und jeder Leser in die nächste Öffentliche Bibliothek rennen müsste, um nachzuschauen. Obwohl, das wäre doch ein Anfang, Bibliotheken 24 Stunden lang aufzusperren und die Leute dafür zu bezahlen. Vielleicht ja auch nur 12 Stunden oder 8 oder so. Und das Personal zu bezahlen, sagte ich das schon?


Was Sie versäumen, wenn Sie das Buch nicht lesen: ein besonderes Salonspiel, Freude am Dichten, sich einmal wie die ganz Großen fühlen, die Chance, so richtig zu punkten, kennenlernen besonderer Bücher, Texte, Zeit, sich mit Literatur zu beschäftigen und dabei nicht Bestenlisten auswendig lernen zu müssen, Anregungen, wie man Lust aufs Lesen machen kann ohne gleich ein Stundenbild zu entwerfen, so richtig lachen können und dann noch völligen Unsinn über Käseschnittchen lesen oder waren es Käsehäppchen oder war es einfach doch nur Käse?

 

Die Herausgeber – Philipp Albers und Holm Friebe – sind Gründer und Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin; sie spielen gern und sind klug dabei, erfanden elaborierte Spiel- und Improvisationsformate wie Powerpoint-Karaoke.

 

 

Philipp Albers, Holm Friebe (Hrsg.):

Mimikry. Das Spiel des Lesens.

Blumenbar.

Auch als Ebook erhältlich

 

Christina Repolust

wurde 1958 in Lienz/Osttirol geboren. Sie schloss das Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg ab. Seit 1992 ist sie Leiterin des Referats für Bibliotheken und Leseförderung der Erzdiözese Salzburg und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache. Zudem leitet sie Literaturkreise und Schreibwerkstätten für Groß und Klein. Ihre Leidenschaft zu Büchern drückt die promovierte Germanistin so aus: „Ich habe mir lesend die Welt erobert, ich habe dabei verstanden, dass nicht immer alles so bleiben muss wie es ist. So habe ich in Romanen vom großen Scheitern gelesen, von großen, mittleren und kleinen Lieben und so meine Liebe zu Außenseitern und Schelmen entwickelt.“

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